Kampfbegriffe: Plötzlich fühlen sich alle «diskriminiert»

Kampfbegriffe: Plötzlich fühlen sich alle «diskriminiert»

In lockerer Folge stellt der «Nebelspalter» politische Kampfbegriffe vor. Heute geht es um Diskriminierung.

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von Claudia Wirz am 7.12.2021, 13:30 Uhr
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Wir leben – trotz Corona – noch immer in einer der besten aller Welten, zumal in der Schweiz. Nie zuvor war die Gesellschaft so egalitär und wohlhabend, nie waren die Möglichkeiten zur persönlichen Entfaltung so reichhaltig. Nie war der Weg der sozialen Mobilität so gut ausgebaut.

Alle sind diskriminiert!

Und dennoch sind wir umgeben von Diskriminierung. Nie war es schlimmer als heute. Diesen Eindruck erhält man jedenfalls, wenn man sich mit der öffentlichen Meinung befasst.
Diskriminiert sind alle: Die Frauen, die Nichtweissen, die Männer, die Kinder, die Singles, die Familien, die Geschiedenen, die Ausländer, die Verheirateten, die Queeren, die Velofahrer, die Autofahrer, die Rentner, die Prämienzahler, die Mieter, die Vermieter, die Fleischesser, die Veganer, die Städter, die vom Land, die Armen, die Reichen – die Liste liesse sich endlos entlang einer Liste verschiedener äusserer Merkmale fortsetzen. Es hat für jeden etwas.
So eine Diskriminierung gehört heute einfach dazu! Man zeigt sie her wie eine Monstranz oder ein modisches Accessoire. Wer diskriminiert ist, gilt etwas, ist ein sichtbares, wertvolles und damit schützenswertes Mitglied der Gesellschaft. Wehe dem, der keine Diskriminierung vorweisen kann! Denn wer nicht Opfer ist, ist in einer Welt, in der es nur Gut und Böse gibt, fast zwangsläufig ein Täter.

Benachteiligte Eliten

Deshalb brauchen alle ihr Quentchen Diskriminierung, auch die höchsten Eliten. Nimmt man die öffentliche Debatte zum Mass, grassiert die Diskriminierung unter den Privilegierten sogar ganz besonders; Universitätsangehörige und andere Akademiker in guten Positionen gehören jedenfalls zu denjenigen, die ihre Diskriminierung besonders aktiv zelebrieren. Der Frauenstreik lieferte beredtes Zeugnis dafür.
Warum ist es heute so erquicklich, diskriminiert zu sein? So erquicklich, dass sich mit Simonetta Sommaruga und Viola Amherd selbst Bundesrätinnen nicht zu schade sind, öffentlich über ihren eigenen Status als Diskriminierungsopfer zu plaudern? Und wann kann man überhaupt von einer Diskriminierung reden?
Der Begriff Diskriminierung hat sich im Wohlfahrtsstaat grundlegend gewandelt; er meint heute nicht mehr mangelnde Rechtsgleichheit, denn Rechtsgleichheit ist längst erreicht.
Diskriminierung steht heute vielmehr für verletzte Gefühle, für kulturelles Übersehenwerden, für gesellschaftliche Geringschätzung der eigenen Binnenwelt. Kurz: Diskriminiert ist, wer sich diskriminiert fühlt und andere der Diskriminierung bezichtigt. Jede Ablehnung, jeder fehlende Zuspruch, jeder Wunsch, der nicht sofort in Erfüllung geht, stellt eine potenzielle Diskriminierung dar.

Und ewig währt das Unrecht

In Zeiten des boomenden politischen Moralismus birgt das Motiv der Diskriminierung ein enormes politisches Kapital. Wer Betroffenheit markiert, hat die Moral automatisch auf seiner Seite – und hält damit das wichtigste Werkzeug in der Hand, um neue einklagbare Ansprüche an Staat und Wirtschaft zu stellen. Welcher Politiker, welcher Staatsfunktionär, welches Grossunternehmen könnte es sich schon leisten, nicht gegen Diskriminierung zu sein?
Die politische Bewirtschaftung der Diskriminierung ist zu einer Industrie geworden. Unzählige staatliche Stellen oder staatsnahe NGO kümmern sich um die vermeintlichen Opfer und stellen Forderungen nach mehr Subventionen und Privilegien.
Niemand in dieser Industrie hat ein Interesse daran, dass die vermeintliche Benachteiligung jemals verschwindet. Deshalb wird sie immer wieder neu erfunden.
Martin Walker, Spezialist für Diversity Management beim Eidgenössischen Personalamt (EPA), bringt es für seinen Wirkungskreis auf den Punkt: «Lohngleichheit ist eine Daueraufgabe.» Dass die von Amtes wegen beklagte Lohndiskriminierung zum Nachteil der Frauen wissenschaftlich nicht nachweisbar ist, spielt keine Rolle. Der neue, teure Opferkult muss bleiben, so egalitär unsere Gesellschaft auch ist.

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Claudia Wirz18.1.2022comments

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