Jassen ist Klassenkampf!

Jassen ist Klassenkampf!

Die Debatte über Sexismus und Rassismus in Jasskarten ist Pipifax. Das Problem geht tiefer. Jassen ist zutiefst unmoralisch, so lange die Karten unterschiedlich wertvoll sind. Dabei müssten doch schon unsere Kinder lernen: Wir sind alle gleich viel wert – und sind alle Gewinner.

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von Stefan Millius am 9.5.2021, 04:00 Uhr
Bild: Pixabay
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Was ist das nur für eine Botschaft, die wir beim Jassen aussenden? Eine Karte ist stärker als die andere, sie «sticht» sie. Auf dem Tisch liegen Sieger und Verlierer. Schnöde schlägt der Ober den Banner. Und wenn der Trumpf-Buur kommt, hat selbst der König das Nachsehen. Am Schluss, und damit wird es richtig ekelhaft, gewinnt sogar einer der Spieler. Und die anderen verlieren.
Diese brutale Kategorisierung in besser und schlechter, in überlegen und unterlegen, steht quer in der heutigen Gesellschaft. Selbst in den Schulen gibt es das nicht mehr. Da wird das Gesamtlevel solange nach unten gedrückt, bis man auch dem hinterletzten Schüler sagen kann, er habe seine Sache doch richtig gut gemacht. Niemand soll mit einem schlechten Gefühl zurückbleiben. Ausser beim Schweizer Volkssport.

Denn wenn der Jassteppich ausgerollt wird, herrscht plötzlich Darwinismus pur. Fressen und gefressen werden.

Wer hat denn eigentlich definiert, dass das «Sechsi» so mies sein soll? Das ist doch eine schöne Zahl! Klar, es gibt auch «Undenufe», aber das sind nur hilflose Versuche, eine temporäre Gerechtigkeit herzustellen – und nebenbei wird damit auch gleich noch das Ass entwürdigt, das zuvor ein Star war. Und was ist eigentlich mit den Karten in der Mitte? Die haben einfach immer das Nachsehen. Weder Fisch noch Vogel. Warum gibt es kein «Mitteufe» und «Mitteabe»?

Universum der Ungerechtigkeit

Überhaupt herrscht beim Jassen die totale und unreglementierte Willkür. Nehmen wir das «Nell». Eine völlig unscheinbare Karte von geringem Wert, die mit einem Kunstgriff als Trumpf plötzlich zur zweithöchsten im Spiel wird. Warum gerade «s'Nüni»? Warum ist es nicht die Acht? Oder der Ober? Schnöde wird beim Jassen ein Universum der Ungerechtigkeit kreiert, dem sich alle Beteiligten einfach blind unterwerfen. Ohne nachzudenken.
Deshalb geht es nicht nur, wie unlängst gefordert, um gendergerechte Karten in allen Hautfarben (und allenfalls sicherheitshalber noch mit religiösen Merkmalen und einigen sichtbaren körperlichen Einschränkungen), sondern um etwas viel Grösseres: Ein Jass-Set, das nur Karten mit ein- und demselbem Wert kennt.

Denn die Spielkarten repräsentieren unsere Gesellschaft, und die sollte keine Unterschiede machen.

Alles wird gut auf diese Weise. Niemand kann in Zukunft mehr beim «Schieber» mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht seine Karte auf den Tisch knallen und abräumen. Stattdessen gibt bei jedem Ablegen immer eine Pattsituation – und danach eine gute, tiefsinnige Diskussion darüber, wer diesen Stich gemacht hat. Vielleicht sogar gutschweizerisch mit einer Abstimmung.
Aber am besten wechselt man sowieso einfach im Uhrzeigersinn ab mit dem Stechen. Auch das lästige Auszählen am Schluss entfällt damit. Es gibt nur Gewinner, keine Verlierer! Alle sind gleich – die Spielkarten und die Spieler. Das ist es, was unsere Gesellschaft braucht. Das Jassen kann zum Symbol dafür werden, dass es keine Unterschiede gibt. Der Klassenkampf auf dem Jassteppich: Er muss ein Ende haben.

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