Kaum einer ist so beliebt, so erfolgreich, so herrlich ehrlich. Hausi Leutenegger, eine Schweizer Legende

Kaum einer ist so beliebt, so erfolgreich, so herrlich ehrlich. Hausi Leutenegger, eine Schweizer Legende

Wie funktioniert das Hausi-Prinzip? Ein Besuch in seiner Welt. Unplugged.

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von Sebastian Briellmann am 31.12.2021, 05:00 Uhr
Eine Schweizer Legende: Hausi Leutenegger. Foto: Keystone
Eine Schweizer Legende: Hausi Leutenegger. Foto: Keystone
Für die Damen am anderen Tisch wird es am Ende dann doch nur Kaffee, ohne Seitenwagen (es ist auch erst früher Nachmittag), aber dafür gibts Komplimente («Ihr seht super aus, meine Damen – toll, euch zu sehen»), und die wärmen vielleicht nicht den Körper, aber wohl die Seele. Wobei: So eindeutig ist das in der heutigen Zeit ja auch nicht mehr – was ist charmant, was ist übergriffig? Und geht das noch, wenn von Damen die Rede ist?
In dieser Welt, in einem bürgerlichen Restaurant in Wil, geht das. Man kann sich fast nichts anderes vorstellen; was weniger an der Umgebung liegt (oder an der Ambiance), sondern an jenem Mann, der die freundlichen Worte spricht und zum Kaffee einlädt («Ich zahle immer.»): Hans Leutenegger. So nennt ihn in der Beiz natürlich niemand, und woanders eigentlich auch nicht. Für die Menschen ist Leutenegger einfach «Hausi» – und weil er eine ziemlich grosse Nummer ist («mi kännt jedä»), zumindest in der Schweiz, darf er Sätze sagen, bei denen viele verstimmt die Nase rümpften, würden sie andere aussprechen.
Wenn eine Journalistin des «Tagblatts der Stadt Zürich» fragt, wie es ihm gehe – und er antwortet, «blendend, wenn ich dich in deinem schönen Kleid sehe», dann schreibt sie: «Hausi kann man nicht böse sein.» Und dass das «nicht nur okay», sondern «schampar charmant» sei.
Diese Welt ist Hausis Welt.

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Bon Vivant: Hausi ist ein Mann, der ein volles Leben liebt und lebt. Foto: Keystone

«Lueg emal», sagt er, «das ist für mich ganz normal.» Für andere wäre das vielleicht komisch, sagt er, aber er kennt das nicht anders: «Ich hatte nie ein normales Leben. Ich habe auch nie ein normales Leben gewollt.» Normal wäre es gewesen, wenn der Arbeitersohn aus Bichelsee im Kanton Thurgau, nun ja, Arbeiter in Bichelsee im Kanton Thurgau geworden wäre. Ohne Chance auf einen sozialen (und monetären Aufstieg). «Eine Verbesserung der eigenen Lebenssituation», sagt Hausi, «wäre damals nicht gerne gesehen worden».

«Nur wer nett ist, kann erfolgreich sein.»

Hausi Leutenegger

Also macht Hausi alles anders. Er ist das fünfte von acht Kindern, aber als jüngster Sohn («Ich war trotzdem immer der Chef, ganz klar, ich wollte da raus»), ist er bald einmal übers Dorf hinaus bekannt, weil er gut im Sport ist, und ja, auch weil er gut aussieht. Er ist Kranzturner («eidgenössischer!»), später Olympiasieger im Viererbob; mit 25 wird er Unternehmer und mit 30 Millionär; daneben, als wäre es nichts: Filmstar («Ich habe in 38 Filmen mitgespielt, Kommando Leopard, Commander...»), Mäzen und «Bon Vivant», wie er sagt (andere würden sagen: Playboy).
Früher war das Geld knapp, heute wohnt er «überall», wie er gerne sagt, er hat Wohnsitze auf den Kanarischen Inseln, in Rolle bei Genf und in Freienbach im Kanton Schwyz. Und das sind nicht einmal alle Immobilien…

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Schweizer A-Promi: Hausi ist bis heute gern gesehener Gast an Anlässen aller Art. Foto Keystone

Das ist wohl wirklich nicht das, was man ein normales Leben nennt. Er macht auch nach seinen sportlichen Triumphen alles anders. Er rekrutiert seine Mitarbeiter, indem er Serviertöchtern ein Hunderternötli und seine Visitenkarten zusteckt, die diese dann an potenziell geeignete Männer weitergeben. Wurde einer angestellt, gabs nochmals hundert Franken. Er geht mit seinen Angestellten gerne etwas trinken, pflegt sie: «Nur wer nett ist, kann erfolgreich sein. Ich war immer nett, war Vaterfigur, obschon selber noch jung. Viele meiner Leute stellten mir ihre Freundinnen vor, nur um von mir zu erfahren, ob es die richtigen für sie waren.»

«Acht vo zäh Lüüt möged mi»

Hausi erzählt solche Anekdoten im Stakkato. Auch jetzt noch, mit 81. Es sind die Geschichten seines Lebens. Aus der Zeit gefallen ist dieser Mann aber nicht; er weiss ganz genau, dass es heute nicht mehr so läuft, «das muss man annehmen». Anpassen muss er sich nicht. «Acht vo zäh Lüüt möged mi.»
Wer sich in seinem Dunstkreis bewegt, vergisst leicht die hektische, gerne auch mal in Hysterie umschlagende Zeit, in der wir gerade leben. Corona? Spaltung, Gehässigkeit, Denunziation: Das ist ihm fremd. «Man muss auch öfters mal weghören.» Digitalisierung? Mit dem «Internetz» muss man ihm nicht mehr kommen, er hat kein Smartphone, sondern ein Klapphandy – und ist dennoch besser erreichbar als mancher Digital Native. Bezahlt wird nicht mit Kreditkarte, sondern «Cash». Alles, immer. Auch mal einen Bentley, für 440’000 Franken.
Was ihm niemand übel zu nehmen scheint. Als er einmal gefragt wurde, wie seine Vielfliegerei mit dem Klimawandel vereinbar sei, sagte er: «Das geht mich nichts mehr an. Was diese Greta erzählt, interessiert mich überhaupt nicht.» Kritisiert wurde er auch dafür nicht.

«Blocher, Brunner, Maurer»

Obschon er nicht zwingend das ist, was man einen typischen Schweizer nennt. Wahrscheinlich finden sich viele insgeheim in ihm wieder, wären gerne (mehr) wie er, würden das aber nie zugeben. Auffällig: Selbst in Medien, die nicht unbedingt viel von der SVP halten, ist er ein beliebter Gesprächspartner – obschon er mantraartig betont: «Blocher, Brunner, Maurer – das ist meine Wellenlänge.»
Es ist vielleicht Hausis grösste Errungenschaft. Dass er sagen kann, dass er sich «natürlich auch mal wichtig gemacht hat», ihm aber niemand Arroganz vorwerfen würde. Obschon er gerne betont, dass er seit langem auf der Reichstenliste der «Bilanz» steht («Ich habe zwischen 100 und 200 Millionen») – und weiss, wie viele Flaschen Champagner es braucht, um eine Badewanne zu füllen («30 bis 40»). Hausi unplugged.

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Acht von zehn Menschen mögen ihn: Hausi Leutenegger, Menschenfreund. Foto: Keystone

Was sich andere nie trauten, aus Scham, aus Angst um ihren Ruf, ist für Hausi einfach Teil seiner Geschichte. In der «NZZ am Sonntag» sagte er einmal: «Da sitzt du vorn in die Swissair-Maschine rein und steigst mit der Stewardess aus; die hatten ja ewig frei damals. Es waren wilde Zeiten zwischen 40 und 50. Ich kannte die schönsten Frauen, treu war ich nie ganz.»
Der Titel des Interviews war nicht, wie üblich, das beste, knackigste Zitat, nein, das Gespräch war überschrieben mit: «Hausi der Grosse.» Und wenn er erzählt, dass er James Bond geworden wäre, hätte er besser Englisch gesprochen («die wollten mich!»), wird ihm nicht Grössenwahn vorgeworfen, sondern spürt man aufrichtiges Bedauern.
Was hätte das für ein Genuss werden können, mit dem «Burt Reynolds der Alpen» in der Hauptrolle als britischer Gentleman-Agent?
Wie kommts? «Die Leute haben mich eben gern.» Das ist das eine; das andere ist, dass er immer viel gegeben hat. Über 20 Millionen für den Sport zum Beispiel. Viel ging an den Fussballclub Neuchâtel Xamax – nicht weil er ein grosser Fan der Mannschaft (oder des Fussballs überhaupt) war, sondern der damalige Präsident Gilbert Facchinetti ein guter Freund. Er hat auch die Tour de Suisse dreimal nach Genf geholt, ein Veloteam gesponsert, Schwinger unterstützt.

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Hausi mit seinem Freund Ferdy Kürbler an der Tour de Suisse 1992. Foto: Keyston

Das mögen die grossen Beträge gewesen sein, aber bis heute sind es die kleinen Gesten, die bei Beobachtern hängenbleiben. Jede Bettlerin, jeder Obdachlose bekommt von Hausi «ein Nötli». Als er einmal einen Mann sah, der verdreckte Toiletten putzen musste, «weil sich viele nicht benehmen können», gab er ihm einen Hunderter für einen Kafi Schnaps, damit er mit einem «feinen Gout in der Nase» nach Hause gehen konnte: «Der Mann hat mir gedankt und erzählt, dass sein Sohn fünf Jahre für mich gearbeitet und immer gesagt habe, dass ich ein guter Mann sei. Das sind die grössten Komplimente.»

Das Hausi-Pronzip

Noch heute, sagt er, bekomme er unzählige Bettelbriefe, die er (respektive sein Büro) vornehmlich ablehnen, weil es öfters um Tennisstunden für Elfjährige gehe und nicht um wirkliches Leiden. Bis heute auf finanzielle Unterstützung zählen darf die Heilsarmee, weil er auch auf sie zählen konnte, als er noch wenig Geld hatte. «Wer hilft, wer Dankbarkeit zeigt, darf immer auf mich zählen.» Das Hausi-Prinzip.
Überall wahllos Pestalozzi spielen: Das kommt aber nicht in Frage, sagt Hausi lachend, «sonst stecken mich meine Kinder sofort ins Altersheim.»

Hausi, wie er leibt und lebt, zu Gast bei Gülsha. Video: Youtube/SI

Davon, dass darf man sagen, ist er weit entfernt. Er fühlt sich fit, jeden Tag nach dem Aufstehen macht er Übungen für den Rücken, und ein paar Liegestützen oder Rumpfbeugen, «das bewirkt Wunder, und wäre auch etwas für Dich, junger Mann». Oft gibt es auch bereits vor dem Zmittag einen Schnaps.
Es sind alte Rezepte, um auch in einer neuen Welt gesund zu bleiben.
Hausi wiederholt an dieser (und auch an anderer) Stelle nochmals, dass er wirklich mit Veränderungen klar kommt, «muesch anä», aber so ein bisschen wehmütig klingt es schon, wenn er über früher spricht. Symptomatisch sind seine Erlebnisse mit der Polizei. Ob er etwas zu schnell, ob er (oder sein Chauffeur), sagen wir, limitiert fahrtüchtig war: Immer kam er glimpflich davon. «Das geht heute leider nicht mehr, man darf ja nicht mal mehr jemanden zu einem Kaffee einladen und ein bisschen plaudern.»

«Ich kann mit Menschen. Ich habe die beste Menschenkenntnis. Nach einer halben Stunde weiss ich alles über mein Gegenüber.»

Hausi Leutenegger

Man kann sich aber gut vorstellen, ohne dass Hausi das sagen würde: Wenn jemand die Realität aushebeln könnte, zumindest ein bisschen, dann wäre er es. Und es gibt durchaus Hinweise, die für diese Theorie sprechen. Als die Schlammschlacht um den früheren Raiffeisen-Patron Pierin Vincenz begann, wurde Hausi vom Schweizer Fernsehen extra auf den Kanarischen Inseln besucht, weil er einer der berühmtesten Raiffeisen-Kunden ist. Aus der geplanten Dokumentation über die Bank wurde ein Porträt über Hausi.

Ein Schweizer Traummann

Und vor zwei Jahren hat die «Republik» vor den Wahlen viele Politiker besucht, hat mit ihnen getrunken, wollte die Menschen kennenlernen. Der letzte Besuch führte das Onlinemedium, das an der Langstrasse zu Hause ist («Geile Strasse»), aber nicht zu einem Bundesrat, sondern zu Hausi. Was für eine Ehre.
Hausi sagt: «Ich kann mit Menschen. Ich habe die beste Menschenkenntnis. Nach einer halben Stunde weiss ich alles über mein Gegenüber.» Er konnte sogar mit Klaus Kinski, was nun wirklich nicht selbstverständlich ist.

Sagt immer, was er denkt: Hausi, eine Schweizer Legende. Video: Youtube/watson

Vielleicht ist es dieses Talent, das dafür sorgt, dass ihm die NZZ vor einem Monat mal wieder eine ganze Seite widmete. Im Feuilleton. Dass er von der «Glückspost» einen Stammplatz in der Rubrik «Traummänner» hat (2019 und 2020: jeweils Platz 31). Im letzten Jahr war er auf Google er in den Top Ten der meistgesuchten Schweizer Persönlichkeiten (Platz 8). Womöglich liegt es auch daran, dass er in der NZZ sogar zu den ganz grossen Fragen befragt wird; etwa, warum die Ostschweiz eine tiefe Impfquote hat. Es ist halt «Hausi-Land». Und Hausi zieht immer.
Er geniesst das auch, das ist spürbar. Er sagt: «Die Menschen wollen den Hausi sehen, einen fröhlichen Hausi, einen glücklichen.» Ist er das dann immer? Nein, sagt er, weil er schon früh mit dem Tod in Berührung gekommen ist. Im Militär wird er von einem Soldaten, der mit dem Töff unterwegs ist, angefahren. Er wird verletzt, der andere Soldat überlebt den Unfall nicht. Seine erste Ehefrau verstirbt viel zu früh. Und viele gute Freunde sind nicht mehr da. Ist er traurig, geht es ihm nicht so gut: Dann sieht man ihn einfach nicht, bleibt er gerne allein und meidet die Öffentlichkeit.

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Nach dem Olympiasieg die Lungenetzündung: Vieles, aber nicht alles geht glatt in Hausis (2. v. l.) Leben. Foto: Keystone

Hausi wird nun nachdenklich, spricht langsamer und sagt: «Ich hatte auch viel Glück. Nach dem Olympiasieg hatte ich eine doppelte Lungenentzündung, war in Tokio zwei Wochen im Spital. Da habe ich nur knapp überlebt.» Was ihm hilft, ist sein Glauben, jeden Sonntag geht er in die Kirche. Wer Nahtoderlebnisse kennt, der geniesst «jeden Tag», vor allem, sagt Hausi, seit er 80 Jahre alt geworden ist: «Es mag klischiert klingen, aber so ist es nun mal. Du hoffst, dass du gesund und das Leben lebenswert bleibt.»
Und ein solches Leben hat Hausi, ein volles, ein ehrwürdiges, «ein geiles», wie er gerne sagt und natürlich völlig recht hat. Das heisst nicht, dass es immer luxuriös sein muss: Bis heute ist ihm die gutbürgerliche Küche die liebste, an Weihnachten gibt es nicht Foie Gras, sondern Hackbraten. Hausi sagt über sein Wirken auf der Erde: «Wer als einfacher Mann geboren wurde, der geht auch als einfacher Mann.»
Und als Schweizer Legende. Das steht jetzt schon fest.

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