Kein Trend zu mehr Hochwasser-Ereignissen

Kein Trend zu mehr Hochwasser-Ereignissen

Es ist der Klimawandel! Reflexartig geben Politiker und Aktivisten der Erderwärmung die Schuld an der Überschwemmungskatastrophe in Deutschland. Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigt jedoch, dass diese Zuordnung falsch ist.

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von Alex Reichmuth am 19.7.2021, 09:45 Uhr
Hochwasserkatastrophe in Deutschland: Ist der Klimawandel schuld? Bild: Shutterstock
Hochwasserkatastrophe in Deutschland: Ist der Klimawandel schuld? Bild: Shutterstock
Die Flutkatastrophe in Deutschland war letzte Woche noch in vollem Gange, als zahlreiche Akteure schon begannen, das Leid und die Verwüstungen für ihre Sache auszunutzen: Politiker, Klimaaktivisten und Klimaforscher erhoben den Zeigefinger und wiesen mahnend darauf hin, dass der Klimawandel die Ursache für das Hochwasser und die Überschwemmungen sei. In Zukunft müsse man mit noch viel häufigeren und stärkeren Schäden rechnen.
Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Kanzlerkandidat der CDU/CSU, zeigte sich im Katastrophengebiet. Die Häufung von Starkregen- und Hitzeepisoden sei «verbunden mit dem Klimawandel», so Laschet bei einem Besuch in der schwer getroffenen Stadt Hagen. «Das bedeutet, dass wir bei den Massnahmen zum Klimaschutz mehr Tempo brauchen – europäisch, bundesweit, weltweit.» Das seien «natürlich» bereits die Auswirkungen der Klimakatastrophe, liess auch Katrin Göring-Eckardt verlauten, Vorsitzende der Bundestagsfraktion der deutschen Grünen.

«Kein Ort ist mehr sicher vor dem Klimawandel»

Am Freitag meldete sich die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer auf Twitter zu den Unwettern zu Wort. «Es ist verheerend», schrieb sie auf dem Kurznachrichtendienst. «Das ist die Klimakrise, die sich nun in einer der reichsten Gegenden der Welt entfaltet – einer Gegend, von der man lange Zeit dachte, sie sei sicher.» Kein Ort sei aber mehr sicher vor dem Klimawandel, fügte Neubauer an. Support bekam sie von Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich. «Bis es auch der Hinterletzte verstanden hat: Starkniederschläge nehmen mit dem Klimawandel zu», schrieb er auf Twitter.

Es gebe bereits einen Trend zu häufigeren Starkniederschlägen und Überschwemmungen, wird behauptet.


Die Erklärungsmuster, die viele lautstarke Klimaforscher und Klimaaktivisten vorbringen, sind einfach: Weil sich die Erde erwärmt, können die Luftmassen mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Eine feuchtere Luft bedeutet, dass es zu häufigeren und stärkeren Niederschlägen kommt, was vermehrt Hochwasser und Flutkatastrophen auslöst. Es gebe bereits einen Trend zu häufigeren Starkniederschlägen und Überschwemmungen, wird behauptet.

Tendenz zu ausgeglicheneren Verhältnissen

Doch schaut man wissenschaftliche Resultate an, ist die Sache bei weitem nicht so klar, wie behauptet. Ein Artikel im deutschen Magazin «Tichys Einblick» führte Studienresultate an, die so gar nicht in das Bild von immer mehr Hochwasser wegen dem Klimawandel passen.
So hat eine Forschergruppe der National University im australischen Canberra die globalen Niederschläge in der Zeitspanne von 1940 bis 2009 untersucht. Die Studie, die in der Fachzeitschrift «Geophysical Research Letters» erschien, kam zum Schluss, dass die Niederschläge in dieser Zeit weniger extrem geworden sind, und dies sowohl in zeitlicher wie in räumlicher Hinsicht. Zudem liess sich eine Tendenz zu ausgeglicheneren Verhältnissen belegen: Trockene Gebiete wurden feuchter, feuchte Gebiet wurden trockener. Es war zudem nicht feststellbar, dass die Niederschlagsvariabilität von der Temperatur abhing.

Stärke der Überflutungen hat abgenommen

Zu ähnlichen Resultaten kam im letzten März ein Wissenschaftlerteam um Louise Slater von der britischen University of Oxford. Das Team hatte 10’000 Flusspegel-Aufzeichnungen aus der ganzen Welt einbezogen und nach Trends der letzten 50 Jahre gesucht. Die Forscher stiessen auf signifikante Veränderungen, die aber je nach Klimazone und betrachtetem Zeitmassstab unterschiedlich waren. Hauptresultat der ebenfalls in «Geophysical Research Letters» publizierten Studie war, dass die Stärke der Überflutungen im globalen Massstab insgesamt abgenommen hat. In den trockenen und gemässigten Klimazonen sind die sogenannten Jahrhundert-Hochwasser, die statistisch gesehen alle hundert Jahre auftreten, zurückgegangen. In den kalten Regionen der Erde zeigten sich bei den Jahrhundert-Hochwassern durchmischte Trends.

«Die Zeitreihe zum Hochwassergeschehen ist durch einzelne wiederkehrende Hochwasserereignisse sowohl im Winter- als auch im Sommerhalbjahr geprägt. Signifikante Trends lassen sich nicht feststellen.»

Monitoringbericht des deutschen Umweltbundesamts, 2019

Auch in Deutschland kann keine Rede davon sein, dass es immer mehr Hochwasser gibt. Das Umweltbundesamt schrieb 2019 in seinem Monitoringbericht zur deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel, dass keine Hochwassertrends feststellbar seien: «Die Zeitreihe zum Hochwassergeschehen ist durch einzelne wiederkehrende Hochwasserereignisse sowohl im Winter- als auch im Sommerhalbjahr geprägt. Signifikante Trends lassen sich nicht feststellen. Je nach Witterungskonstellation ergeben sich räumliche Schwerpunkte des Hochwasserauftretens. In der Regel sind aber mehrere Flussgebiete betroffen.»

Mehr Katastrophenvorsorge statt Klimaschutz

Zu einem klaren Schluss kam auch der Deutsche Wetterdienst in seinem Klimareport von 2020. Dort hiess es: «Für den Sommer lassen sich derzeit mit den vorhandenen Beobachtungsdaten und den bekannten Methoden keine Trends der Anzahl von Tagen mit hohen Niederschlagsmengen identifizieren. Hier dominiert eine kurz- und mittelfristige zyklische Variabilität.»
Vielleicht sollten sich deutsche Politiker und Aktivisten besser dem Hochwasserschutz widmen, als bei Naturkatastrophen bedeutungsschwanger immer den Klimawandel in Erinnerung zu rufen. «Seit langem fordern Wissenschaftler, Stadtplaner und sogar der Deutsche Städtetag, dass verbesserte Abwassersysteme erforderlich wären, um Fluten mehr Raum zu geben», schrieb die deutsche Zeitung «Die Welt». Warum solche Forderungen verhallten, so die Zeitung, lasse sich derzeit gut erkennen: Armin Laschet mahne angesichts des Hochwassers zu mehr Klimaschutz und nicht zu mehr Katastrophenvorsorge.

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