Spiess-Hegglin verteidigt Sex-Täter Carl Hirschmann

Spiess-Hegglin verteidigt Sex-Täter Carl Hirschmann

Der Fall der Netzaktivistin mutet bizarr an. Thema sind auch immer wieder ihre verbalen Entgleisungen im Internet. Nun hat der Bund ihrem Verein Netzcourage die Mittel gestrichen.

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von David Klein am 10.12.2021, 08:00 Uhr
Kampf gegen Hate Speech, aber selber im Ton vergriffen? Jolanda Spiess-Hegglin. Foto: Keystone
Kampf gegen Hate Speech, aber selber im Ton vergriffen? Jolanda Spiess-Hegglin. Foto: Keystone
Der Millionenerbe Carl Hirschmann wurde 2011 als Sexualstraftäter verurteilt, unter anderem, weil er eine junge Frau in einer Toilette des Zürcher Nobelhotels Baur au Lac nötigte, beim nicht ganz freiwilligen Oralsex sein Sperma zu schlucken (was er nicht bestreitet).
Seit Jahren versucht Hirschmann dieses Urteil revidieren zu lassen – und scheitert. Auch sein aktuelles Revisionsgesuch wurde im Juni dieses Jahres vom Obergericht Zürich abgelehnt.
Rückendeckung bekam Hirschmann von unerwarteter Seite. Ausgerechnet Jolanda Spiess-Hegglin, laut Wikipedia «Aktivistin für Frauenrechte», ergreift Partei für Hirschmann, der auch für Übergriffe an Mädchen im Alter von Spiess-Hegglins Kindern verurteilt wurde.

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Bedingungslose Solidarität mit Frauen? Screenshot: Instagram

In einem Facebook-Post («Ich bin grad vorher fast explodiert»), der sich auf einen Artikel der «Aargauer Zeitung» zu Hirschmanns erneuter Niederlage bezieht, verteidigt Spiess-Hegglin das vermeintliche Medienopfer («Stellt euch vor, Carl Hirschmann wäre euer Bruder, Sohn, Kolleg») und redet sich gegen die Medien in Rage.
Die Medien hätten «gerichtet, sich über Gerichte gestellt», die Leserschaft sei zu «Werkzeugen der Medienkonzerne gemacht» worden, als «Legitimation ihrer Verbrechen», nämlich «Menschen medial hinzurichten und sich mit Rufmord um Millionen von Franken zu bereichern». Hirschmanns «unfassbare Geschichte» sei «falsch erzählt» worden und es sei «selbstverständlich», dass diese «nicht reproduziert werden darf».
Spiess-Hegglin erkennt in Hirschmann ihr mediengeplagtes Alter Ego. Seine sexuellen Übergriffe auf Frauen und minderjährige Mädchen redet sie klein («wer von uns hats nicht auch schon mal übertrieben?»). Offensichtlich ist Spiess-Hegglin auf ihrem Kreuzzug gegen die Medien jedes Mittel recht, auch der Schulterschluss mit einem Protagonisten, der alles mit Füssen tritt, für das sie vorgibt einzustehen.

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Hirschmann und Netzcourage: Passt das zusammen? Screenshot: Instagram

In einem online verfügbaren Interview mit «Schweiz Aktuell» beschreibt Hirschmann seine sexuellen Vorlieben: «Tendenziell würde ich eher behaupten, dass eine Frau im Sex überwältigt werden will. Sie will sicher nicht schlecht behandelt werden, aber sie will auch nicht irgendwelchen Kuschel-Blümchensex.»
Es mutet bizarr an, dass Spiess-Hegglin, die seit Jahren insistiert, gegen ihren Willen zum Sex gezwungen worden zu sein, mit ihrer Parteinahme für Hirschmann dessen sexuelle Überwältigungsszenarios verharmlost.

Co-Präsidium tritt zurück

Keinerlei Verständnis für Spiess-Hegglins Auslassungen haben die Nationalrätinnen Tamara Funiciello (SP) und Greta Gysin (Grüne). Die beiden Politikerinnen amteten kurzzeitig als Co-Präsidentinnen von Spiess-Hegglins Verein Netzcourage. Anfang Oktober traten sie aufgrund strategischer Differenzen mit Netzcourage-Geschäftsleiterin Spiess-Hegglin per sofort zurück.
«Wir lehnen jede Verharmlosung oder Rechtfertigung von sexualisierter Gewalt entschieden ab und dies aus tiefster moralischer und politischer Überzeugung», schreibt Funiciello per Mail. «Es kann durchaus sein, dass ein Täter von sexualisierter Gewalt, zu einem Opfer von Digitaler Gewalt wird. Dies ist kein Grund seine Taten zu verharmlosen, und somit seine Opfer ein weiteres Mal zu verletzen.»
Eine Anfrage bei Liliane Ritzi, die das Netzcourage-Präsidium interimistisch übernommen hat, blieb unbeantwortet.

«Arschloch des Monats»

Das Schlimmste sei, wenn man ihre Glaubwürdigkeit in Frage stelle, sagt Spiess-Hegglin in einem Interview. Doch sie ist es selbst, die in einem schier endlosen Reigen fast schon zwanghafter Selbstsabotage ihre ohnehin fragile Kredibilität demontiert.
Sei es, dass sie den Journalisten Alex Baur als «Arschloch des Monats» kürt, Nationalrat Roger Köppel einen Hitlerschnauz anpinselt und öffentlich den Mord an Medienanwalt Martin Wagner (ab 1:16:00) als selbstverschuldetes Karma feiert, sei es, indem sie einen Tweet mit «gefällt mir» markiert, in dem der abgetrennte Kopf ihrer Lieblingsfeindin, der Tamedia-Journalistin Michèle Binswanger («die allerübelste Frau»), einem blutrünstigen Mob präsentiert wird. Auf Kritik reagiert sie mit pampigen Facebook-Pamphleten («Wie widerlich seid ihr hab ich gefragt»).
Trotzdem wird sie mit Preisen und staatlichen Subventionen überhäuft, von der linken Politik und Presse hofiert, ihre Fans sammeln Geld für ihre Anwalts- und Gerichtskosten, renommierte Stiftungen finanzieren sie und Grosskonzerne wie Swisscom arbeiten mit ihr zusammen. Die Verantwortlichen für diesen anhaltenden Geldsegen ducken sich auf Anfrage weg.

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Einer von vielen Preisen: Spiess-Hegglin erhielt in diesem Jahr den Somazzi-Preis. Screenshot: Instagram

Auch die Basler Stadtregierung alimentiert Spiess-Hegglin. Michael Wilke, Leiter Fachstelle Diversität und Integration Basel-Stadt, sind vergangene grenzverletzende Aussagen von Spiess-Hegglin bekannt, für die Zusage von insgesamt 60‘000 Franken Basler Steuergelder an Netzcourage, spielen sie jedoch keine Rolle: «Diese Unterstützung wurde dem Verein #Netzcourage (…) gewährt und ist unabhängig von persönlichen Aussagen von Frau Spiess-Hegglin.»
Auf die Frage, ob Spiess-Hegglin weiter von der Stadt Basel unterstützt wird, wenn sie sich in «persönlichen Aussagen» antisemitisch, rassistisch oder andersweitig inakzeptabel äussern würde, antwortet Wilke: «Da es sich um reine Spekulationen handelt, kann ich hier keine Aussage machen.»
Es ist ein zwielichtiger Ablasshandel: Die Spende oder finanzielle Unterstützung für Netzcourage beruhigt das woke Gewissen, hat man sich doch gegen Hass im Netz engagiert. Doch zumindest das Eidgenössische Büro für Gleichstellung will die zunehmende Radikalisierung und Diskrepanz im Verhalten von Spiess-Hegglin nicht weiter hinnehmen: Die staatliche Förderung des Vereins Netzcourage mit 192’000 Franken wurde eigestellt.

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