Kampfzone Asphalt: Der Zebrastreifen als Vater der Auffahrkollision

Kampfzone Asphalt: Der Zebrastreifen als Vater der Auffahrkollision

Kaum ein Ort auf dieser Welt ist so gegensätzlich wie ein Fussgängerstreifen. Zwei Wege, die sich kreuzen. Einer rollend, der Andere gehend. Konflikte sind vorprogrammiert.

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von Ralph Weibel am 21.7.2021, 10:00 Uhr
Nebelspalter
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Nervt es Sie auch, wenn Sie einem Fussgänger am Zebrastreifen den Vortritt gewähren und dieser als Smombie im Tempo einer Galapagosschildkröte die Strasse überquert? Smombie setzt sich aus Smartphone und Zombie zusammen und steht für Menschen, die mit gesenktem Haupt, den Blick starr auf ihr digitales Gadget gerichtet, weltfremd in der Welt herumirren.
Dabei wurde gerade der Zebrastreifen erfunden, um etwas Orientierung zu bieten. Allerdings gab es damals noch keine Smartphones. Schon die Römer hatten erhöhte Trottoirs und ebenso hohe Querungen. Diese würden heute jedem Auto-Poser den Spoiler von der tiefergelegten Potenzschleuder reissen. Vielleicht verschwanden sie deshalb, oder weil es lange keine Gehsteige gab. Die kamen erst Mitte des 18. Jahrhunderts wieder in Mode. Den meisten Leuten war das egal und sie gingen noch immer auf der Strasse. Noch 1922 entschied sich das Aargauer Obergericht für das Chaos. Es urteilte, "dass ein Fussgänger auf der Strasse vollständig frei ist, wo er gehen will, dass ferner nicht nur normalhörige, sondern auch schwerhörige Personen, ja sogar Taubstumme und Leute mit schweren Holzschuhen die Strasse betreten dürfen. Denn sie gefährden andere nicht; das Gefahrenmoment aber schafft das Automobil, das sich mit bedeutend grösserer Schnelligkeit als der Fussgänger bewegt". Erst zehn Jahre später wurden diese verpflichtet, "Trottoirs zu benutzen". Gleichzeitig wurden ihnen mit Markierungen Bereiche zur Überquerung einer Strasse zugwiesen. Erst mit eingeschlagenen Nägeln, später mit den gelben Streifen.
Meine Generation lernte noch von einem Polizisten kurz vor der Pension, der zu gebrechlich für die Jagd auf Verbrecher war und deshalb zum Verkehrsunterricht an den Schulen degradiert wurde, wo er "luege, lose und laufe" proklamierte. 2006 wurde dann der generelle Vortritt der Fussgänger ins Strassenverkehrsgesetz aufgenommen. Heute tschalpet jeder einfach auf die Strasse, zwingt den 40-Tönner zu einer Vollbremsung, dem kracht ein Auto hinten rein, eine Radfahrerin fällt beim Ausweichmanöver aufs Trottoir, wo sie von einem E-Trottinett überrollt wird, während die Bremsen eines Trams kreischen. Nur einer merkt nichts davon: Der Smombie.

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