Kinder für die NGO-Förderung

Kinder für die NGO-Förderung

Der Bundesrat fördert die Kinderrechte. Darüber freuen sich subventionierte Organisationen, Fachgremien und Anwälte. Denn die staatliche Förderung des Kindeswohls füttert nicht Kinder, sondern eine boomende Sozialindustrie.

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von Claudia Wirz am 20.4.2021, 17:00 Uhr
Um das Wohl der Kinder in der Schweiz kümmern sich nicht nur Strassenkünstler wie auf diesem Bild, sondern eine grosse Zahl von NGOs.
Um das Wohl der Kinder in der Schweiz kümmern sich nicht nur Strassenkünstler wie auf diesem Bild, sondern eine grosse Zahl von NGOs.
Der Bundesrat hat ein Herz für Kinder. Das könnte man auf den ersten Blick jedenfalls meinen, wenn man seinen jüngsten Entscheid zur Förderung der Kinderrechte auf Basis der Uno-Kinderrechtskonvention betrachtet. Während fünf Jahren spendiert das angeblich überwiegend bürgerliche Gremium jährlich 200'000 Steuerfranken, um das Kindeswohl im Sinne der Uno zu fördern. Die Mittel stammen aus dem Kredit «Kinderrechte/Kinderschutz», den das Parlament in der vergangenen Wintersession auf 2 Millionen Franken aufgestockt hat. Fortsetzung dürfte – analog zur «Anschubfinanzierung» für die Kinderkrippen – folgen.

Sind Schweizer Eltern unfähig?

Offenbar ist die classe politique in der Schweiz mitsamt ihren Experten der Auffassung, dass die Eltern im eigenen Land nicht hinreichend in der Lage sind, sich um das Wohl und die Rechte der Kinder zu kümmern, so hochqualifiziert sie auch sein mögen. Der Staat und all seine fleissigen Juniorpartner sollen nun also nachhelfen.
Man folge mit diesem Entscheid den Empfehlungen des Uno-Kinderrechtsausschusses, lässt das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) ausrichten. Schliesslich hat sich die Schweiz dazu verpflichtet, die von der Uno definierten Standards umzusetzen und den höchsten internationalen Kindeswohl-Wächtern regelmässig über die Fortschritte Bericht zu erstatten. Mit Philip Jaffé, Kinderrechtsspezialist aus Genf und Stiftungsrat von Pro Juventute, sitzt auch ein Schweizer in diesem Gremium.
Wer die Sache etwas genauer betrachtet und sich nicht vom Zauber des Wortes «Kinderrechte» blenden lässt, merkt schnell, dass es hier weniger um die Förderung des Kindeswohls geht als um den Ausbau des Staates und seiner externen Agenturen. Wer «Kinderrechte Schweiz» in die Suchmaske eingibt, erhält eine kaum enden wollende Liste von NGOs, die sich berufen fühlen, die Interessen der Kinder in der Schweiz wahrzunehmen. Von A wie «Avenir Social» über P wie Pro Juventute bis Z wie «Zwischengeschlecht.org» – alle wollen sie sich um die Kinder kümmern. Angesichts dieser Fülle von helfenden Händen könnte man meinen, es sei ein wahrhaft unerträgliches Schicksal, in der Schweiz Kind zu sein; Diskriminierung und «Handlungsbedarf» wohin man blickt.

Die Macht der «Experten»

Es sind just diese Organisationen – und eben nicht die Kinder – die sich über den jüngsten Geldsegen im Namen der Kinderrechte freuen dürfen. Sie dürfen nun mit noch mehr Aufträgen und noch mehr Subventionen rechnen. «Richterinnen, Anwälte, Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagogen, Polizistinnen, Lehrer, Migrationsfachpersonen und weitere Fachleute sollen den Kinderrechten in ihrem Berufsalltag Rechnung tragen können. Deshalb sollen die verschiedenen Berufsgruppen angeregt werden, das Thema Kinderrechte in die Aus- und Weiterbildung aufzunehmen», schreibt das BSV. Und weiter: «Zudem werden Praxishilfen wie Merkblätter und Checklisten für die verschiedenen Berufsgruppen erarbeitet und verbreitet.»
Das tönt nach vollen Auftragsbüchern für all die einschlägigen Organisationen, an die nun die neuen Finanzmittel fliessen. Es waren auch just solche im «Netzwerk Kinderrechte» zusammengefassten Organisationen, die im Rahmen der bundesrätlichen Berichterstattung an den Uno-Kinderrechtsausschuss jeweils einen Schattenbericht einreichten. Ein Schelm, der denkt, es handle sich dabei primär um ein geschicktes, mit viel Moral angereichertes Geschäftsmodell der florierenden Sozialindustrie. Der Erfolg dieser Strategie spricht jedenfalls für sich.
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