Italien in der Pandemie: eine Geschichte von Wellen

Italien in der Pandemie: eine Geschichte von Wellen

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von Daniel Rohr am 26.3.2021
Mailand im März 2020: Italiener stehen Schlange vor einem Einkaufszentrum. MikeDotta / Shutterstock.com
Mailand im März 2020: Italiener stehen Schlange vor einem Einkaufszentrum. MikeDotta / Shutterstock.com
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Dies ist die Geschichte eines stolzen, tapferen Volkes. Und von Wellen.

Italien ging es schon vor der Pandemie schlecht. Seit der Finanzkrise konnte das Land kein bedeutendes Wachstum mehr vorweisen. Die langen, harten Massnahmen der ersten Covid-19-Welle genügten bereits, um das Land in eine erhebliche, schmerzhafte Schieflage zu bringen.
Es brauchte damals leider einen ersten Toten, bis die Regierung ernsthaft reagierte: es war der erste tragische Verstoss gegen ein professionelles Pandemie-Management. Man bewältigt eine Pandemie, indem man immer einen Schritt voraus ist. Die italienische Regierung hinkte hinterher. Dafür verhängte sie mitunter für lange Monate strenge Massnahmen, die teilweise sogar unter Anwendung des Notrechts als grenzwertig, verfassungswidrig, bevormundend, lediglich symbolisch oder unverhältnismässig bezeichnet werden können. Sie brachten und bringen wenig bis gar nichts und muten als autoritär, wenn nicht sogar als autokratisch an.

Nichts zu verlieren

Es gibt allerdings einen beachtlichen Unterschied zu der Zeit vor einem Jahr. Auch wenn in den meisten Regionen Italiens wieder die sogenannte «rote Zone» («zona rossa») verhängt worden ist, nehmen die meisten Menschen die Verordnungen lockerer und reizen ihre Möglichkeiten aus. Die anfängliche Angst – auch vor hohen Bussen oder Anzeigen - ist weniger präsent. Das hat einen Grund: Viele Menschen sind verzweifelt und haben nur noch wenig bis gar nichts mehr zu verlieren. Aktuell wird von einer dritten Welle gesprochen. Die Italiener nehmen die Situation durchaus ernst, obgleich zum Beispiel das englische Virus bereits vorweihnachtlich medial ein Thema war und seit Wochen, wenn nicht Monaten, in den meisten Regionen überwiegt. In der Zwischenzeit bereiten andere Wellen gleichermassen Sorgen. Wellen, die haushoch, erdrückend bis sogar tödlich sein könnten.
Gut möglich, dass Italien ohne die Niedrigzins-Politik der EZB bereits pleite wäre. Wegen der Pandemie steigt die Staatsverschuldung gegen 160 Prozent. Die soziale Lage verschlimmert sich: Nach Angaben des Statistikamtes Istat stieg der Zahl der in schwerer Armut lebenden Italiener 2020 dergestalt, dass 9,4 Prozent der Bevölkerung (von 60 Millionen), betroffen ist.

Minus 440000 Arbeitsplätze

Der Tourismus stellt einen der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes dar. Er trug 2018 mit rund 227 Milliarden Euro rund 13 % zum Bruttoinlandsprodukt und fast 15 Prozent zur Beschäftigung bei. Das Jahr 2021 wird matchentscheidend sein. Laut Istat gingen im vergangenen Jahr 440‘000 Arbeitsplätze verloren. Eine Entwicklung ohne Ende in Sicht, die mit mehr als zwei Drittel die Frauen betrifft. Die Arbeitslosenzahl dürfte über 10% steigen. Bei den Jungen wieder über 30%. Die Zukunftschancen für junge Italiener sinken.
Sogar bei guter Bildung. Die Konkurse häufen sich. Schlendert man durch eine italienische Stadt, erblickt man täglich zunehmend Geschäfte und Lokale, die leergeräumt worden sind. Dies geschieht während der Nacht. Man schämt sich. Daran ändern EU-Hilfen oder staatliche Gelder wenig – auch nicht sofern diese irgendwann bei den Empfängern ankommen.
Laut neuster Studien nehmen die Beziehungsprobleme zwischen Partnern und innerhalb von Familien generell dramatisch zu. So wie Existenzängste, Depressionen, Bulimie, Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten bei der Arbeit oder dem Studium. Es wird mehr getrunken, geraucht, und die Fitness wird vernachlässigt. Jugendpsychologen, Psychiater und Institute schlagen Alarm. Ebenfalls äusseren sich italienische Kardiologen besorgt wegen der Zunahme von Erkrankungen oder der aufgeschobenen Operationen. Francesco, der Möbelschreiner im Quartier, weiss über den Selbstmord eines Kleingewerblers zu berichten. Und ein 21Jähriger ist verschwunden: Sein Handy wurde bei einem Flusslauf gefunden.

Vieles ist menschengemacht

Und mit diesen Schilderungen wird nur an der Oberfläche gekratzt. Die Menschen im Land kennen nur zu gut die Herausforderungen. Wenn Ängste vorhanden sind, dann wegen einer Ansteckung, die andere gefährden könnte. Vor allen eben die älteren Generationen – die Zahlen sind eindeutig. Am 8. März 2021 wurde die Zahl von 100‘000 Menschen, die an oder mit Covid-19 verstorben sind, überschritten. Betroffen waren und sind vorwiegend die über 70-Jährigen (Quelle ISS). Das hätte man von Anfang an wissen können, dass Cluster in Alters- oder Pflegeheimen vermieden werden sollten. Wies man vor einem Jahr darauf hin, wurde man belächelt, nicht ernstgenommen. Vieles war und ist menschengemacht.

Verlierer sind die Frauen und die Jungen

So setzt man logischerweise mangels Alternativen auf Testen und die Impfungen. Ebenfalls auf neue Impfverfahren und Medikamente in der Pipeline. Und auf saisonale Effekte: wärmere Temperaturen, UV-Strahlen und frische Luft. Der neue Ministerpräsident Mario Draghi hat den Ernst der Lage erkannt und will die Impfbemühungen verdreifachen, so dass zuerst die Risikogruppen geimpft sind. Und bis September insgesamt 80 Prozent der Bevölkerung. Quasi eine Impfwelle par force. Aber es klappt noch nicht alles. Was die Kinder betrifft, so ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Geht es um die «bambini», verstehen die Italiener keinen Spass: Der Nutzen muss bei weitem das Risiko überwiegen. Es sind auch die mehrfach belasteten Frauen, die derzeit in verschiedenen Städten Italiens laut protestieren und ihre Kinder wieder zur Schule schicken wollen. Die eigentlichen Verlierer des Ganzen, so zeichnet es sich ab, werden Frauen, Kinder und Jugendliche sein.
Die Italiener anerkennen durchaus den Sinn vieler Massnahmen gegen die Pandemie. Insbesondere, wenn frühzeitig und konsequent gehandelt wird. Jetzt machen aber viele die Faust im Sack, und die Polizei hält sich vernünftigerweise zurück, um das Pulverfass nicht zur Explosion zu bringen. Allerdings können sich Politiker, die oft «cretini», also Idioten, genannt werden, keine allzu grossen Experimente oder Fehler mehr leisten. Es brodelt unter der Oberfläche. Eine Gesamtschau der Schäden ist unvermeidbar und wird sich eher früher als später aufdrängen. Nur schon, um aus den Fehlern zu lernen.
Daniel C. Rohr, Politikberater, Autor und Künstler. Er lebt seit einigen Jahren in Padua.
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