Klimaschutz: Lohnt es sich, Veganer zu werden?

Klimaschutz: Lohnt es sich, Veganer zu werden?

Eine fleisch- und milchlose Ernährung soll angeblich helfen, um die Erderwärmung in den Griff zu bekommen. Ich habe da allerdings meine Zweifel.

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von Markus O. Häring am 26.10.2021, 12:30 Uhr
Wie schädlich ist die Landwirtschaft für das Klima? Bild: Keystone
Wie schädlich ist die Landwirtschaft für das Klima? Bild: Keystone
Mit der Feststellung von Klimawissenschaftlern, dass rund 18 Prozent der anthropogenen Treibhausgase (Abbildung 1) aus der Landwirtschaft stammen, kennen einige Engagierte kaum mehr ein Halten, den Verzicht auf Fleischkonsum zu predigen. Dem wäre ja nichts entgegenzuhalten, falls sich dadurch die Welt tatsächlich retten liesse, oder zumindest ein bisschen.

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Quelle: Our World In Data
Seit es in der Schweiz Tibits gibt, kann sogar ich mich als Vegetarier vorstellen. Ich liebe die leckeren und abwechslungsreichen Buffets dieser ansprechenden Restaurantkette. Da ich allerdings auch Milch- und Käseliebhaber bin und mir nicht vorstellen kann, auf Raclette, Fondue und Crêpes zu verzichten, werde ich es nie zum Veganer schaffen. Dieser Beitrag handelt jedoch nicht von meinen kulinarischen Präferenzen, sondern von der Rettung der Welt.

Kohlenstoffkreislauf durchläuft alle Sphären der Erde

Und da bleiben ein paar Fragen zur Wirkung der geforderten Verhaltensänderungen. Fragen, die ich nicht in der Lage bin, selbst zu beantworten. Dazu lasse ich mich gerne von Fachkundigen beraten und lade sie ein, mir sachliche Argumente zu liefern.

Die Erdgeschichte zeigt, dass sich der Kohlenstoffkreislauf ziemlich erfolgreich selbst reguliert, sonst hätten in der viereinhalb Milliarden langen Geschichte grössere und heftigere Klimaumschwünge in wesentlich grösserer Frequenz stattfinden müssen.

Der natürliche Kohlenstoffkreislauf durchläuft sämtliche Sphären des Systems Erde: die Atmosphäre, die Geosphäre, die Hydrosphäre und die Biosphäre. Der Austausch von Kohlenstoff, sei es in der Form organischer Verbindungen, sei es als Methan oder Kohlendioxid, erfolgt in einem hochkomplexen System mit unterschiedlichen Speichern, Flüssen unterschiedlicher Geschwindigkeit, Intensität und Konzentration. In der Summe bleibt die Menge an Kohlenstoff konstant. Die Erdgeschichte zeigt, dass dieses dynamische System sich ziemlich erfolgreich selbst reguliert, sonst hätten in der viereinhalb Milliarden langen Geschichte grössere und heftigere Klimaumschwünge in wesentlich grösserer Frequenz stattfinden müssen. Das Klima wäre wiederholt aus dem Ruder gelaufen.

Kühe fressen keine Kohle, Erdöl oder Erdgas

Im jüngsten, im industriellen Zeitalter – ein Klacks in der Erdgeschichte – wurde in der Atmosphäre eine menschgemachte Veränderung geschaffen. Die Zunahme der CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 0,028 Prozent auf 0,041 Prozent innerhalb weniger Jahrzehnte ist beispiellos. Das lässt sich mit dem Einfluss aus einer externen Quelle respektive aus einer anderen Zeit erklären. Es ist Kohlenstoff, der vor Millionen von Jahren in Kohle, Erdöl oder Erdgas gebunden wurde und nun in einem Bruchteil der Zeit durch Verbrennung freigesetzt wird. Das ist für mich als Geologe nachvollziehbar. Solche signifikanten Veränderungen einer Gaskonzentration gleichen sich zwar wieder natürlich aus, nur sind das sehr langsame Prozesse, die sich über Jahrhunderte erstrecken, wie auch der Weltklimarat (IPCC) festhält.
Für mich nicht nachvollziehbar ist hingegen, dass Tierhaltung zu einer klimarelevanten Veränderung der Atmosphäre beitragen soll. Kühe fressen doch keine Kohle, Erdöl oder Erdgas. Es sind Veganer, die ausschliesslich Pflanzen fressen, die sich direkt aus atmosphärischem CO2 aufbauen.

Methan ist ein stärkeres Klimagas als Kohlendioxid

Die Emissionen von Wiederkäuern (Abbildung 2) sind in der Tat nicht nur CO2, sondern auch Methan (CH4). Die Tiere erzeugen das nicht selbst, das tun Bakterien, Protozoen und Hefen in ihren Mägen. Ähnliche Prozesse finden auch in Reisfeldern statt. Auch diese gelten als Quellen von klimaschädlichem Methan und werden in der Klimabilanz als «anthropogene Treibhausgase» verbucht.
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Die Kohlenstoffbilanz verändert sich durch diese Kreisläufe allerdings nicht. Eine Kuh kann nicht mehr Kohlenstoff abgeben, als sie aufnimmt, sei das in Form von Fleisch, Milch, Dung, CO2 oder Methan. Methan ist in der Tat ein signifikant stärker wirkendes Treibhausgas als CO2, allerdings auch ein instabileres mit einer gleichsam signifikant kürzeren Verweildauer in der Atmosphäre. Ergibt das nicht nahezu ein Nullsummenspiel?

War die Biosphäre früher tatsächlich klimafreundlicher?

Es stellt sich auch die Frage, wie sähe der Kohlenstoffkreislauf ohne Landwirtschaft aus: Produzierten die Bisonherden der amerikanischen Steppen vor deren Beinahe-Ausrottung kein Methan? Oder die Auerochsen, Rentiere, Steinböcke, Giraffen, Dromedare vor der Landnahme durch den Menschen? Welche Gase produzierten unkultivierte Reissorten und nicht trockengelegte Torfmoore in prä-landwirtschaftlicher Zeit? Bekanntlich produzieren auch naturbelassene Biotope Methan. War die natürliche Biosphäre früher klimafreundlicher? Oder einfach anders?
Und was bedeutet schliesslich die Umstellung auf eine ausschliesslich pflanzliche Ernährung der Menschheit, zum Beispiel ein erhöhter Konsum von Bohnen, Zwiebeln und Kohl? Oder will der Homo sapiens den Landbedarf der – zugegeben domestizierten – Tiere in Beschlag nehmen? Welche Konsequenzen hat das auf die natürlichen Kreisläufe? Fragen über Fragen, für welche ich Antworten brauche. Antworten, um den Nutzen und die Wirkung solcher Massnahmen abschätzen zu können. Von kompetenten Wissenschaftlern erwarte ich dazu stichhaltige Argumente und nicht Forderungen zu Verhaltensänderungen.
Markus O. Häring ist promovierter Geologe, ehemaliges Mitglied der Eidgenössischen Geologischen Kommission und Vizepräsident des Carnot-Cournot-Netzwerks.

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