Lieber Zeitgeist als Grammatik. Wieso viele Junge nicht mehr richtig lesen und schreiben können

Lieber Zeitgeist als Grammatik. Wieso viele Junge nicht mehr richtig lesen und schreiben können

Das Niveau der Lese- und Schreibkompetenz in der Schweiz verändert sich. Orthographie und Leseverständnis bereiten vielen Schülern Mühe.

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von Nicole Ruggle am 23.8.2021, 04:00 Uhr
Bild: Unsplash
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Die Resultate der letzten PISA-Studie sind ernüchternd: Bei Schweizer Teenagern nimmt die Lesekompetenz kontinuierlich ab, liegt gar unter dem OECD-Durchschnitt. Auch die Rechtschreibkompetenz scheint stellenweise zu leiden, allerdings fehlen hier flächendeckende und aussagekräftige Studien. An Schweizer Hochschulen werden tatsächlich Trends beobachtet, allerdings seien diese nicht durchgehend negativ zu werten.
Laut PISA-Studie aus dem Jahr 2018 zeigt sich ein beunruhigender Abwärtstrend. Getestet wurden 15-jährige Schülerinnen und Schüler. Die Ergebnisse wurden im internationalen Vergleich an den Mittelwerten der Gesamtergebnisse gemessen.
Die Autoren des PISA-Berichts kommen zum Schluss, dass sich die Inhalte, mit denen sich 15-Jährige beschäftigen, in den letzten 20 Jahren stark verändert haben. Schülerinnen und Schüler würden in ihrer Freizeit weniger zum Vergnügen lesen, insbesondere weniger Bücher, Zeitschriften und Zeitungen. Stattdessen hätte der Konsum von Online-Inhalten (Foren, Informationsseiten, Chats) zugenommen.
Die Lesekompetenz der Schüler wurde den vier Kategorien «Flüssig Lesen», «Lokalisieren von Informationen in Texten», «Textverstehen» sowie «Bewerten und Reflektieren von Texten» erhoben.
Diese wurden sechs verschiedenen Kompetenzniveaus zugeordnet. Die Mindestanforderungen gelten als erfüllt, wenn mindestens das Niveau zwei (von insgesamt sechs Niveaus) erreicht wird. Dies ist bei einem Viertel aller Studienteilnehmer in der Schweiz nicht der Fall. Ein weiteres knappes Viertel schafft es nicht über die Mindestanforderungen im Lesen hinaus. Nur sieben Prozent erreichen das zweithöchste Niveau – und lediglich ein Prozent erfüllt das höchste Kompetenzniveau.
Am schlechtesten schnitten die Schüler beim Punkt «Bewerten und Reflektieren von Texten» ab. Dieser wird laut den Autoren der Studie als schwierigster Prozess erachtet. Die Schülerinnen und Schüler sollen dabei die Qualität und Glaubwürdigkeit eines Textes in Inhalt und Form beurteilen können.
Die Schweiz liegt mit durchschnittlich 484 erreichten Punkten beim Lesen unter dem OECD-Mittelwert (487 Punkte). Auch die Lesekompetenz der Schweiz ist in den letzten drei Jahren um acht Punkte gesunken.
Zusätzlich hat sich der Graben zwischen den lesestärksten und leseschwächsten Schülern in den letzten drei Jahren weiter vertieft. So nahm die Leistungsdifferenz zwischen den schwächsten und stärksten Leserinnen und Lesern in der Schweiz innerhalb von drei Jahren um 18 Punkte zu.
Auch der Anteil an leseschwachen Schülerinnen und Schülern ist um vier Prozentpunkte gestiegen. Alle drei Jahre steigt also der Anteil an Teilnehmenden, die eher bescheidene Resultate erzielen. Die Autoren des Berichts beschreiben dies in ihrem Fazit als «beunruhigende Beobachtungen».
Wo liegen die Ursachen? Diese sind vielschichtig. Sowohl der sozioökonomische Status, wie auch das Geschlecht, die Frage, ob ein Migrationshintergrund vorhanden ist, und welche Sprache zu Hause bei den Teilnehmenden hauptsächlich gesprochen wird, haben Einfluss auf die erreichten Punkteanzahl. Weibliche Testpersonen schnitten im Durchschnitt besser ab als männliche, einheimische Jugendliche besser als solche mit Migrationshintergrund und Teilnehmende, bei denen zu Hause die Testsprache gesprochen wird, besser als jene, bei denen eine andere Sprache im familiären Umfeld gesprochen wird.

Schreiben nach Lust und Laune

Wie das eingeordnet werden kann: Dazu gibt es kaum aussagekräftige Studien und noch seltener statistische Erhebungen. Wenn nun Jugendliche dürftige Kompetenzen aufweisen, lohnt sich möglicherweise ein Blick in die Primarschulen. Eng verknüpft mit der Thematik der Lesekompetenz ist denn auch die des Schreibens. Doch gerade im Bereich der Bildungspläne zeigt sich in den Kantonen der typisch föderalistische Flickenteppich. So orientieren sich derzeit 22 Kantone am «Bildungsplan 21», der unter anderem das Prinzip «Schreiben nach Gehör» empfiehlt; eine umstrittene Praxis, die, so der Vorwurf, zur Verschlechterung von Orthographie- und Lesekompetenz beitrage.
Darüber mokiert sich SVP-Nationalrat Peter Keller (NW) in einer Interpellation an den Bundesrat. Diese umstrittene Unterrichtstechnik ermutige Schweizer Primarschüler,«einfach drauf loszuschreiben». Orthographie spiele dabei keine Rolle mehr. Keller befürchtet, dass sich Kinder falsche Wortbilder einprägen würden, die dann nur mit Mühe wieder abzutrainieren seien. Zudem hätten Studien gezeigt, dass diese Methode wesentlich mitverantwortlich für die ungenügende Rechtschreibfähigkeit junger Erwachsenen sei. Die Kantone Aargau und Nidwalden haben bereits reagiert und «Schreiben nach Gehör» aus ihren Lehrplänen verbannt.
Möglicherweise liegt der Ursprung der ungenügenden Deutschkompetenz also im Bereich der falschen Unterrichtsmethoden. Aber was bedeutet das für Jugendliche, wenn sie den Sprung von der Oberstufe auf eine weiterführende Schule schaffen? Wie schlägt man sich mit unterdurchschnittlichen Fähigkeiten im Fach Deutsch im Hochschulbereich durch?

Interpunktion: Flop - Gender: Top

Susanne Loacker vom Institut für Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW sagt, dass vor allem die korrekte Anwendung von Interpunktion ein Problem sei: Von der Aufnahmeprüfung bis Ende Studium. Auf Gross- und Kleinschreibung werde offensichtlich auch immer weniger Wert gelegt. Loacker kann nicht genau sagen, warum das so ist. Sie vermutet, dass diese Phänomene mit der digitalen Alltagskommunikation in den sozialen Medien, der damit verbundenen Beschleunigung und der zunehmenden Bedeutung des englischen Sprachgebrauchs zusammenhängt. Ein weiteres grosses Problem sei die falsche logische Verknüpfung von Ausdrücken, Aussagen und Sätzen. So würden Metaphern oder stehende Wendungen oft in einer Art und Weise verwendet, die sinnwidrig seien.
Wichtig ist für Loacker, dass die Studenten auf gesellschaftliche Veränderungen adäquat reagieren. So beziehen heutige Studierende den Zeitgeist in ihre Schreibweise mit ein, legen mehr Wert auf inklusives Schreiben (Verwendung von männlichen und weiblichen Formen). Eine generelle Abnahme der Lesekompetenz beobachte man im Studiengang Kommunikationswissenschaft nicht, aber das genaue Lesen müsse schon gezielt trainiert werden. Unter dem Strich, so Loacker, werde die Kompetenz im Lesen und Schreiben nicht zwingend schlechter, aber sie verändere sich, passe sich gesellschaftlichen Trends an.
Ähnlich pragmatisch sieht es Andreas Härter, Dozent für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität St. Gallen: Von einem generell deutlich wachsenden Defizit bei Lese- und Rechtschreibkompetenzen Studierender in den letzten Jahren zu sprechen, erscheint ihm diskutabel. Was die Lesekompetenz betreffe, beobachte er keine Abnahme. Bei der Schreibkompetenz sei die Bandbreite grösser geworden: Nach wie vor produzieren viele Studierende sprachlich einwandfreie Texte (was natürlich nicht nur eine Frage der Rechtschreibung sei); andererseits fänden sich öfter orthographisch mangelhafte Texte mit mehr oder weniger hoher Fehlerdichte. Zu Letzterem trage wohl nicht nur veränderte Schwerpunktsetzungen in der Schulbildung, sondern auch die Intensivierung schriftlicher Kommunikation in dem wenig genormten Bereich der Sozialen Medien bei. Immerhin: Selten gehe die Fehlerhaftigkeit so weit, dass die Konsistenz und Verständlichkeit der Texte leide.
Die Frage, wie es nun tatsächlich um die Orthographie-Kenntnisse junger Erwachsener steht, lässt sich also nicht so leicht beantworten. Dafür fehlen die harten Fakten. Es drängt sich die Frage auf, warum diese Kompetenzen nicht schon lange regelmässig statistisch analysiert und festgehalten werden.
Immerhin der «Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben» weist Zahlen zum Phänomen «Illettrismus» aus, wenn auch sehr allgemein gehalten.

«Illettrismus beschreibt das Phänomen, dass in Gesellschaften mit langjähriger Schulpflicht viele Menschen nicht über jene Lese- und Schreibkompetenzen verfügen, die allgemein erwartet und gefordert werden.»

So seien laut einer Studie aus dem Jahr 2006 rund 800’000 Menschen in der Schweiz zwischen 16 und 65 Jahren von einer Lese- und Schreibschwäche betroffen. Soziale Faktoren und das Alter der Betroffenen spiele eine grosse Rolle. Illettrismus bleibe nicht ohne Folgen. Die Betroffenen müssten mit einem Ausschluss von gesellschaftlichen Leben, Abhängigkeiten von anderen oder schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt rechnen. Auch volkswirtschaftlich sei der Schaden hoch. So schätzt eine andere Studie aus dem Jahr 2007, dass die Kosten des Illettrismus (Erwerbs- und Steuerausfälle, Ausgaben der Sozialwerke wie ALV, Sozialhilfe und IV) die Allgemeinheit mehr als eine Milliarde Franken pro Jahr kosten würde. Schäden aus der Privatwirtschaft noch nicht mit eingerechnet.

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