Klimakonferenz in Glasgow: «Vieles ist Zirkus»

Klimakonferenz in Glasgow: «Vieles ist Zirkus»

Henrique Schneider war mehrmals für die Schweiz bei den Uno-Klimaverhandlungen dabei und feilschte mit Vertretern anderer Länder um Details von Verträgen. Dennoch hat er zu den grossen Klimakonferenzen ein ziemlich distanziertes Verhältnis.

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von Alex Reichmuth am 7.11.2021, 14:00 Uhr
Marsch der Klimaaktivisten durch Glasgow am 5. November. Bild: Keystone
Marsch der Klimaaktivisten durch Glasgow am 5. November. Bild: Keystone
Die Uno-Klimakonferenz beherrscht in diesen Tagen die Schlagzeilen. Tausende von Unterhändlern versuchen im schottischen Glasgow, das Klimaabkommen von Paris umzusetzen – und die Grundlage für den Klimaschutz der kommenden Jahrzehnte zu liefern. Wie läuft eine solche riesige Konferenz ab? Wie erlebt ein Insider die Veranstaltung?
Henrique Schneider gehörte mehrmals der Schweizer Delegation an – zum ersten Mal an der Konferenz 2012 in Doha, später unter anderem in Paris 2015 und in Madrid 2019. Er ist stellvertretender Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes – vertrat aber, wie er betont, an den Konferenzen nicht seinen Verband, sondern nur die Schweiz.

Verhandlungen in einem riesigen Saal

Schneiders Aufgabe war es, in der Untergruppe «Internationale Kooperation» der Konferenzen darüber zu beraten, wie der Handel mit Emissionszertifikaten unter der Schirmherrschaft der Uno ausgestaltet werden soll. «Ich war einer von rund 200 Staatsvertretern in dieser Gruppe, die ihre Verhandlungen in einem riesigen Saal abhielt», sagt Schneider. Es sei im Plenum um einzelne Vertragspassagen gefeilscht worden – Abschnitt für Abschnitt, Satz für Satz.

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Henrique Schneider

«Es ging darum, einen Text auszuhandeln, mit dem sich am Ende alle Staaten einverstanden erklären konnten», so Schneider. Die Verhandlungen hätten sich Tag für Tag hingezogen – von früh bis spät. «Zusätzlich trafen wir uns an jedem Morgen zu einer Sitzung der Schweizer Delegation.» Es sei kaum Zeit gewesen, um etwas anderes von der Konferenz mitzubekommen – und schon gar nicht, um in den Gastgeberstädten flanieren zu können.

Wie ein bunter Jahrmarkt

Eine Klimakonferenz bestehe immer aus zwei Teilen, sagt Schneider. «Das sind zum einen die Unterhändler der Staaten, zu denen ich gehörte, und die einen ziemlich harten Job machen. Das ist der notwendige und zielführende Teil.» Zum anderen seien da die Tausenden Vertreter von NGO, die Klimaaktivisten, die Wirtschaftsleute und die Journalisten. «Dieser Teil führt einen grossen Zirkus auf und buhlt um die öffentliche Aufmerksamkeit.» Man könne bei diesem Teil von einem bunten Jahrmarkt oder einer grossen Party sprechen.

«Fast alle Aktivisten und Journalisten sind mit dem Flugzeug unterwegs. Das ist verlogen.»

Henrique Schneider

Auf die Verhandler und Entscheidungsträger habe dieser «Zirkus» aber «null Einfluss». «Drinnen in den Sälen bekommt man davon praktisch nichts mit.» Er frage sich, warum es an den Konferenzen dieses grosse Tamtam brauche. «Immerhin sind fast alle Aktivisten und Journalisten mit dem Flugzeug unterwegs, mit entsprechend hohem CO₂-Ausstoss. Das ist verlogen.»

«Ich zweifle am Nutzen solcher Abmachungen»

Obwohl Henrique Schneider mehrmals Teil der Schweizer Delegation war, steht er Verträgen wie dem Pariser Klimaabkommen kritisch gegenüber. «Ich zweifle daran, dass solche internationalen Abmachungen viel Nutzen haben.» Viele Entwicklungs- und Schwellenländer stellten sich nur dahinter, weil sie sich finanzielle Abgeltungen erhofften. «Denen geht es nicht um Klimaschutz, sondern ums Geld.» Auch viele Industrienationen machten aus reinem Pragmatismus mit. «Wirklich davon überzeugt, mit diesen Verhandlungen etwas Gutes für die Welt zu erreichen, ist vor allem die Europäische Union – und die Schweiz, wenn auch pragmatischer.»
Wenn es diese Klimaverhandlungen aber schon gebe, sagt Schneider, sei es besser, sich daran zu beteiligen, damit die Verträge und Abkommen so vernünftig wie möglich ausgestaltet werden. «Es wäre schlecht, wenn die Schweiz abseits stünde.» Das sei seine Motivation gewesen, sich zu engagieren.

Stolz auf den Verhandlungsbeitrag der Schweiz

Konkret sei es sinnvoll, beim Klimaschutz einen internationalen Emissionshandel aufzuziehen, damit Massnahmen dort erfolgten, wo sie am effizientesten seien. «Ich wage zu behaupten, dass es massgeblich der Schweiz zu verdanken ist, dass solche CO₂-Märkte im Rahmen der Uno eingerichtet wurden.» Er sei durchaus stolz darauf, als Mitunterhändler der Schweiz dazu einen Beitrag geleistet zu haben.

«Die Schweizer Delegation ist mit pragmatischen Verhandlungsmandaten unterwegs und macht einen hervorragenden Job.»

Henrique Schneider

Generell stellt Schneider der Schweizer Delegation an den Klimakonferenzen ein gutes Zeugnis aus. «Sie ist mit pragmatischen Verhandlungsmandaten unterwegs und macht einen hervorragenden Job.» Vor allem setze sich die Schweiz für die Ausgestaltung von Marktmechanismen im Klimaschutz ein, auf die sie angewiesen sei.
Bei den diesjährigen Verhandlungen in Glasgow ist Schneider nicht dabei. «Es geht dieses Jahr vor allem um die Herstellung von Transparenz bei Klimaschutzmassnahmen. Da habe ich wenig Knowhow.»

Konferenz alle zwei Jahre genügt

Er fände es gut, wenn die Konferenzen künftig höchstens alle zwei Jahre stattfänden, «so, wie es die Schweiz vorgeschlagen hat». Denn es sei schon viel verhandelt worden, und die Staaten brauchten Zeit, um das Abkommen umzusetzen. «Aber viele Staaten haben ein Interesse an jährlichen Konferenzen, weil es entsprechend Sitzungsgelder gibt.»
Wie gross das Klimaproblem wirklich sei, könne er nicht abschätzen, meint Henrique Schneider zum Schluss. Das Geschrei um einen angeblichen Klimanotstand sei aber sicherlich überzogen. «Wir erleben eine eigentliche Ökohysterie.» Wenn es ein Problem mit der Umwelt gebe, wie das gemäss der Wissenschaft der Fall sei, müsse man dieses nüchtern angehen: «Ruhig, sachlich und technologieoffen.» Mit dieser Haltung sei er jeweils an die Klimakonferenzen gereist, betont Schneider.
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