«Täterfreundlich»: Die Hälfte aller Kinderschänder kommt mit einer Geldbusse davon

«Täterfreundlich»: Die Hälfte aller Kinderschänder kommt mit einer Geldbusse davon

Warum nur ein kleiner Teil aller Täter, die sich an Kindern vergangen haben, ins Gefängnis muss. Jedes dritte Mädchen, jeder sechste Junge ist von Missbrauch betroffen.

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von Nicole Ruggle am 29.9.2021, 04:00 Uhr
Justizmilde auf dem Rücken der Schwächsten. Die meisten Kinderschänder sind auf freiem Fuss. (Foto: Symbolbild Keystone)
Justizmilde auf dem Rücken der Schwächsten. Die meisten Kinderschänder sind auf freiem Fuss. (Foto: Symbolbild Keystone)
1401 Täter wurden in den letzten fünf Jahren wegen Kindesmissbrauch sanktioniert. Dieser wird in der Schweiz milde gebüsst. Ein Grossteil der Täter muss keine Freiheitsstrafe absitzen, dafür sind Geldbussen an der Tagesordnung.

Geldbussen für Kindesmissbrauch

Wird der Täter einzig wegen einer sexuellen Handlung mit einem Kind, ohne weitere Straftat (siehe Box) sanktioniert, sind die Zahlen laut Bundesamt für Statistik ernüchternd. In den letzten fünf Jahren kassierten nur knapp 15 Prozent der Täter eine unbedingte Freiheitsstrafe. Ein Drittel kam mit einer bedingten Freiheitsstrafe davon.
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Total: 1118 Sanktionen. Davon 317 bedingte Freiheitsstrafen, 47 teilbedingt, 165 unbedingt und 584 Geldbussen. Plus vier Fälle gemeinnützige Arbeit. (Quelle Zahlen: BfS)
Das heisst, wenn sich der Täter innerhalb seiner Probezeit nicht strafbar macht, wird er nie eine Gefängniszelle von innen sehen. Die Hälfte der Schuldigen bekam lediglich eine Geldbusse aufgebrummt, 90 Prozent davon wiederum bedingt. In wenigen Einzelfällen wurden die Täter zu gemeinnütziger Arbeit verpflichtet.
Bei Vergewaltigungen fallen die Strafen höher aus
Zu beachten ist, dass der Straftatbestand «Sexuelle Handlungen mit Kindern» in einem Fünftel aller Fälle (Zahlen von 2016-2020) mit anderen schweren Straftaten wie zum Beispiel einer Vergewaltigung verübt wurde. In solchen Fällen bestimmt Letzteres massgeblich das Strafmass: Die Strafen fallen dann höher aus. Statistisch ist daher zu unterscheiden, ob ein sexueller Kindsmissbrauch in Verbindung mit einer anderen schweren Straftat oder ohne diese stattgefunden hat.
Dass gerade einmal 15 Prozent aller Kinderschänder ins Gefängnis müssen, findet SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann (ZH) stossend. «Das ist eine Verharmlosung von einem Verbrechen an einem Kind und seiner gesunden Entwicklung. Kinderschänderei ist etwas vom Schlimmsten, was man einem jungen Menschen antun kann.» Die Juristin findet deutliche Worte für diesen Sachverhalt. «Täterfreundlich» sei dieses Vorgehen. «Kinderschänderei wird damit in etwa gleich behandelt wie die Veruntreuung einer Vereinskasse.»
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SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann. (Foto:zvg)
Der Staat müsse diese Art von Unrecht auf jeden Fall mit einer unbedingten Freiheits- oder Geldstrafe sühnen. Allerdings fehle der Politik dazu das Rückgrat, ist sich die SVP-Nationalrätin sicher. «Nicht nur linke Parteien, sondern auch Bürgerliche kritisieren das bestehende Sexualstrafrecht, dieses verschärfen oder die Mindeststrafe für sexuelle Handlungen an Kindern erhöhen – dafür setzt sich dennoch fast niemand ein.» Denn bei einer Mindeststrafe von einem oder zwei Jahren wären weiterhin teilbedingte Strafen möglich. «Aber genau das gilt es zu verhindern, damit die Täter nicht konsequenzlos davonkommen», so Steinemann.
Tatsächlich ist den Vernehmlassungsantworten der Parteien zur Sexualstrafrechtsrevision zu entnehmen, dass keine der Parteien eine (nennenswerte) Mindeststraferhöhung für sexuelle Handlungen an Kindern unter 12 Jahren fordert. Einzig die SVP fordert zwei Jahre Mindeststrafe. Grünliberale und SP sprechen sich hingegen für eine Mindeststrafe von einem Jahr aus.
Dies sei in den «meisten Fällen gerechtfertigt», schreiben die Grünliberalen, da der «Unrechtsgehalt in der Regel umso höher erscheint, je jünger das Kind ist.» Allerdings könne die «relativ hohe Mindeststrafandrohung bei minderschweren, jedoch strafwürdigen Grenzüberschreitungen zu Freisprüchen bzw. einer stärkeren Straflosigkeit führen, weil die Gerichte davor zurückschrecken könnten, relativ hohe Mindeststrafen auszusprechen.» Dies sei kontraproduktiv und zu vermeiden.

Jedes dritte Mädchen, jeder sechste Junge

Die Traumatherapeutin Regula Schwager, die für die Beratungsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder und Jugendliche «Castagna» in Zürich arbeitet, hat dafür kein Verständnis. «Sexuelle Gewalt gegen Kinder ist eine schwerwiegende Straftat mit ebenso schwerwiegenden Folgen für das Opfer.»

«Bedingte Strafen und Geldbussen sind nicht adäquat in so einem Fall – weder gegenüber den Tätern noch in den Augen der Opfer.»

Regula Schwager, Traumatherapeutin
Denn: Es werde nur ein Bruchteil aller Übergriffe zur Anzeige gebracht, die Dunkelziffer sei massiv hoch. Durchschnittlich jedes dritte Mädchen und jeder sechste Junge erlebe in der Kindheit mindestens einmal sexuellen Missbrauch.

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Regula Schwager, Co-Leiterin der Beratungsstelle «Castagna» (Foto:zvg)
Die Fallzahlen des Bundesamtes für Statistik sind also nicht allzu verlässlich. Auch nicht in Bezug auf die Täteridentifikation. Denn laut BfS sind zwischen 70 und 80 Prozent der Täter Männer. Schwager spricht hingegen von einer Quote von mindestens 90 bis 93 Prozent männlicher Täter. Allerdings ist es ihr wichtig, dass auch sexuelle Ausbeutung durch Frauen nicht bagatellisiert wird. Diese sei genauso schädlich, genauso schwerwiegend für die Opfer. Denn wenn Frauen Kinder missbrauchten, dann werde dies immer noch sehr stark tabuisiert.
Es gäbe auch immer wieder Fälle, in denen die Partnerinnen von Tätern etwas ahnen oder sogar davon wissen. Diese seien aber eher selten. «Die Symptome, welche Kinder nach einem Missbrauch zeigen, sind meistens nicht eindeutig. Das macht es schwer, sexuellen Missbrauch im sozialen Umfeld zu erkennen. Denn in 95 Prozent aller Fälle ist der Täter eine Vertrauensperson aus dem nahen sozialen Umfeld», so die Co-Leiterin der Beratungsstelle.

Wenn nachts die Tür wieder aufgeht

Strafrechtlich mache es das auch so schwierig, die tätliche Person zur Rechenschaft zu ziehen. Denn letztendlich müsse das Kind die Straftat beweisen können. Da es jedoch oft eine starke Bindung zum Täter habe, versuche es, diesen zu schützen. «Es versucht damit auch, die eigene Welt, in der es lebt und das familiäre Umfeld zu schützen», so Schwager. «Die Kinder sind diesen Übergriffen deswegen oft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie reden meistens erst dann, wenn die Situation für sie unerträglich wird. Zum Beispiel wenn die Angst, dass die Tür in der Nacht wieder aufgeht, nicht mehr auszuhalten ist.» Zudem gebe es meist keine Zeugen.
«Die Tatsache, dass die Schwächsten der Gesellschaft, die Gewalt, die sie erleben, auch noch nachweisen müssen, zeugt von mangelndem Wissen darüber, wie die Mechanismen sexueller Gewalt gegenüber Kinder funktionieren», führt Schwager aus. Eine Mindeststrafe von einem Jahr für diese Art der Übergriffe findet sie deswegen zu tief.

«Jede sexuell motivierte Annäherung an ein Kind ist schliesslich eine schwere Straftat.»

Regula Schwager, Traumatherapeutin
Auch an die Justiz hat sie ein Anliegen: «Man sollte beim Urteilsspruch an die Folgen denken, den Schaden, den ein solcher Missbrauch des kindlichen Vertrauens in der Entwicklung eines Kindes anrichtet.»

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