Journalismus-Experten und stockende Lieferketten

Journalismus-Experten und stockende Lieferketten

In der gedruckten Ausgabe des Nebelspalters tragen wir den Wahnsinn der Weltpolitik zusammen.

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von Nebelspalter Weltspiegel am 17.12.2021, 08:00 Uhr
Kostas Koufogiorgos
Kostas Koufogiorgos

Journalismus und Experten

Journalisten zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie zu allem Experten befragen, die dann Allerweltsweisheiten von sich geben. Als in Norwegen ein Mann mit Pfeil und Bogen fünf Menschen getötet und zwei verletzt hatte, fragte 20 Minuten einen Gewaltforscher, wie es komme, dass ein Westeuropäer im Namen des Islam Menschen töte? «Wir wissen, dass die Gefahr, in den Extremismus abzugleiten, bei Konvertiten höher ist.» Aha. «Welche Gefahr geht von konvertierten Extremisten aus?» Der Experte, der vermutlich keine solchen kennt: «Wir werden wohl auch in Zukunft mit der Gefahr leben müssen, dass solche Taten verübt werden. Es ist aber auch kein Massenphänomen: Im westeuropäischen Raum wird jedes Jahr nur eine Handvoll solcher Anschläge verübt.» Der Mann sollte sich für ein politisches Amt bewerben.
Hans Durrer

Merkeldämmerung

Nach 16 Jahren Amtszeit als erste Bundeskanzlerin der BRD endet mit dem Abtritt Angela Merkels von der politischen Bühne eine Ära. Unumstritten war sie nie. Katharina die Grosse, deren Bild auf ihrem Schreibtisch stand, war darin ihr Vorbild. Ähnlich wie Gorbatschow schätzt man sie, «die mächtigste Frau der Welt», im Ausland mehr als im eigenen Land, in dem sie für ihre Entscheidungen gelobt und beschimpft, geliebt und gehasst wurde. «Mit offenem Herzen» wollte sie in aller Öffentlichkeit ganz offen über offene Probleme reden. Was sie zu tun gedachte, blieb lange Zeit offen. Es focht sie nicht an, dass, während sie im Urlaub hohe Gipfel erklomm, ihre Umfragewerte eine rasante Talfahrt machten. Auf «Mutti» war Verlass. So oder so. Nun muss es ohne sie weitergehen. Vielleicht wird sie, die Physikerin und Politikerin, mit ihrer besonnenen Art noch manch einer vermissen. Was wird von ihr bleiben? Sätze wie «Sie kennen mich» und «Wir schaffen das» und die Raute zweifellos. Bleiben wird sie als Figur der deutschen Geschichte, als Wachsfigur im Kabinett Madame Tussauds, als Playmobilfigur, als Stoffteddybärin und auch als Gummi-Quietscheente.
Thomas Christian Dahme

Sündenböcke gefunden

Die industrielle Massentierhaltung verhindert nach wissenschaftlichen Erkenntnissen das Erreichen der Klimaziele. Im Mittelpunkt der Kritik steht die Landwirtschaft und hier wiederum ein ganz bestimmtes Tier: die Kuh. Die Erzeugung von Futter für das Vieh ist umweltschädlich. Erschwerend kommt das Methangas hinzu, welches aus Kuhbäuchen entweicht. Nun sollte man kein Säugetier (inkl. Mensch) für seine Blähungen verantwortlich machen. Bei Lage der Dinge fordern Fachleute, den Kuhbestand kurzfristig zu halbieren. Das ist eine harte Ansage. Sowohl für Kühe als auch für Rindfleischesser. Ganz zu schweigen von den betroffenen Landwirten. Unschuldige Geschöpfe zu Sündenböcken zu machen, ist schon immer ein gern genutztes Privileg der Menschheit gewesen. Was sich da im Laufe der Jahrhunderte an Ungerechtigkeiten und unerträglicher Überheblichkeit angesammelt hat, geht auf keine Kuhhaut.
Gerd Karpe

Stock-Queen

Für viele Briten war die Nachricht ein Schock: Die Queen geht am Stock! Eine ganze Nation sorgte sich um den Gesundheitszustand ihrer Monarchin. Eine 95-Jährige, die sich einer Gehhilfe bedient, ist an sich nichts Ungewöhnliches, aber doch nicht die Queen! Noch nie zuvor sah man sie in der Öffentlichkeit mit Stock. Man sah sie mit neuem Hut, mit neuem Rock – aber nicht mit Stock. Eine Ehrung für Hochbetagte hatte sie noch vor Kurzem entschieden abgelehnt. Ihr Terminkalender ist randvoll und die Vorbereitungen zu ihrem gigantisch zu feiernden Platin-Thronjubiläum (70 Jahre) laufen auf Hochtouren. Die Queen dabei mit Stock – ein Bild, das sich niemand vorstellen mag. Ihr Platin-Thronjubiläum 2022 ist ein fixer Termin im Terminkalender der Queen. Wenige Tage später sahen die braven Untertanen ihre Queen wieder wie gewohnt ohne Stock. Eine ganze Nation atmete auf: Die Queen im Rock, aber ohne Stock!
Thomas Christian Dahme

Der Grüne in London

Grossbritanniens Premierminister Boris Johnson hat eine Wandlung vollzogen, die alle Welt in Staunen versetzt. Aus dem beinharten Konservativen ist ein überzeugter Grüner geworden. Im Londoner Science Museum verkündete er unlängst vor der britischen Wirtschaftselite: Er habe «vom Berg Sinai zehn Klimagebote mitgebracht». Die werde er in den kommenden Wochen und Monaten auch umsetzen. Zu seiner Wandlung vom Saulus zu Paulus hat offenbar auch entscheidend Johnsons dritte Ehefrau Carrie beigetragen. Die ehemalige PR-Strategin der Konservativen ist seit Jahren aktive Tier- und Umweltschützern. Die 26. UNO-Weltklimakonferenz in Glasgow hat dem Gastgeber Johnson die Chance geboten, seiner umweltfreundlichen Überzeugung persönlich Ausdruck zu verleihen. Hat er sie genutzt? Begeisterte Johnson-Fans wären sofort bereit, dem Staatschef einen Ehrentitel zu verleihen. Beispielsweise: Grüner Meister des Planeten.
Gerd Karpe

Lieferketten

Lichterketten sind erhältlich, nicht zu verwechseln mit Lieferketten. Bei denen haperts teilweise, denn das verdammte Virus hat überall seine Spikes im Spiel, auch in Asien, wo viele unserer Lieferketten herkommen. Es fehlt an Material, Verarbeitung, Produktion, weil Corona nicht zwischen Mandel- und Rundaugen unterscheidet, nicht zwischen gierigen Konsumenten und ausgebeuteten Arbeiterinnen. So sind gewisse Elektronikartikel nächstes Jahr erhältlich, wenn sie vielleicht schon wieder veraltet sind, oder Bikes erst in einem Jahr … Einer Traktorenfabrik fehlte in ihrer Lieferkette ein Chip, welcher auch in bestimmten Abwaschmaschinen verwendet wird. Also kaufte die Firma solche Abwaschmaschinen zusammen, baute den Chip aus, in die Traktoren ein und verkaufte diese. Was sie mit den neuen chipslosen Abwaschmaschinen machte? Dreimal dürfen Sie raten.
Hans Abplanalp

m/w/d

Das im deutschsprachigen Raum bei Stellenanzeigen inzwischen gebräuchliche Kürzel «m/w/d» («männlich/weiblich/divers») erhält neuerdings regen Zuspruch aus der des Genderns gemeinhin eher unverdächtigen rechten Ecke. – Wie das? Des Rätsels ernüchternde Lösung: Die besagten Schenkelklopf-Germanen interpretieren die Bedeutung der drei Buchstaben kurzerhand um – in «männlich/weiss/deutsch». – Wäre wohl auch zu viel verlangt, man erwartete von dieser Klientel auch nur den geringsten Anflug von Demut (AfD).
Jörg Kröber

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