Kälte tötet viel häufiger als Hitze

Kälte tötet viel häufiger als Hitze

Achtung Hitzetod! So warnen Politiker und Medien vor dem Klimawandel. Zwei neue Studien kommen aber zu einem ganz anderen Schluss: Der wahre Killer ist die Kälte.

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von Alex Reichmuth am 14.12.2021, 13:30 Uhr
Kälte setzt den Menschen mehr zu als Hitze. Bild: Keystone
Kälte setzt den Menschen mehr zu als Hitze. Bild: Keystone
Wenn im Sommer jeweils die Temperaturen steigen, geraten die Medien in Schnappatmung. «Extreme Hitzewelle – griechische Meteorologen befürchten Hitzetote», warnte «20 Minuten» im letzten Juli. «Menschengemachter Klimawandel sorgte für mehr Hitzetote», titelte «Nau.ch».
Todesfälle wegen steigender Temperaturen werden häufig angeführt, um vor der Erderwärmung zu warnen. Allerdings ist es so, dass die allgemeine Sterblichkeit im Winter jeweils deutlich höher ist als im Sommer. Offenbar ist Kälte für die menschliche Gesundheit viel gefährlicher als Wärme.

65 Millionen Todesfälle einbezogen

Bis jetzt gab es wenig Statistiken, die aufzeigen, wie oft Hitze und wie oft Kälte tötet. Das hat sich in diesem Jahr geändert. Es sind zwei fundierte wissenschaftliche Studien erschienen, die den Todesfällen wegen sogenannt nicht-optimaler Temperaturen auf den Grund gehen.
Die erste Studie ist eine statistische Auswertung eines Forscherteams um Katrin Burkart vom Institute for Health Metrics and Evaluation im amerikanischen Seattle. Die Forscher zogen insgesamt 65 Millionen Todesfälle im Zeitraum von 1980 bis 2016 heran – aus neun Ländern: Brasilien, China, Chile, Kolumbien, Guatemala, Mexiko, Neuseeland, Südafrika und USA. Jeder Todesfall wurde mit der Aussentemperatur, die am entsprechenden Tag gemessen wurde, und der jeweiligen Klimazone in Beziehung gesetzt.

Herzerkrankungen, Schlaganfälle, Atemwegsinfektionen

So ermittelten die Wissenschaftler 17 von 176 möglichen Todesursachen, die bei aussergewöhnlichen Temperaturen häufiger vorkamen. Sie rechneten ihre Erkenntnisse auf die gesamte Weltbevölkerung hoch und schätzten ab, dass 2019 rund 1,69 Millionen Menschen temperaturbedingt ums Leben gekommen sind.
Häufige Todesursachen, die durch Kälte begünstigt werden, sind etwa die ischämische Herzkrankheit (eine Erkrankung der Herzkranzgefässe), Schlaganfälle und Atemwegsinfektionen. Das Team um Burkart errechnete, dass von den 1,69 Millionen Todesfällen rund viermal mehr auf Kälte zurückzuführen sind als auf Hitze. Erschienen ist die Studie im renommierten Fachblatt «Lancet». Finanziert wurde sie von der Bill & Melinda Gates Stiftung (siehe hier).

Zehnmal mehr Kälte- als Hitzetote

Die zweite Studie konzentrierte sich auf Europa. Sie kam zum Schluss, dass auf diesem Kontinent die Zahl der Kältetoten diejenige der Hitzetoten noch klarer übersteigt – nämlich um den Faktor zehn. Es handelt sich um eine Erhebung eines Forscherteams um Erica Martinez-Solanas und Marco Quijal-Zamorano vom Barcelona Institute for Global Health in Spanien.
Die Forscher hatten Todes-Statistiken aus 147 Regionen in 16 europäischen Ländern herangezogen und diese ebenfalls mit den vorherrschenden Temperaturen abgeglichen. Sie ermittelten, dass 7,17 Prozent aller Todesfälle auf extreme Temperaturen zurückzuführen sind – wobei die Kältetoten 6,51 Prozent ausmachten, die Hitzetoten aber nur 0,65 Prozent. Diese Studie wurde im Fachmagazin «Lancet Planetary Health» publiziert (siehe hier)

Erfrierungsopfer machen nur einen kleinen Anteil aus

Die beiden Studie bestätigen die Resultate einer Arbeit, die 2015 ebenfalls in «Lancet» erschienen ist. Ein Team um Antonio Gasparrini von der London School of Hygiene & Tropical Medicine war dabei mit einer analogen Berechnungsmethode zum Schluss gekommen, dass Kälte für 7,29 Prozent von insgesamt 74 Millionen Todesfälle in 13 Staaten verantwortlich war, Hitze aber nur für 0,42 Prozent. Gemäss diesen Zahlen forderte Kälte gar 17 Mal mehr Tote als Hitze (siehe hier).

Die Mehrheit der Todesopfer fällt der Kälte indirekt zum Opfer, weil bei tiefen Temperaturen das Risiko für Atemwegsinfektionen und Herz-Kreislaufbeschwerden steigt.


Bei Kältetoten denkt man zuerst an Obdachlose, die in eisigen Winternächten ums Leben kommen. Erfrierungsopfer machen aber nur einen kleinen Anteil derjenigen Menschen aus, die wegen Kälte sterben. Die Mehrheit fällt ihr indirekt zum Opfer, weil bei tiefen Temperaturen das Risiko für Atemwegsinfektionen und Herz-Kreislaufbeschwerden steigt (siehe hier). Man sieht das auch beim Coronavirus: Im Winter hat Covid jeweils leichteres Spiel als im Sommer.

Bald mehr temperaturbedingte Todesfälle?

Interessant ist die Frage, wie sich die Zahl der Kälte- und Hitzetoten entwickelt, falls die Temperaturen wegen des Klimawandels weiter steigen. Man könnte erwarten, dass bei zunehmender Wärme mehr Menschen überleben als zusätzlich sterben – einfach deshalb, weil es weit mehr Kältetote gibt.
Doch so einfach ist es nicht. Die erwähnte spanische Studie ging auch dieser Frage nach. Das Resultat war, dass in einem heisseren Europa unter dem Strich in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts insgesamt viel mehr temperaturbedingte Todesfälle zu erwarten sind als heute.

Anpassung an Hitze ist möglich und sinnvoll

Allerdings muss man dieses Resultat relativieren. «In unseren Modellen haben wir angenommen, dass alles ausser dem Klima und den Treibhausgasen konstant bleibt», sagte einer der Co-Autoren zum «Tages-Anzeiger». Realistischerweise ist aber zu erwarten, dass sich die Menschen an höhere Temperaturen anpassen und sich zu helfen wissen.

Zahlreiche Studien zeigen, dass die Zahl der Hitzetoten in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist – trotz tendenziell steigender Temperaturen.


Geeignete Massnahmen gegen Hitze sind etwa das vermehrte Pflanzen von Bäumen, eine isolierende Bauweise und der Einsatz von Klimaanlagen. Zahlreiche Studien zeigen denn auch, dass die Zahl der Hitzetoten in den letzten Jahrzehnten bereits zurückgegangen ist – trotz tendenziell steigender Temperaturen (siehe hier). Eine verbesserte Gesundheitsvorsorge nützt hier also mehr, als die Erderwärmung schadet.
«Klimaschau» von Sebastian Lüning zum Thema Kältetote: siehe hier

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