Klimawandel: Und ewig droht der Untergang

Klimawandel: Und ewig droht der Untergang

Es wimmelt an angekündigten Katastrophen wegen der Erderwärmung. Solche Prophezeiungen, die dann doch nicht eintreffen, untergraben das Vertrauen in die Wissenschaft, warnen zwei amerikanische Forscher.

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von Alex Reichmuth am 24.4.2021, 09:49 Uhr
Katastrophen-Ankündigungen am Laufmeter:  Prinz Charles. Bild: Shutterstock
Katastrophen-Ankündigungen am Laufmeter: Prinz Charles. Bild: Shutterstock
Es war eine drastische Prophezeiung, die der Klimaaktivist und frühere US-Vizepräsident Al Gore 2006 machte. Wenn die Welt nicht sofort Massnahmen gegen den Treibhausgas-Ausstoss ergreife, würde sie in nur zehn Jahren einen «Point of no return» überschreiten. Es handle sich um einen «echten planetarischen Notfall». Ähnlich drückte sich im gleichen Jahr der damalige britische Premier Tony Blair aus, als er über den Klimawandel sprach: «Wir haben ein Fenster von nur zehn bis fünfzehn Jahren, um die notwendigen Schritte zu tun, damit wir nicht katastrophale Kipppunkte überschreiten.»
Auch Angela Merkel hat einen Hang zu düsteren Umweltwarnungen. Die Klimagas-Emissionen müssten spätestens bis 2020 ihren weltweiten Höhepunkt erreichen, sagte die deutsche Kanzlerin 2009. Ansonsten werde das Klima unkontrollierbar, was dramatische Auswirkungen auf die Erde hätte. Prinz Charles flirtet ebenfalls gerne mit dem Untergang. 2009 mahnte der britische Thronfolger, die Menschheit habe noch 96 Monate, also acht Jahre Zeit, um die Welt vor einem unumkehrbaren Kollaps des Klimas und des Ökosystems zu retten.
Endzeit-Prophezeiungen sind in Mode gekommen, seit die Umweltbewegung im letzten Jahrhundert an Bedeutung gewonnen hat. Der Mensch zerstört seine Lebensgrundlagen, und es bleibt nur noch wenig Zeit für eine Umkehr, lautet das ewig gleiche Narrativ. So warnte die amerikanische Zoologin Rachel Carson 1962 in ihrem Buch «Der stumme Frühling» vor dem baldigen Verschwinden der Vogelwelt wegen künstlicher Pestizide. Der US-Biologe Paul Ehrlich prophezeite 1968, dass wegen des Bevölkerungswachstums in den 1970er-Jahren mit Hunderten von Millionen Hungertoten zu rechnen sei. 1972 sagte der Club of Rome den baldigen Kollaps der Zivilisation wegen Übernutzung der natürlichen Ressourcen voraus. Keine der Prognosen trat ein. Dennoch hat der Klimawandel und seine möglichen Folgen in den letzten 20 Jahren eine neue Welle an Katastrophen-Ankündigungen hervorgebracht.

79 Katastrophen-Ankündigungen untersucht

Zwei Forscher der Carnegie Mellon University im amerikanischen Pittsburgh haben solche Untergangs-Prophezeiungen systematisch gesammelt und sind ihrer Wirkung auf den Grund gegangen. In ihrer Studie «Apocalypse now? Communicating extreme forecasts» kommen David Rode und Paul Fischbeck im «International Journal of Global Warming» zum Schluss, dass solche Prognosen ein schlechter Weg sind, um wichtige Informationen zu kommunizieren.
Konkret haben die Wissenschaftler 79 Ankündigungen von Apokalypsen im Zusammenhang mit dem Klimawandel untersucht, die in den letzten fünfzig Jahren gemacht worden sind. Die durchschnittlich gesetzte Frist bis zum Eintreffen der angeblichen Katastrophe betrug 20 Jahre. Bei 48 Prognosen ist diese Frist inzwischen bereits abgelaufen, ohne dass der Weltuntergang eingetroffen wäre.
Nicht nur Politiker und Umweltaktivisten, sondern auch Forscher und Fachleute malen gerne schwarz. So behauptete der Weltklimarat 2007, dass nur noch acht Jahre Zeit bleibe, um eine gefährliche Erwärmung von zwei Grad oder mehr abzuwenden. James Hansen, der als einer der führenden US-Klimaforscher gilt, kündigte 2009 zum Amtsantritt von Präsident Barack Obama an, dass noch eine Amtszeit, also vier Jahre, übrig seien, um einen zerstörerischen Klimawandel abzuwenden. 2013 ermahnte das renommierte Massachusetts Institute of Technology Obama erneut, dem Klimawandel oberste Priorität einzuräumen – ansonsten drohten «entsetzliche Konsequenzen» innerhalb «der nächsten Jahrzehnte«. Michael Mann, auch er ein bekannter Klimaforscher, kündigte 2014 an, dass bis 2036 eine Schwelle mit schlimmen Konsequenzen für die menschliche Zivilisation überschritten werde, wenn die Verbrennung fossiler Brennstoffe weitergehe wie heute.

«Einige Gänge zurückschalten»

Rode und Fischbeck argumentieren in ihrer Studie, dass solche Prognosen kontraproduktiv seien. Wenn angekündigte Katastrophen regelmässig nicht einträfen, «untergräbt das das Vertrauen der Öffentlichkeit in die zugrunde liegende Wissenschaft». Es sei wie beim Jungen, der dauernd rufe, der Wolf sei da. «Wenn ich wiederholt feststelle, dass Ankündigungen versagen, fehlt mir der Wille, weitere Ankündigungen ernst zu nehmen», so Paul Fischbeck.
Klimawissenschaftler sollten ein paar Gänge zurückschalten und von sensationsheischenden Weltuntergangs-Prognosen mit vagem Eintrittsdatum Abstand nehmen, empfehlen die Studienautoren. Vielmehr sollten sie sich an weniger spektakulären Vorhersagen für genau definierte Zeiträume in der näheren Zukunft ihre Sporen abverdienen. Durch regelmässige Vorhersage-Erfolge lasse sich so das Vertrauen der Öffentlichkeit gewinnen.
Viele Endzeitpropheten scheinen aber nichts davon zu halten, einige Gänge zurückzuschalten – selbst wenn sie mit Prognosen schon spektakulär gescheitert sind. Nachdem Paul Ehrlich mit seinen Hungersnöten falsch lag, kündigte er 2018 an, der Untergang der menschlichen Zivilisation in den kommenden Jahrzehnten sei «nahezu gewiss». Auch Prinz Charles verbreitet weiterhin Ablaufdaten für das Abwenden des Weltuntergangs. Er sei der «festen Überzeugung», so Charles 2019, dass die nächsten 18 Monate entscheidend seien, den Klimawandel auf ein «überlebbares Niveau» zu begrenzen.
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