Kampfbegriffe: «Progressiv» ist das Gegenteil von Fortschritt!

Kampfbegriffe: «Progressiv» ist das Gegenteil von Fortschritt!

In lockerer Folge stellt der Nebelspalter politische Kampfbegriffe vor. Heute geht es um das Wort progressiv.

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von Claudia Wirz am 9.11.2021, 19:00 Uhr
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Wenn der Politikgeograf Michael Hermann von der Forschungsstelle Sotomo im Tagesgespräch mit SRF-Redaktor Marc Lehmann eine Halbzeitbilanz zur laufenden Legislatur zieht (Audio hier), dann fällt das Wort progressiv auffallend oft. Progressiv ist ein angenehmes Wort. Es klingt sympathisch, ohne dass man noch irgendetwas hinzufügen müsste. Man hört in diesem Wort sozusagen schon die Vorschusslorbeeren rascheln. Wer progressiv ist, muss gut sein. Denn das Wort steht für Aufbruch, Erneuerung und Fortschritt – wer kann da schon dagegen sein? Mit den Progressiven geht's auf- und vorwärts.

Weiblich, jung, urban

Das Wort progressiv gesellt sich gerne zu anderen Adjektiven, die ebenfalls den Geist der Erneuerung zum Guten in sich zu tragen scheinen. Dazu gehören zum Beispiel die Begriffe weiblich, jung oder urban. Im Umkehrschluss wäre dann logischerweise alles, was nicht progressiv ist und somit nicht für Fortschritt steht, männlich, alt und ländlich. Oder anders gesagt: Männer, Alte und die Leute vom Land wären also Fortschrittsverhinderer. Auch dafür kennt die Politikanalyse ein Wort: Es heisst konservativ.
Nun hören wir also im erwähnten Tagesgespräch zwischen Hermann und Lehmann, dass das Eidgenössische Parlament seit den Wahlen von 2019 weiblicher, grüner, jünger – kurzum: progressiver – sei als das vorherige. Selbst in bürgerlichen Fraktionen zeige sich dieses Phänomen. Dürfen wir uns in dieser Legislatur nun also noch auf einen wahren Fortschrittsboom freuen, zum Beispiel auf bahnbrechende technologische und gesellschaftspolitische Innovationen, die unseren Wohlstand nicht nur sichern, sondern auch voranbringen?

Altbackene Rezepte

Für solche Vorfreude gibt es leider wenig Anlass. Denn das von den Politikexperten so leicht dahingeworfene Wort progressiv steht eigentlich für etwas ausgesprochen Konservatives, ja Altbackenes. Es steht für die seit Jahrzehnten immergleichen linken Rezepte zur Umgestaltung der Gesellschaft: den Ausbau des Staates, die Erhöhung der Staatsquote, die Erweiterung der staatlichen Bürokratie, zunehmende Regulierung und die Steigerung Umverteilung.
All das ist das Gegenteil von Fortschritt. Denn Fortschritt entsteht nicht im Staat, sondern im Wettbewerb der Ideen, also dort, wo der freie Raum möglichst gross und die Bürokraten möglichst abwesend sind und wo Innovation und Leistung honoriert werden, wo es sich also für die Einzelnen lohnt, sich anzustrengen.
Was, bitte schön, sollte an der angeblich progressiven Idee von der Überwindung des Kapitalismus, der schleichenden Abschaffung des Privateigentums und der Unterminierung des individuellen Leistungswillens fortschrittlich sein? Diese Ideen sind nicht nur Konserven aus dem 19. Jahrhundert, sie sind auch dutzendfach grandios gescheitert, was jeder wissen müsste, der sich schon einmal mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts befasst hat.
Was heisst das nun für unser Wort progressiv? Man merke: Wie in der Medizin, wo positiv oft negativ bedeutet, meint in der Politik progressiv eigentlich konservativ. Wenn also ein Parlament besonders progressiv ist, darf man nicht allzu viel Fortschritt erwarten. Die vergangene Frauensession hat dazu exemplarisch den Beweis geliefert (siehe hier und hier).

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