Klimabewegung aus linker Sicht: Es droht die Unterwanderung der Extremen

Klimabewegung aus linker Sicht: Es droht die Unterwanderung der Extremen

Die Klimaaktivisten werden immer extremer, heisst es oft. Stimmt das auch? Adrian Oertli, ein Aussteiger aus der linksextremen Szene, ordnet ein. Er ist durchaus beunruhigt.

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von Sebastian Briellmann am 5.8.2021, 17:30 Uhr
Kindergeburtstag oder Unterwanderung? Illustration Clemens Ottawa
Kindergeburtstag oder Unterwanderung? Illustration Clemens Ottawa
Plötzlich sind da Misstöne. Plötzlich ist da Streit.
Die Aktionswoche der Klimaaktivisten in Zürich läuft immer noch, aber sie läuft momentan etwas unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zurückgezogen in der Stadionbrache Hardturm im eigens für den Anlass errichteten Camp. Am Montag ist dies noch anders, da ketten sich die Klimabesorgten vor den Grossbanken an, hängen sich an Gerüste: Der öffentliche Verkehr wird blockiert, der Polizeieinsatz ist augenscheinlich gross.
Das mag nach Routine klingen, aber es hat sich zuletzt etwas verändert in der Betrachtungsweise solcher Aktionen. Weil sich auch die Aktionen – und die Menschen, die hinter diesen stehen – verändert haben. Sie treten immer extremer auf, gehen den Weg in die Illegalität. Die NZZ kommentiert zur laufenden «Rise up for Change»-Kampagne: «Die Klimaaktivisten verspielen Sympathien, auf die sie für ihre Ziele angewiesen wären.» Es brauche für ihre Anliegen mehr als Blockadeaktionen und folkloristische Kapitalismuskritik.

«Halbschuhe»

Das trifft es ziemlich genau, und es unterstreicht auch die Reaktionen aus der Bevölkerung, die wenig begeistert auf ihre Tramfahrt zum nächsten Termin verzichtet haben. Ein Passant bezeichnete die Aktivisten auf «TeleZüri» wenig charmant als «Halbschuhe», die sich doch besser mal einen Job suchen sollten.
Das mag eine überspitzte Formulierung sein, aber das Unbehagen manifestiert sich – auch innerhalb der Bewegung. Bereits im Mai dringen Konflikte an die Öffentlichkeit. Im Schweizer Fernsehen sagt Maya Tharian, die in der Geschäftsleitung der Jungen Grünliberalen sitzt und sich stark bei den Klimastreiks engagiert hat: «Es fehlt die Bereitschaft, Andersdenkende auszuhalten.» Wer sich abweichend äussert, fühle sich ausgeschlossen und bleibt künftig fern. Tharian befürchtet, dass die Bewegung dadurch kleiner werde.
Linker? Extremer?

«Unmündige Opfer»

Das sind Fragen für Adrian Oertli. Der Psychotherapeut ist Experte für Linksextremismus. Er weiss, wovon er spricht. Er war selber jahrelang einer, warf Steine gegen den Kapitalismus, bevor ihm der Ausstieg gelang. Oertli blickt mit einer gewissen Beunruhigung auf die Klimabewegung. Und er tut dies aus linker Perspektive. Er sagt: «Ein Problem sehe ich in der Unterwanderung von Bewegungen, die die Gesellschaft als unmündiges Opfer einer allmächtigen Elite, die es zu zerschlagen gibt, portraitiert.»
Diese Einflussnahme gelingt leichter bei unerfahreneren Gruppen wie zum Beispiel «Fridays for Future», die in wenigen Monaten extrem erfolgreich und, nun ja, auch ziemlich mächtig geworden ist. Oertli beobachtet, dass nun vermehrt etablierte Organisationen wie Greenpeace zu Rate gezogen werden, was die Bewegung «eher resilienter macht».

«Naiv, anfällig»

Oertli hat auch nicht den Eindruck, dass das derzeitige Verhalten dem Kernanliegen für mehr Klimaschutz gross schade. Er sagt: «Der Aktionskonsens distanziert sich klar von Gewalt. Solche Bewegungen sind nicht extremistisch, dienen aber extremistischen Strömungen als Rekrutierungsfeld. Da sind solche Bewegungen oft etwas naiv, was sie anfällig macht.»
Die Gefahr der Unterwanderung ist nicht nur ein Schweizer Phänomen, sondern eines der weltweiten Klimabewegung. Oertli sagt: «Zusätzlich werden die zunehmenden sozialen Spannungen aufgrund der Klimaerwärmung zu mehr Radikalisierung führen.» Er sagt aber auch, dass der Gruppendruck, einer Sekte ähnlich, noch nicht die Überhand gewonnen habe, was ihn positiv überrasche.
Die linksextremen Kräfte sieht er dennoch als grösste Bedrohung, die nur abgewendet werden kann, wenn man sich für eine «wirkliche Diversität an Perspektiven einsetzt, indem man auch abweichenden Positionen auf Augenhöhe begegnet, quasi bürgernaher wird.» Heute sei es nämlich so, dass man sich in der Klimabewegung als Linker wohler fühle als als Rechter.
Das liegt natürlich auch daran, dass die Klimafrage immer mehr mit klassenkämpferischer Kapitalismuskritik und feministischen Anliegen verwoben wird. Das sieht auch Oertli als kontraproduktive Entwicklung. Er sagt, dass sich die Bewegung «wirklich nur» auf die Klimafrage beschränken soll: «Wie so oft im Leben geht es auch darum, im Sinne einer konstruktiven Lösung, die oft beschworene Forderung nach Gerechtigkeit loszulassen.»

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