Klebende Klima-Aktivisten in Bern: «Ich hätte die Leute in der Sonne gelassen»

Klebende Klima-Aktivisten in Bern: «Ich hätte die Leute in der Sonne gelassen»

Aus Protest gegen die Klimapolitik der Schweiz haben sich Aktivisten von Extinction Rebellion an das Bundeshaus geklebt. Was wollen diese Leute, und was war das eigentlich für ein Leim?

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von Serkan Abrecht am 24.6.2021, 10:00 Uhr
Karikatur: Marina Lutz
Karikatur: Marina Lutz
Die weltweit tätige Gruppe Extinction Rebellion (XR) ist für ihre radikalen Aktionen bekannt. Mittels Drohnen versuchten sie in der Vergangenheit den Londoner Flughafen Heathrow lahmzulegen, in Zürich färbten sie die Limmat mit Uranin giftgrün, im Pariser 13. Arrondissement besetzten hunderte Aktivisten ein Kaufhaus – und am Dienstagmorgen klebten sie am Bundeshaus. Ja, klebten.
Um gegen die Umweltpolitik des Bundes zu demonstrieren, schmierten sich einige Aktivisten (die genaue Zahl ist unklar) Sekundenleim in die Handflächen und legten sie auf die Granitplatten beim Eingang zum Bundeshaus West.
Der «Nebelspalter» konnte mit Extinction Rebellion über diese spezielle Aktion sprechen. Die Rebellen hätten sich angeklebt, um zu zeigen, dass sie entschlossen sind, ihre Forderungen bis zum Bundesrat zu tragen, solange es nötig sei. «Sie sind bereit, ihren Körper unter Einsatz von Gewaltlosigkeit und Selbstaufopferung zu riskieren, um zu zeigen, dass sie in Frieden und mit Ehrlichkeit handeln und keine egoistischen Ziele verfolgen», sagt Anaïs Tilquin von XR. Und eine Frau mit dem Namen Brigitte sagt: «Ich habe mich angeklebt, damit ich noch ein bisschen länger bleiben und meine Forderungen weiter tragen kann.» Auf ihrem Schoss hat sie ein Schild mit der Aufschrift: «On est dans la merde» – «Wir stecken tief in der Scheisse.»

«Der Bund hat uns übersteuert»

Sie selber war auch in einer verzwickten Lage. Zweieinhalb Stunden hat es gedauert, bis die von der Polizei herbeigerufene Sanität, die angeleimten Aktivisten vom Bundeshaus entfernen konnten. Was war denn das für ein Kleber, den XR benutzte? «Sekundenkleber, Coop, CHF 4.50», sagt Anaïs Tilquin mit einem Lächeln. «Das medizinische Personal, das die Polizei gerufen hatte, um die Rebellen zu befreien, probierte verschiedene Lösungsmittel aus, um herauszufinden, welches am effektivsten war», so Tilquin. Irgendwann hat es dann geklappt. Für die Aktivisten war die klebrige Aktion ein voller Erfolg.
Aber wieso hat man die Leute nicht angeklebt vor Ort gelassen? «Ja, ich hätte die Leute so lange in der Sonne schwitzen gelassen, bis sich der Leim von allein löst», sagt der Stadtberner Sicherheitsdirektor Reto Nause (Mitte). «Das wäre meine Strategie gewesen – doch der Bund hat uns übersteuert.» Der Bund hat eine Räumung des Areals beauftragt, weshalb die Polizei eingreifen musste.

«Für angekettete Leute haben wir die Berufsfeuerwehr. Für angeleimte Aktivisten haben wir die Sanität – oder wir warten, bis der Klebstoff schmilzt.»

Reto Nause, Sicherheitsdirektor Stadt Bern.

Menschen, die sich an Gebäuden leimen – das ist schon ein unkonventionelles Mittel des Protests. «Denen kommt noch weiss der Teufel was in den Sinn. Sie hätten lieber am Abstimmungssonntag ein ‘Ja’ in die Urne gelegt – dann hätten sie sich die Hände nicht klebrig machen müssen», sagt Nause. Die Aktion nimmt der Sicherheitsdirektor mit einem gewissen Schmunzeln zur Kenntnis. «Für angekettete Leute haben wir die Berufsfeuerwehr. Für angeleimte Aktivisten haben wir die Sanität – oder wir warten, bis der Klebstoff schmilzt.» Was das Ganze den Steuerzahler gekostet hat, gibt die Kantonspolizei nicht bekannt.
«Das war nur ein Vorgeschmack», sagten die angeklebten Aktivisten vom Dienstag. In den kommenden Monaten seien weitere Aktionen geplant – darunter die Lahmlegung der gesamten Stadt Zürich. Der Bundesrat solle die Wahrheit über die Klimakrise kommunizieren, sofort handeln und eine Bürgerversammlung einberufen. Denn sonst «sehen sich Bürgerinnen und Bürger moralisch dazu verpflichtet, die grösste Stadt des Landes lahmzulegen», steht in einer Kampfschrift von XR. Was kommt auf die Schweiz zu?

Für illegale Aktionen «geschult»

XR gibt dem «Nebelspalter» einen kleinen Einblick. «Beispiel aus der Geschichte: Im April 2019, in Grossbritannien, kamen 10’000 Menschen aller Altersgruppen in London zusammen und legten fünf zentrale Orte für zehn Tage lahm. Es gab Kunst, es gab Workshops, Trainings, Konferenzen, es gab ein pinkes Boot auf dem Oxford Circus, und überall Pflanzen», sagt Tilquin. «Während wir nicht garantieren können, dass es speziell ein pinkes Boot geben wird, ist dies die Art von Störung, zu der die Extinction Rebellion neigt», lässt die Aktivistin durchblicken.
Die Störung solle gewaltfrei bleiben. Gleichwohl ist sie gesetzeswidrig. Deshalb werden die Aktivisten von XR auch im Vorfeld ‘geschult’. «In der Praxis durchlaufen die Menschen, die an der Rebellion teilnehmen, bevor sie absichtlich gegen das Gesetz verstossen, Trainings, die ‘Non-Violent Direct Action Trainings’ genannt werden und im ganzen Land organisiert werden», so Tilquin. In diesen würden die Leute lernen, wie sie in allen möglichen Situationen die Ruhe bewahren und gewaltfrei bleiben können. «Besonders in angespannten Situationen, wenn sie selbst mit Gewalt konfrontiert werden. Beispielsweise von Passanten oder der Polizei.»
Vielleicht sieht man bald junge Menschen an der Zürcher Oper oder irgendwo am Limmatquai kleben. Die Leimindustrie wirds freuen.

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