Verzichten Mütter tatsächlich freiwillig auf eine Karriere?

Verzichten Mütter tatsächlich freiwillig auf eine Karriere?

Mütter arbeiten im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen nur etwa 40 Prozent. Das hat mit Diskriminierung nichts zu tun – sondern mit der Rollenverteilung.

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von Margit Osterloh am 7.12.2021, 11:00 Uhr
Einkaufen, um die Kindern kümmern, den Haushalt machen: Das ist immer noch vornehmlich Frauensache. Foto: Keystone
Einkaufen, um die Kindern kümmern, den Haushalt machen: Das ist immer noch vornehmlich Frauensache. Foto: Keystone
In der Schweiz sind die Frauen mittlerweile genauso gut und teilweise sogar besser ausgebildet wie die Männer. So geht jeder zweite Hochschulabschluss an eine Frau. Aber sie verdienen hochgerechnet auf eine Vollzeitstelle durchschnittlich 20 Prozent weniger als Männer.
Diese Lohnlücke ist um so höher, desto höher die berufliche Stellung der Frauen ist. Sie ist heute nur noch in geringem Mass auf Diskriminierung zurückzuführen, sondern darauf, dass Frauen mit Kindern ihre Erwerbstätigkeit stark reduzieren. Sie leisten pro Ausbildungsplatz in der späteren Berufslaufbahn weniger Arbeitsstunden als die Männer, insgesamt nur etwa 40 Prozent im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen. Das reduziert ihr Einkommen nicht nur absolut, sondern auch relativ bezogen auf den Stundenlohn: Wer in Teilzeit arbeitet, akkumuliert weniger Erfahrung und baut weniger berufliche Netzwerke auf. Die Chance zum beruflichen Aufstieg wird reduziert. Das ist auch bei einem Wiedereinstieg in eine volle Stelle kaum einholbar.
Kürzlich hat die Harvard-Professorin Claudia Goldin ein Buch mit dem Titel «Career and Family» vorgelegt, in dem sie diese Entwicklung als eine rationale und freiwillige Entscheidung von Ehepaaren deutet: Ein Haushalt mit Kindern maximiert das Familieneinkommen, indem sich die Partner spezialisieren: Eine Person – typischerweise der Mann – macht Karriere, schiebt Überstunden, ist jederzeit erreichbar und erhöht auf diese Weise seine Produktivität. Das Ergebnis ist ein hohes Einkommen.

Kinderstrafe

Der andere Teil – typischerweise die Frau – arbeitet weniger, holt die Kinder von der Schule ab, bringt sie zur Klavierstunde und zum Fussball. Sie bleibt zuhause, wenn die Kinder krank sind. Das Ergebnis ist ein Einkommensrückstand nicht nur aufgrund der geringeren Arbeitszeit, sondern auch pro gearbeiteter Arbeitsstunde. Beides zusammen macht in der Schweiz ein Minus von 60 Prozent gegenüber kinderlosen Frauen aus, und das noch zehn Jahre nach dem ersten Kind. Nicht einberechnet sind Einbussen im Falle einer Scheidung sowie bei der Pension. Je höher die Einkommensdifferenz zwischen den Partnern, desto mehr steigen die Mütter aus.
Ist das wirklich eine rationale und freiwillige Arbeitsteilung zwischen Eheleuten? Claudia Goldin schaut – wie in der US-Wissenschaft durchaus üblich – in erster Linie US-Daten an. Bei einem Vergleich wäre ihr möglicherweise aufgefallen, dass die monetäre «Kinderstrafe» zwischen den Ländern sehr stark variiert: Von circa 20 Prozent in Schweden und Dänemark über etwa 30 Prozent in den USA – bis zur «Höchststrafe» von 60 Prozent in Deutschland und der Schweiz.
Die Forschungsgruppe um Josef Zweimüller von der Universität Zürich hat diese Zahlen ermittelt und ihre Hintergründe erforscht. Das überraschende Ergebnis: Familienpolitische Massnahmen wie preiswerte oder kostenlose Kinderbetreuung, Arbeitsplatzgarantie für Mütter oder bezahlter Elternurlaub – alles rationale Erklärungsgründe – machen nur wenig aus. Aber was erklärt dann die riesigen Unterschiede? Die Antwort: Es sind Geschlechternormen. Gemessen wurden sie an der Antwort auf die Frage «Sollten Frauen mit Kindern im (Vor-) Schulalter zuhause bleiben anstatt zu arbeiten?»

Identitätskosten

Je höher die Zustimmung (in der Schweiz circa 25 Prozent der Befragten, in Schweden und Dänemark circa 8 Prozent), desto höher die monetäre «Kinderstrafe».
Das unterschiedliche Verhalten lässt sich nur dann als rational bezeichnen, wenn man – wie der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Georges Akerlof – die «Identitätskosten» miteinbezieht, welche diejenigen zu tragen haben, die von vorherrschenden Verhaltensnormen abweichen. Das gilt für Frauen wie für Männer. Die «Identitätskosten» sind jedoch für Mütter in der Schweiz, die eine eigene berufliche Karriere verfolgen, offensichtlich besonders hoch.
Ich überlasse den Leserinnen und Lesern das Urteil darüber, wie hoch der Grad der Freiwilligkeit ist, mit dem sich Schweizer Mütter und Väter den herrschenden Normen beugen.

Zur Person

Margit Osterloh ist emeritierte Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich, ständige Gastprofessorin an der Universität Basel und Forschungsdirektorin bei CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts.

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