Kampfbegriffe: Fachkräftemangel

Kampfbegriffe: Fachkräftemangel

In lockerer Folge stellt der Nebelspalter politische Kampfbegriffe vor. Dieses Mal geht es um den Fachkräftemangel.

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von Claudia Wirz am 25.11.2021, 11:00 Uhr
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Der Begriff Fachkräftemangel feiert Konjunktur. Kaum ein Tag vergeht, an dem wir ihm nicht begegnen. Zurzeit sorgt er gerade in Zusammenhang mit der Pflegeinitiative für Furore, was seine ebenso polemische wie politische Natur unterstreicht.

Gut gejammert, fast gewonnen

Es geht beim Fachkräftemangel wie fast immer in der Politik ums Geld, genauer gesagt: um Subventionen. Welcher Politiker (Frauen sind explizit mitgemeint) kann schon ernsthaft einen Mangel gutheissen? Weil das Jammern zur Politik gehört wie das Klappern zum Handwerk, muss man sich also nur lange genug beklagen, und bald wird aus dem vermeintlichen Mangel politischer Handlungsbedarf.
Der Fachkräftemangel ist uns durch den täglichen Medienkonsum schon so geläufig geworden, dass er uns wie eine vertraute «Wahrheit» erscheint. Hinterfragt wird der Begriff kaum. Und deshalb weiss auch niemand so genau, was er überhaupt meint.
Besteht in der Pflege zum Beispiel dann ein Fachkräftemangel, wenn eine Pflegerin für sieben Patienten zuständig ist, während bei fünf oder sechs alles in bester Ordnung wäre? Und was wäre, wenn es einen Fachkräfteüberschuss gäbe? Wäre das eine gute Nachricht? Schliesslich ist Überfluss im Unterschied zum Mangel doch erstrebenswert – oder etwa nicht? Und was führt eigentlich zu einem Mangel, wo doch das Gesetz von Angebot und Nachfrage eigentlich funktionieren müsste?

Gewollt und hausgemacht

Die politischen Akteure hinter dem Topos Fachkräftemangel sind an der Klärung dieser und ähnlicher Fragen nicht interessiert. Schliesslich will man an die Honigtöpfe des Umverteilungsstaates. Ergebnisoffene Analysen der Sachlage könnten nur Erkenntnisse zutage fördern, die diesen Plan durchkreuzen. Das will man nicht.
Dabei würde sich genaues Hinsehen gebieten, bevor man neue Subventionen beschliesst. Im konkreten Fall dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit herauskommen, dass viel von dem vermeintlichen Fachkräftemangel hausgemacht, ja politisch gewollt ist.
Junge Leute werden schon in der Schule im Sinne der Work-Life-Balance-Gesellschaft auf Teilzeitarbeit eingeschworen. Teilzeitarbeit gilt als modern, familienfreundlich und förderungswürdig. Männer, die Teilzeit arbeiten, sind besonders cool. Vaterschaftsurlaub, Elternzeit und «Care-Arbeit», wie Kindererziehung und Hausarbeit neuerdings heissen, werden zu gesellschaftlichen Ikonen verklärt, die selbstverständlich staatlich gefördert werden müssen.

Der Lohn der Abstinenz

Wer Teilzeit arbeitet, wird vom Staat gleich mehrfach belohnt. Man zahlt weniger Steuern und kommt in den Genuss von Prämienverbilligungen, Krippensubventionen und gemeinnützigen Wohnungen. Auch viele Akademikerpaare profitieren davon. Die Steuerprogression sorgt dafür, dass viele Frauen weniger arbeiten, als sie könnten oder wollten.
Kurzum: Die staatlichen Anreize sind so gesetzt, dass sie einen Fachkräftemangel aktiv fördern. Oder anders formuliert: Musste man früher für ein 100-Prozent-Pensum eine Person ausbilden, braucht es heute für das gleiche Pensum zwei oder drei ausgebildete Fachleute. Insbesondere bei den Medizinern ist das von grösster gesellschaftlicher Relevanz, weil ein Medizinstudium der Allgemeinheit hohe Kosten aufbürdet.

Der Fluch der Bürokratie

Es fällt auf, dass Fachkräftemangel vor allem im staatsnahen Bereich vorkommt, also dort, wo die Gesetze der Marktwirtschaft weitgehend ausser Kraft gesetzt sind. Gleichwohl setzen politische Vorstösse wie die Pflegeinitiative auf immer noch mehr staatliche Regulierung.
Planwirtschaft und Zentralismus sind aber ein Irrweg und werden dieses Problem nicht lösen – ganz im Gegenteil. Dieser Weg führt nur zu höheren Kosten und noch mehr Bürokratie. Und Letztere ist ganz besonders mitschuldig für den Katzenjammer im Pflegebereich. Das Pflegepersonal leidet unter der administrativen Belastung, die seit Jahren zunimmt und immer mehr Zeit verschlingt. Das weiss jeder, der einmal mit einer Pflegerin gesprochen hat. Nicht zuletzt ist es das und nicht die Lohnfrage, was viele aus dem Beruf vertreibt. Wer den Fachkräftemangel also wirklich beheben oder ihm vorbeugen will, setzt auf mehr Markt und weniger Bürokratie – und nicht auf neue, teure Subventionen.

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