Somms Memo

Israel, das Wirtschaftswunder – trotz Politik, Krieg und Hass

image 1. November 2022, 11:00
Tel Aviv, Hauptstadt der Hightech-Industrie von Israel.
Tel Aviv, Hauptstadt der Hightech-Industrie von Israel.
Die Fakten: Israel wählt heute ein neues Parlament – zum fünften Mal in bloss vier Jahren.

Warum das wichtig ist: Chaos und Chuzpe. Wer gute Politik erleben will, muss nicht nach Israel fahren. Wirtschaftlich aber ist das Land das Staunen der Welt.


Als Israel 1948 gegründet wurde, war es ein Land, wo es den Schafen vermutlich besser gefiel als den Menschen:
  • dürr
  • karg
  • arm – was aus Sicht der Schafe immer heisst: wir werden in unserem Habitat durch keine wirtschaftliche Entwicklung belästigt

Zwar waren seit gut siebzig Jahren immer mehr Juden aus Europa eingewandert, die die Landwirtschaft modernisiert und auch etwas Industrie gebracht hatten, während die arabischen Einheimischen eher an das Ruhebedürfnis der Schafe und ihr eigenes dachten, doch Israel war zu jenem Zeitpunkt ein Entwicklungsland – vergleichbar mit einer afrikanischen Kolonie und sicher ärmer als die meisten seiner Nachbarn, besonders Ägypten oder Libanon, das damalige Finanzzentrum des Nahen Ostens.
Zugegeben, die Zionisten, also Juden, die aus dieser ehemals osmanischen Provinz eine neue Heimat für alle Juden dieser Welt schaffen wollten, hatten bereits Beachtliches erreicht:
Ihre Jaffa-Orangen eroberten die Welt.
Wenn wir Kinder früher zuhause eine Orange bekamen, dann war es eine Jaffa-Orange, und wir nannten sie auch so. Ich meinte damals, es gebe nur Jaffa-Orangen, so wie wir glaubten, jede Banane sei eine Chiquita-Banane.
Ihren Namen erhielten diese ausgesprochen süssen Orangen von Jaffa, dem einstigen Pilgerhafen von Jerusalem am Mittelmeer. Sie gingen auf eine Mutation zurück, die erstmals in Jaffa gezüchtet worden war. Jaffa ist heute Teil von Tel Aviv
  • 100 000 Juden und Araber arbeiteten in der Zitrusindustrie. Es war die wichtigste Branche des jungen Israels – das 1950 eine Bevölkerung von 1,3 Millionen aufwies.
  • 66 Prozent aller Exporte bestanden aus Zitrusfrüchten, in erster Linie Jaffa-Orangen

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74 Jahre später machen alle agrarischen Exporte zusammen bloss noch 2 Prozent aus. Und die erste Branche des Landes ist nicht mehr der Orangenhain, sondern die Hightech-Industrie, mitunter einer der rentabelsten und innovativsten der Welt.
Silicon Wadi wird es genannt in Anlehnung an das kalifornische Silicon Valley. Ein Wadi ist auf arabisch ein Tal oder ein ausgetrockneter Flusslauf, der nur im Winter etwas Wasser führt.
Das Silicon Wadi führt nie Wasser, sondern hier strömt Gold.
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Wenn es je einen wirtschaftlichen Aufstieg gegeben hat, der allen intuitiven Annahmen widersprach, die man so macht, wenn man Wohlstand erklären will, dann vielleicht dieser Triumph:
  • Israel weist heute gemäss Internationalem Währungsfonds (IWF) ein Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von rund 55 000 Dollar auf (2022)
  • Es liegt höher als die entsprechenden Werte in Deutschland, Frankreich, Grossbritannien oder Japan (D: 48 000, UK: 47 000; F: 42 000, J: 34 000)
  • Das Orangen-Entwicklungsland hat die alten industriellen Grossmächte abgehängt (wenn auch nicht die Schweiz: 92 000 Dollar pro Kopf)

Wenn man bedenkt, dass in diese Berechnung auch sehr viele Leute einberechnet sind, die kaum arbeiten – ultraorthodoxe Juden – oder wenig produktiv sind – viele arabischen Israelis –, dann kann man ermessen, als wie ausserordentlich diese Errungenschaft der Israelis anzusehen ist.
Zumal, ich wiederhole mich, es intuitiv wenig Grund zu geben scheint, ausgerechnet hier, inmitten des Nahen Ostens, ein Wirtschaftswunder zu erwarten:
  • Israel sah sich praktisch seit seiner Gründung gezwungen, dauernd Krieg zu führen, um seine Existenz zu wahren. Das kostet viel, das bindet Ressourcen, nicht zuletzt, indem junge Menschen eine ihrer produktivsten Zeiten im Militär verbringen (Männer: 3 Jahre, Frauen 2 Jahre!)
  • Das Land weist eine beträchtliche, oft feindselige arabische Minderheit auf (21 Prozent) – das fördert in der Regel Wachstum nicht
  • Israel besass kaum Rohstoffe (neuerdings aber Erdgas im Mittelmeer)
  • Israel wurde fast ständig von seinen Nachbarn politisch geplagt und wirtschaftlich boykottiert. Noch heute liegt kaum einer der wichtigsten Handelspartner im Nahen Osten. (Zum Vergleich: Eine bedeutende Ursache des schweizerischen Wohlstands ist wirtschaftshistorisch auf unsere Lage mitten in Europa zurückzuführen)

Mit anderen Worten, das einzige Material, über das Israel in Hülle und Fülle verfügte, war das Hirn, der Schweiss und das Rückgrat seiner Bewohner und Bewohnerinnen.
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In Israel müssen auch die Frauen zwei Jahre ins Militär. Die Männer für drei Jahre.
Wer unter solch katastrophalen Bedingungen eines der reichsten Länder der Welt aufbaut, darf sich «von» schreiben – wenn die Israelis Adel kennen würden, was sie wie wir Schweizer schon lange nicht mehr tun.
Tatsächlich zeigt sich am Beispiel Israels, dass es auf die Menschen ankommt. Niemand erzeugt mehr Wohlstand als tüchtige, intelligente, hartnäckige Menschen.
Selbst auf die Politik kommt es nicht so sehr an – wie Figura zeigt. Israel ist politisch betrachtet inzwischen ein nahöstliches Italien, wo Regierungen so häufig kommen und gehen, dass man sich den Namen des Ministerpräsidenten kaum mehr merken kann.
  • Chaos
  • Chuzpe
  • Streit

Heute wird gewählt – doch viele Beobachter gehen davon aus, dass auch nach dieser Wahl keine stabile Regierung gebildet werden kann. Man stellt sich bereits auf die übernächste Wahl ein.
Oder vielleicht sind die Israelis auch in der Politik vor allen Dingen Künstler, um somit an Karl Kraus erinnern zu können, den grossen österreichischen Juden, der einmal gesagt hat:
«Künstler ist nur einer, der aus der Lösung ein Rätsel machen kann.»

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag Markus Somm

P.S. Mit diesem Memo melde ich mich zurück – und freue mich auf Ihre Kommentare, Anregungen und Kritik. Ich verbrachte eine wunderbare Woche in einem Land am östlichen Mittelmeer. Wer es herausfindet, darf sich ebenfalls «von» schreiben.

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