Somms Memo

Katar, Superstar. Wie sich der Westen zum Clown macht. Und Infantino zum Ober-Clown.

image 29. November 2022 um 11:00
Gianni Infantino, FIFA-Präsident, neuerdings auch woke.
Gianni Infantino, FIFA-Präsident, neuerdings auch woke.
Die Fakten: Zuschauerzahlen und Einschaltquoten an der WM in Katar bewegen sich im üblichen Rahmen. Auch in der Schweiz. Warum das wichtig ist: Boykott? Böses Katar? Es wird viel geredet, wenig getan. Wir im Westen werden zu politisch korrekten Clowns. Kurz vor Beginn der WM hat die Stadt Zürich, eine rot-grüne und moralische Hochburg unseres Landes, jegliches Public Viewing der Spiele in Katar auf öffentlichem Grund verboten.
  • Man wollte damit ein Zeichen setzen
  • Zwar gibt es Katar schon lange, und Zürich noch länger, aber erst jetzt scheint Katar im Westen als das aufgefallen zu sein, was es immer schon war: ein oft reaktionärer, dann wieder innovativer, immer reicher Wüstenstaat, wo Mittelalter und Star Wars eine spannungsreiche Verbindung eingegangen sind
  • Gewiss, das ist nicht Norwegen, wo Kinderkrippen von Amnesty International zertifiziert werden. In Katar werden – wie fast überall in islamischen Ländern – Homosexuelle verfolgt, in Katar gelten Arbeitsbedingungen, die bei uns schon das Glarner Fabrikgesetz von 1864 überwunden hat, die Sklaverei kam erst in jüngster Vergangenheit aus der Mode

Natürlich steht Zürich nicht allein mit seinen Bedenken, überall im Westen hat sich eine zwar kaum organisierte, aber recht gut vernehmbare Boykottbewegung gebildet:
  • Wer Fussball liebt, hasst Katar
  • Wer Katar liebt, hasst den Westen

Wohl um die Stadt Zürich etwas zu reizen, hat SVP-Stadtparteipräsidentin Camille Lothe (und Nebelspalter-Wirtschaftsredaktorin) gestern ein Public Viewing des Spieles der Schweiz gegen Brasilien veranstaltet (0:1).
  • Im Club «The Urban» mitten in Zürich gab es Fussball und Bier sowie pluralistischer Patriotismus
  • Und 250 Leute strömten herbei, ausverkauft, darunter viele Brasilianer und solche, die es werden wollten, kaum hatte Brasilien gewonnen
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Von einem schlechten Gewissen war nichts zu hören, von Desinteresse ebenso wenig, vom Boykott eines Landes, das auch islamistische Terroristen finanziert und nichts daran findet, dass sein Sender Al Jazeera routinemässig Antisemitismus verbreitet, noch weniger. Der westliche Boykott ist ein Witz.
  • In Katar wurden bisher so viele WM-Tickets verkauft wie noch an jeder anderen WM, schon jetzt sind es mehr als in Russland (WM 2018)
  • Auch die Einschaltquoten am Fernsehen oder noch wichtiger: die Zugriffe auf das Livestreaming zeigen keine Auffälligkeiten. Keine Einbrüche, keine moralisch motivierte Enthaltsamkeit

90 Minuten beste Unterhaltung, ob aus Katar oder aus der Antarktis. Who cares?
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Gianni Infantino offenbar – Präsident der FIFA, also der oberste WM-Verantwortliche, und neuerdings Einwohner von Katar. In einer Rede zur Eröffnung der WM in Katar wehrte er sich gegen die vielen kritischen Vorhaltungen, die sich Katar und die FIFA hatten anhören müssen.
  • Es war vielleicht die lustigste Rede, seit Charlie Chaplin den Stummfilm hinter sich liess und anfing zu reden
  • Lustig, weil sich da einer auf den Kopf stellte, aber darauf bestand, er hätte die Hosen noch an

Gianni Infantino redete wie Tamara Funiciello. Empört, entrüstet, empört. Er solidarisierte sich mit diskriminierten oder angeblich misshandelten Minderheiten. Er sagte:
  • «Ich bin schwul»
  • «Ich bin behindert»
  • «Ich bin ein Katari»

Er, der einer typisch westlichen Geldmaschine vorsteht, inszenierte sich als Opfer des Westens. Er, dessen Eltern einst aus Italien in die Schweiz eingewandert sind, wo er Karriere machte, meinte diesen Lebenslauf, wie er so klassisch ist im meritokratischen Westen (und nur dort), mit der Situation eines Wanderarbeiters in Katar gleichsetzen zu müssen.
Es war eine Woke-Rede
  • Anti-westlich
  • Anti-kapitalistisch
  • Funiciello eben

Er, der alles dem Westen verdankt, trat in Katar auf und entschuldigte sich für den Westen. Es war eine Anbiederung der traurigen Sorte. Voller Selbsthass, voller Ressentiments – gegen sich selbst. Infantino wirkte wie ein Velodieb, der einen Mörder in Schutz nimmt, indem er den eigenen Velodiebstahl zugibt. «Ich denke, für das, was wir Europäer in den letzten 3000 Jahren getan haben, sollten wir uns für die nächsten 3000 Jahre entschuldigen, bevor wir anfangen, anderen Menschen moralische Lektionen zu erteilen.» Hallo? Nur, weil die FIFA jahrelang von «Inklusion», «Anti-Rassismus» und der pazifistischen Kraft des Fussballs gesprochen hat und nun unter Druck geraten ist, weil alle merken, dass die FIFA das alles nie ernst gemeint hat, müssen wir uns jetzt bei einem Mittelalter-Regime entschuldigen? Infantino, die FIFA haben ein Problem. Nicht der ganze Westen. Dass man mich nicht missversteht: Ich habe nichts gegen die WM in Katar, weil ich diese ideologische Überhöhung des Sports unerträglich finde. Sport ist Sport. Nichts mehr, aber auch nichts weniger. Vor moralischen und politischen Nebenwirkungen, die es zu beachten gelten soll, wird gewarnt. Ansonsten könnten wir Olympische Spiele und Weltmeisterschaften nurmehr in der Schweiz, Norwegen und Schweden durchführen. Es ist die FIFA, die selber schuld ist, wenn man sie jetzt an Massstäben misst, die sie aufgestellt hat, in der Hoffnung, die Linke, von der sie nie geschätzt wurde, zu besänftigen.
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Charlie Chaplin, das Original.
Infantino, der Clown. Selten war hat sich ein FIFA-Präsident so lächerlich gemacht. Oder wie es Charlie Chaplin, ein begabterer Clown, gesagt hat: «Du wirst nie Regenbögen sehen, wenn Du nach unten schaust.» Ich wünsche Ihnen einen ehrlichen Tag Markus Somm

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