Kirche im Widerstand? Abstrusitäten des Zürcher Grossmünsterpfarrers

Kirche im Widerstand? Abstrusitäten des Zürcher Grossmünsterpfarrers

Der Zürcher Grossmünsterpfarrer weibelt in der NZZ unermüdlich für eine Kirche, die sich politisch einmischt. Er sieht sie im Widerstand, den er sogar mit dem Kampf Dietrich Bonhoeffers gegen die Nazis vergleicht.

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von Gottlieb F. Höpli am 11.12.2021, 08:58 Uhr
Pfarrer Christoph Sigrist spricht mit einem Trichter den Stadtsegen vom Turm des Grossmuensters in Zuerich
Pfarrer Christoph Sigrist spricht mit einem Trichter den Stadtsegen vom Turm des Grossmuensters in Zuerich
«Hey, das ist unsere Initiative», rief Christoph Sigrist in einem Streitgespräch über die Konzernverantwortungsinitiative aus, die vor einem Jahr knapp abgelehnt wurde. Tatsächlich hatten zahlreiche reformierte Kirchgemeinden – oder doch deren Pfarr-Herren – eine engagierte Abstimmungskampagne geführt und ihre Kirchtürme zum Teil als Fahnenstangen für riesige Abstimmungsplakate benützt – oder missbraucht, wie ein Teil des Kirchenvolks befand.
Der Grossmünsterpfarrer, der sich seither immer mehr als Galionsfigur einer politisch engagierten Kirche gebärdet, gibt nicht auf. In einem grossen NZZ-Artikel verteidigt er eine Kirche, die «auch im öffentlichen Diskurs politischen Widerstand zu leisten» habe, wenn es «um den Schutz und das Wohl der Schwachen» gehe. Kirchen, so verkündet er, «müssen den Finger in die Wunde legen, wenn Menschenwürde missachtet wird.» (NZZ vom 25. November)
Da immer irgendwo auf der Welt die Menschenwürde missachtet wird, muss die Kirche demnach permanent den Finger in irgendwelche Wunden legen – was eigentlich, rein sprachlogisch gesehen, schon mal ein eher verwirrendes Bild ist. In wessen Wunde soll der Finger gelegt werden? In die Wunde des Verletzten? Um ihm noch mehr Schmerz zuzufügen? Wohl eher nicht. Oder in die der Verletzer? Die doch eigentlich keine sichtbaren Wunden aufweisen? Egal, das Pathos übertönt die Sinnlosigkeit der Aussage – nicht nur hier.
Um nicht missverstanden zu werden: Es ist unbestrittene Christenpflicht, Armen und Schwachen zu helfen, ihre Not zu lindern, ihrer Benachteiligung entgegenzutreten. Tätige Nächstenliebe – übrigens besser im Verborgenen ausgeübt als öffentlich auf der Strasse – ist schliesslich eine Kernbotschaft der Bibel. Dass an diese Christenpflicht allsonntäglich von der Kanzel erinnert wird, ist eine zentrale Aufgabe der Kirchen, für die der Staat ja auch Steuern eintreibt – nicht nur von natürlichen Personen, sondern auch von juristischen, also von der kleinen GmbH bis zum Weltkonzern mit Sitz in der Schweiz.
Die Botschaft der Bibel richtet sich aber, gerade bei den Reformierten, zuallererst an das Gewissen des Einzelnen. Ist ihm Handlungsanweisung, das Gute und Richtige zu tun. Sich dabei durchaus auch mit Anderen zusammenzutun. Was in die Sphäre des politischen Engagements, des Staates hineinführt. Und die hat ihre eigenen Gesetze und Regeln. Es sind nicht jene der Kirche. Schon die Bibel zieht die Grenze scharf: «Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.»
Wobei wir beim Staatsverständnis der Prediger eines möglichst grossen politischen Engagement der Kirche wären (Pfarrer Sigrist hat ja eine zahlreiche Gefolgschaft). Dabei stellt man fest, dass jene, welche die Kirchen einspannen wollen, um die Auswüchse des Kapitalismus (oder diesen gleich selbst) zu bekämpfen, das Klima zu retten, jegliche Diskriminierung per Gesetz zu beseitigen, ein düsteres Bild des Staates malen. Dieser wird oft als Beschützer des «neoliberalen» Wettbewerbs, der Reichen, der Umweltzerstörer dargestellt. Oder doch mindestens beschuldigt, nicht genug zu tun, um die Welt besser zu machen. Nicht etwa nur die Schweiz: das Weltklima, der Welthandel, die Globalisierung müssen es schon sein.
Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Ausrufen des «politischen Widerstands». Es gehöre, so schreibt der Grossmünsterpfarrer, «nach Dietrich Bonhoeffer, Pfarrer der Bekennenden Kirche und Opfer von Nazideutschland, zur politischen Arbeit der Kirche, dem Rad in die Speichen zu fallen.» Hallo Grossmünster, hallo Zürich! Pastor Bonhoeffer lebte und kämpfte im Dritten Reich, einem grauenhaften Unrechtsstaat. Dem in die Speichen zu fallen eine lebensgefährliche Sache war, wie Bonhoeffers Ende bewies. Vor dem unser Rechtsstaat auch jene beschützt, die ihn mit abenteuerlicher Argumentation angreifen.
Den Widerstand im Unrechtsstaat Nazideutschland mit dem politischen Engagement der Kirchen in der heutigen Schweiz zu vergleichen, ist eine Abstrusität sondergleichen. Und eine schlimme Entgleisung eines an prominenter Stelle wirkenden Schweizer Pfarrers und Titularprofessors.

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