Kampfzone Asphalt: Jetzt gehts rund

Kampfzone Asphalt: Jetzt gehts rund

«Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius Null – und das nennen sie ihren Standpunkt.» An dieses Zitat von Albert Einstein muss ich denken, während ich in einem Verkehrskreisel auf die Bremse trete.

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von Ralph Weibel am 29.7.2021, 10:00 Uhr
Nebelspalter
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Offensichtlich hat jemand beschlossen, seinen Standpunkt ausgerechnet hier seinem Horizont anzupassen. Ist es Orientierungslosigkeit, Überforderung oder schlicht Dummheit? Schon 1899 wurde mit dem ersten Kreisel am Brautwiesenplatz im deutschen Görlitz versucht, Schwung in den Verkehr zu bringen. Später übernahmen Städte wie New York oder Paris, mit dem berühmtesten aller Kreisel um den Arc de Triomphe, die Idee.
Ziel in einem Kreisel war und ist, dem Verkehr zu verhelfen, das zu tun, wofür er gedacht ist: fliessen. Davon bin ich weit entfernt. Dabei wäre der Kreis, als Urform der perfekten Form, bestens dazu geeignet. Es müssten sich nur alle an zwei einfache Regeln halten. Wer im Kreisel fährt hat Vortritt und geblinkt wird nur, um ihn zu verlassen.
Frage mich, weshalb so viele Verkehrsteilnehmer nicht damit klarkommen. Vielleicht fährt, also eben richtigerweise steht, vor mir ein Anarchist oder ein Verkehrsaktivist, der mit seinem Bremsmanöver das System zum Erliegen bringen will. Ungewollt werde ich hier zum Mitglied einer Bewegung, die sich gegen die Hektik des Alltags und für das Innehalten einsetzt. Während ich darüber nachdenke, hupt es hinter mir. Gedankenverloren bin ich längst zur Ursache der Verkehrsflussverhinderung geworden. Ich gebe Gas und fahre ein paar Runden im Kreisel und geniesse den Gedanken, mit nur einmal bremsen, die Macht zu besitzen, ein ganzes System herunterzufahren.

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