Klimastreik: Es ging um alles, es passierte wenig

Klimastreik: Es ging um alles, es passierte wenig

Es war der erste grosse Klimastreik dieses Jahres – und der letzte vor der kommenden Abstimmung über das CO2-Gesetz. Eine Reportage.

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von Serkan Abrecht am 21.5.2021, 19:07 Uhr
Zwei Anliegen, eine Demo: Gegner des PMT-Gesetz und Klimaaktivisten in Zürich. Bild: Sandro Frei
Zwei Anliegen, eine Demo: Gegner des PMT-Gesetz und Klimaaktivisten in Zürich. Bild: Sandro Frei
Mitarbeit: Sandro Frei, Sebastian Briellmann, Stefan Bill
Unterdurchschnittlich warm, dafür überdurchschnittlich nass präsentierte sich der heutige Freitag, an dem eigentlich wieder Tausende auf die Strasse sollten, um gegen den Klimawandel und für die Zukunft unseres Planeten zu kämpfen. Damit reiht sich der Tag perfekt in die letzten paar Wochen ein und verleiht den diversen Veranstaltungen in der ganzen Schweiz einen dezent-ironischen Unterton. Dem Regen ist es vermutlich auch zuzuschreiben, dass in vielen Städten nicht die gewünschte Anzahl Menschen erschienen ist.
Dabei wäre es heute ja um alles gegangen, zumindest muss dieser Eindruck entstehen, wenn man sich das «Manifest», das extra für diesen Tag verfasst worden ist, zu Gemüte führt. «System change, not climate change.» Viele sogenannte intersektionelle Bewegungen haben sich zusammengeschlossen. Es geht nicht nur ums Klima, es geht eben: um alles. So erstaunte es nicht, dass neben der Klimabewegung auch die Gewerkschaften, Frauenorganisationen, oder die Häuser-Besetzer-Szene vertreten waren. Und geträumt haben sie. Von Zehntausenden Demonstranten, vom grossen Comeback. Zumindest in den Städten Bern und Basel erfüllte sich dieser Traum nicht, da waren es eher Kleingruppen, die sich getroffen haben, alles im kleinen Rahmen.
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In Zürich waren rund 3000 Menschen anwesend. (Bild: Stefan Bill)
Dafür war den Initianten keine Drohung zu absurd. Im Manifest wird von «300 Millionen bis drei Milliarden» Toten gewarnt, sollte die globale Erwärmung um zwei Grad steigen. Schlimm steht es offenbar auch um unsere Demokratie. Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, einst schonungsloser Analyst und Kritiker unserer Gesellschaft, hat einmal geschrieben, dass es für ihn weltweit nur eine Demokratie gebe: die Schweiz. Anscheinend stimmt auch das nur noch «teilweise», wie im Manifest geschrieben steht: «Wir brauchen ein neues Verständnis von Demokratie. Gemeinsam möchten wir über unsere Arbeits- und Lebensbedingungen entscheiden. Lokal, regional sowie international müssen wir demokratische Gefässe aufbauen.»
Ökologisch, sozial, feministisch und antirassistisch! Das will man alles sein. Klingt wunderbar, oder? Dass bei vielen Bewegungen auf dem ganzen Planeten massive antisemitische Ausfälle zu beklagen sind, angefangen bei Greta Thunberg: Darüber wurde an den Demonstrationen – vielleicht gar nicht so überraschend – kein Wort verloren.
Der «Nebelspalter» war in den Städten Bern, Basel und Zürich vor Ort.

Bern

In Bern war die Situation überschaubar. Rund drei Dutzend Aktivisten trafen sich auf dem Schwellenmätteli und liefen dann Parolen rufend in die Innenstadt. Ein Aktivist teilte sein Bedauern mit, dass man nicht in grossen Massen demonstrieren könne. Man habe sich jedoch dezentral in Grüppchen organisiert, was eine auch eine Wirkung entfalte. Von dieser Wirkung sieht der gemeine Bürger jedoch wenig. Erheiternd ist zudem die «20min»-Live-Berichterstattung. Die Reporterin befragt einen Aktivisten kurz vor dem Bellevue zu seinen Absichten, während sich der Pulk von zirka 30 Leuten davonbewegt. Rund 20 Minuten lang suchen die Reporterin und der deutsche Aktivist ihre Gspänli. Diese haben sich wieder dezentral aufgeteilt. Ein paar sind auf dem Waisenhausplatz, ein paar beim Bahnhof. Klimastreik in Bern: harmlos, überschaubar.

Basel

In Basel ists immer dasselbe. Ironischerweise mal wieder bei garstigen Bedingungen, begleitet von einem widerwärtigen Regen. Auch die Parolen bleiben dieselben: Die Sprecher, pardon, die Sprecher*innen (oder heisst es Sprecher:innen?) sind meist jugendlichen Alters, das Publikum schon deutlich älter. Der Kapitalismus ist böse, die Apokalypse ist nah. Mehr bleibt nicht hängen im kollektiven Gedächtnis. Vielleicht tausend Personen sind gekommen (während Tausende strammen Ganges desinteressiert an der Kundgebung vorbei ins verlängerte Wochenende abziehen); das ist sicher besser als das bemitleidenswerte Grüppchen in Bern. Aber eben, so auch nicht wirklich viel an einem Tag, an dem es um alles geht. Vielmehr ist es sympathisch, friedlich, irgendwie härzig. Die Aktion des Tages sind Dutzende bunte Steine am Spalenberg, einem – übrigens ziemlich kapitalistischen Shopping-Hotspot dieser Stadt –, auf denen jeweils eine Forderung geschrieben steht. Das ist schön anzusehen, stört niemandem, lädt zum Innehalten ein. Das ist es dann an Neuem bereits wieder gewesen.
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Die bunten Steine am Spalenberg (Bild: Sebastian Briellmann)

Zürich

In Zürich hingegen trafen sich gemäss Angaben der Polizei 3000 Leute zur Demonstration auf dem Helvetiaplatz. Der Platz selbst wurde seitens der Organisatoren in «Ni-una-menos-Platz» umbenannt. Die Organisatoren selber sprachen von 8000 Aktivisten, die sich heute in der ganzen Schweiz an den Aktionen beteiligt hätten. Auf dem Platz selber herrschte trotz des schlechten Wetters eine ausgesprochen lockere und entspannte Atmosphäre. Unterschiedlichste Gruppen waren mit Gefährten aller Art präsent, oft mit einer Musikanlage. Die UNIA kam mit einem Bagger, der wohl die Bauarbeiter versinnbildlichen sollte.
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Ob der Bagger gut fürs Klima ist sei dahingestellt. (Bild: Stefan Bill)
Die Teilnehmer wurden auf die geltenden Corona-Massnahmen aufmerksam gemacht und gebeten, sich an das Sicherheitskonzept zu halten. Dies wurde mit eigenen Sicherheitsleuten kontrolliert, sodass die Polizei nicht eingreifen musste.
Um 18 Uhr war der Beginn der Demonstration angesagt, mit einer halben Stunde Verspätung schliesslich begann sich der Demonstrationszug in Bewegung zu setzen. In der Zwischenzeit wurden Flyer abgegeben, die unter anderem für ein Nein zum CO2-Gesetz werben. In den folgenden einführenden Reden wurde einerseits zuerst erklärt, wieso sich die Leute alle versammelt haben und wofür sie kämpfen. Der Schuldige an der aktuellen Lage wurde dabei ganz klar benannt: Es ist der Kapitalismus, konkrete Lösungsvorschläge blieben unerwähnt.
Zuerst gings zum nahe gelegenen Stauffacher, um später in die Zürcher Innenstadt zu gelangen. Um die Pandemiemassnahmen einzuhalten, wurde jeweils in kleineren Gruppen losmarschiert.

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