Klimaschützer, die übers Bevölkerungswachstum schweigen, sind Heuchler

Klimaschützer, die übers Bevölkerungswachstum schweigen, sind Heuchler

In Sachen «ökologischer Fussabdruck» sind wir ja inzwischen alle Experten. Zum Beispiel, wieviel CO2 wir pro Kopf ausstossen (viel zu viel natürlich). Kaum je – auch in Glasgow nicht – wird über die wachsende Zahl der Köpfe geredet, welche Umwelt und Klima weltweit belasten.

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von Gottlieb F. Höpli am 12.11.2021, 11:00 Uhr
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Über Klima und Klimaschutz wollten auch die Veranstalter der NZZ am Bellevue reden. Die üblichen Experten und Argumente waren bereit – doch das Publikum machte nicht so recht mit. Ein pensionierter Arzt aus dem Limmattal meldete sich: «Ich möchte mich äussern zu einem Thema, das verschwiegen wird, nämlich das massive Bevölkerungswachstum, Für das Klima ist es überhaupt nicht interessant, wie viel CO2 pro Kopf ausgestossen wird, sondern nur, wie hoch das Total ist.» Das war eigentlich nicht vorgesehen.
Nun, das Total der Köpfe, auf die sich der ominöse CO2-Ausstoss bezieht, wächst aktuell pro Jahr um über 80 Millionen. Sogar wenn die bisherige Weltbevölkerung etwas weniger CO2 ausstösst, sinkt der Gesamtausstoss noch nicht. Wenn Afrikas Bevölkerung von aktuell 1,3 Milliarden Menschen sich bis ins Jahr 2050 verdoppelt und die Wirtschaft massvoll zu wachsen beginnt, werden die Ziele des Weltklimarats erst recht obsolet. Zwar nimmt auch das Bevölkerungswachstum mit steigender Wirtschaftsentwicklung und Bildung ab, aber der so gerne bemühte ökologische Fussabdruck der Menschheit wird bis dann trotzdem bald einmal das Doppelte des Zuträglichen erreicht haben.
Ein Riesenproblem! Nur: Wieviel davon haben wir aus den Beratungen der Weltklimakonferenz in Glasgow gehört? Erst recht von Vorschlägen, wie es zu lösen oder doch wenigstens angegangen werden soll? Da geht es beispielsweise um die entscheidende, aber höchst sensible Frage, mit welchen Mitteln in Afrika die Zahl der Geburten pro Frau reduziert werden könnte. Das muss nicht, wie einst in Maos China, durch einen scharfen zentralen Befehl von oben geschehen. Es würde schon helfen, wenn etwa jungen Frauen mehr Selbstbestimmungsrecht eingeräumt würde, wann und wie oft sie schwanger werden wollen. Da sind aber mächtige Kräfte und Männer wie der örtliche Imam oder auch manch christlicher Prediger strikte dagegen.
Und die Klimaschützer, die in Anzug und Krawatte im Glasgower Kongresszentrum sitzen, oder jene draussen, die sich protestierend um Greta und andere Ikonen der Klimajugend scharen? Hat man von ihnen schon etwas zum Klimaproblem namens Bevölkerungswachstum gehört? Gerade radikale Klima-Aktivisten müssten ja eigentlich, nimmt man ihre sonstigen Katastrophenszenarien und ihre ebenso dramatischen Forderungen ernst, in höchsten Tönen auf das Problem aufmerksam machen.
Kann es sein, dass wir bisher etwas verpasst haben? Oder ist es tatsächlich so, dass die Klimaprofis von Glasgow mitsamt ihrem journalistischen Tross über das Thema kaum ein Wort verloren haben? Geschweige denn so spektakuläre Massnahmen vorschlagen, wie sie es auf anderen, verwandten Themenfeldern so gerne tun?
Kann es sein, dass die sonst so lautstarke Klima-Community ein zentrales Thema einfach verschweigt? Weil es nicht in die herrschende moralisierende Argumentation passt? Oder weil man sich an diesem Tabuthema ganz einfach nicht die Finger verbrennen will?
Dann wären unsere Klima-Bussprediger(innen) mitsamt ihren Gretas und Luisas an der Spitze nichts anderes als Heuchler, denen der Heiligenschein moralischer Überlegenheit wichtiger ist als das Problem, dem sie angeblich ihre ganze Existenz weihen.

Zur Person

Gottlieb F. Höpli (1943) – Journalist, Organist, Italienliebhaber –, staunt auch nach Jahrzehnten auf den Redaktionen der NZZ (Inland) und des «St. Galler Tagblatts» (Chefredaktor) über das wilde Treiben des Zeitgeistes. Und findet die Welt eigentlich nicht schlechter und nicht besser als früher – nur anders.

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