Die Forscher verstehen das frühere Klima noch kaum. Klimageschichte, Teil I

Die Forscher verstehen das frühere Klima noch kaum. Klimageschichte, Teil I

Fast täglich schlagen Klimawissenschaftler Alarm. Sie warnen vor der stärksten Erwärmung, dem schnellsten Anstieg des Meeresspiegels und den heftigsten Naturkatastrophen, die es je gab. Dabei können die Forscher die Entwicklung des Klimas vor der Industrialisierung noch kaum erklären.

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von Markus Schär am 18.9.2021, 07:00 Uhr
Ist der Rückzug der alpinen Vereisung einzigartig? Findelgletscher bei Zermatt. Bild: Keystone
Ist der Rückzug der alpinen Vereisung einzigartig? Findelgletscher bei Zermatt. Bild: Keystone

Serie zur Klimageschichte

Ende Oktober startet die zweiwöchige Uno-Klimakonferenz in Glasgow. An dieser Konferenz sollen Wege gefunden zu werden, den Ausstoss an Treibhausgasen zu reduzieren. Eine zentrale Frage ist dabei, wie sich das Klima künftig verändern wird. Das kann aber nur voraussagen, wer den Wandel des Klimas in der Vergangenheit versteht. Die Arbeit des Weltklimarats IPCC lässt dabei viele Fragen offen. In einer Serie geht der «Nebelspalter» der Geschichte des Klimas nach. Autor der Serie ist Markus Schär, der sich als Historiker und Journalist seit langem mit der Klimageschichte auseinandersetzt.
Die Sätze lassen aufhorchen. Im August stellte der Weltklimarat IPCC seinen neuen Bericht vor, der auch als Grundlage für die nächste Klimakonferenz dient: Vom 31. Oktober bis am 12. November sollen sich die Staaten in Glasgow darüber einigen, wie sie den Ausstoss von CO₂ drosseln wollen, um die Erderwärmung zu bremsen. Die Konferenz dürfte scheitern, denn vor allem China und Indien weigern sich, weniger Kohle zu verfeuern.
Aus diesem Anlass befragte die deutsche «Welt» einen der führenden Spezialisten für die Klimageschichte: Ulf Büntgen, der seine Karriere in Bern machte, als Professor in Cambridge lehrt und immer noch an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL wirkt. Und der renommierte Wissenschaftler störte den Konsens, der angeblich im IPCC herrscht.

Rechnen mit Unbekannten

Er enthüllte, dass er mit Kollegen schon vor Jahren im Streit aus dem in Bern domizilierten Projekt ausgestiegen war, das die definitive Klimageschichte der letzten 2000 Jahre schreibt. Er gestand, die Forscher hätten immer noch Mühe, die natürliche Variabilität im Klimasystem von der anthropogenen Erwärmung zu unterscheiden. Und er verriet gar: «Die vorindustrielle globale Durchschnittstemperatur ist leider immer noch nicht gut bekannt.» (siehe hier)

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Der Paläoklimatologe Ulf Büntgen stellt den angeblichen Konsens in seiner Wissenschaft in Frage.

Wie bitte? Mit dem Pariser Abkommen von 2015 verpflichten sich alle Staaten zu Anstrengungen, die Erwärmung des Klimas möglichst auf nicht mehr als 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Temperatur zu beschränken. Deshalb berechnen Forscher wie ETH-Professor Reto Knutti mit ihren Modellen, wie viel CO₂ die einzelnen Staaten noch ausstossen dürfen. Aber die Grundlage für all diese Rechenübungen und Politverhandlungen – die globale Temperatur vor der Industrialisierung – steht gar nicht fest?

Noch nie da gewesen?

Das Lieblingswort der IPCC-Forscher ist «unprecedented», also «noch nie da gewesen». Wir erleben, wie sie uns in den Medien alltäglich belehren, die stärkste Erwärmung des Weltklimas, aber auch das schnellste Ansteigen des Meeresspiegels, das traurigste Abschmelzen der Gletscher, die heftigsten Unwetter und die gefährlichsten Wirbelstürme, die es je gab. Bei all den aufgeregten Warnungen stellt sich allerdings eine nüchterne Frage: Wie lange ist «seit je»?
Das systematische Beobachten des Wetters begann in den Industrieländern erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Schweiz massen die Meteorologen ab 1864 an 88 Stationen die Temperaturen und die Niederschläge; der Bund gründete 1880 die Meteorologische Zentralanstalt, die sich heute Meteo Schweiz nennt. Für die grundlegenden Daten gibt es also bei uns knapp 160-jährige Reihen, weltweit gehen sie aber bestenfalls einige Jahrzehnte zurück.

Heissestes Jahr: 1540

Was war denn, bevor es wissenschaftliche Messungen gab? Die Klimahistoriker kamen im letzten halben Jahrhundert zu wichtigen Erkenntnissen, indem sie einerseits historische Quellen wie Wetteraufzeichnungen und andererseits natürliche Archive – Baumringe, Eisbohrkerne oder Ablagerungen in Gewässern – auswerteten. Sie stellten so fest, dass das Klima im Pleistozän (2,6 Millionen bis 11’700 Jahre vor heute) stark schwankte, und dass danach, also nach der letzten Eiszeit, der Meeresspiegel um 120 Meter stieg, zehnmal so schnell wie heute. Oder sie zeigten wie Christian Pfister, der Pionier der Schweizer Klimageschichte, dass die Gletscher der Alpen nach 1550 stark schmolzen oder dass 1540 als «heissestes und dürrstes Jahr, das es je gab» gelten muss (siehe hier und hier).

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Auf der ersten Karte des Kantons Bern von 1577/78 ist von den Grindelwaldgletschern nichts zu sehen.

Diese Erkenntnisse aber verdrängt, ja verleugnet der IPCC – aus einem einfachen Grund: Wenn es in früheren Zeiten, bei einem weit niedrigeren CO₂-Anteil in der Atmosphäre, so hohe Temperaturen gab wie heute, kann seine Theorie nicht stimmen, dass die Erwärmung seit dem 19. Jahrhundert nur vom menschengemachten Ausstoss an Treibhausgasen kommt. Schlimmer noch: Die Forscher können nicht erklären, weshalb das Klima immer wieder umschlug; sie können also – wie Ulf Büntgen feststellt – natürliche nicht von anthropogenen Einflüssen unterscheiden.

Zurück zu Glaubenssätzen

Der emeritierte Berner Professor Heinz Wanner wies denn auch in seinem empfehlenswerten Buch «Klima und Mensch. Eine 12’000-jährige Geschichte» von 2016 oft darauf hin, dass die Forscher noch im Dunkeln tappen. So räumte er ein, dass sie nicht einmal wissen, wie es sich in der Vorgeschichte mit dem Kohlendioxid und den Temperaturen verhielt: «Stieg oder sank die globale Temperatur, weil sich die CO₂-Konzentrationen veränderten, oder reagierten diese Konzentrationen auf die steigenden oder fallenden Temperaturen und die damit verbundenen Veränderungen der Vegetationsdecke?»
Darüber mögen Heinz Wanner und Christian Pfister in Interviews zu ihrem Buch «Klima und Gesellschaft in Europa: Die letzten tausend Jahre», das eben herausgekommen ist, allerdings nicht mehr sprechen. Sie beten den von Berner Forschern durchgesetzten Glaubenssatz des IPCC nach, dass es zwar früher Erwärmungen ohne vorherigen Anstieg des CO₂-Anteils gab, aber nur regional, nicht global: «Seit den 1980er-Jahren befinden wir uns in einer weltweiten Erwärmungsphase mit einem erstmals einheitlichen Klimamuster.» (siehe hier)

Gab es vor 1850 kein Klima?

Um keine kritischen Fragen zu wecken, blendet der neue IPCC-Bericht die vorindustrielle Zeit mit allen ungelösten Problemen aus und zeigt fast nur die Entwicklung der letzten 150 Jahre – «als hätte es vorher gar kein Klima gegeben», wie Sebastian Lüning spottet. Der deutsche Geologe, der seine «Klimaschau» auf Youtube stellt, forderte als IPCC-Gutachter immer wieder, die Berichte müssten auch das vorindustrielle Klima darlegen, weil sich die Entwicklung seit der Industrialisierung nur auf dieser Grundlage beurteilen lasse. Die Autoren schmetterten seine Einwände ab: Dafür gebe es in den mehrtausendseitigen Berichten keinen Platz (siehe hier).

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Der IPCC ging in seinen Berichten nicht auf kritische Einwände von Gutachtern wie Sebastian Lüning ein.

Das heisst: Wenn die Staaten – wie ab 31. Oktober in Glasgow wieder – die Erderwärmung auf 1,5 Grad über der vorindustriellen Temperatur beschränken wollen, machen sie Politik im Blindflug. Denn niemand kann sicher sagen, was als vorindustrielle Temperatur gelten soll. Zeit, an einige unbequeme Wahrheiten aus der Klimageschichte zu erinnern.

Weitere Informationen:
Heinz Wanner: Klima und Mensch. Eine 12’000-jährige Geschichte (2. Auflage), Bern 2020, 280 Seiten, Fr. 45.90. (siehe hier)

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