Initiative für ein Tier- und Menschenversuchsverbot: Um das geht es

Initiative für ein Tier- und Menschenversuchsverbot: Um das geht es

Im Februar stimmt das Schweizer Volk über die Initiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» ab. Was würde uns bei Annahme dieser Initiative erwarten?

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von Maria-Rahel Cano am 16.12.2021, 19:00 Uhr
Jürg Kühni
Jürg Kühni
Das Initiativkomitee verlangt, dass Tier- und Menschenversuche vollumfänglich verboten werden. Zusätzlich will das Initiativkomitee Einfuhr und Handel sämtlicher Produkte, die unter Anwendung solcher Methoden entwickelt wurden, untersagen. (Link zur Website der Initianten) Eine Annahme hätte deswegen grosse Auswirkungen auf die Forschung, die Ausbildung und die Gesundheitsversorgung der Schweiz.
Economiesuisse hat zur Initiative bereits die Nein-Parole gefasst. Der Dachverband der Schweizer Wirtschaft befürchtet, dass die Annahme der Initiative die Versorgung von lebenswichtigen Medikamenten gefährden und Patienten von den aktuellsten medizinischen Fortschritten ausschliessen würde. Die Wirtschaft erwartet des Weiteren negative Folgen für den Forschungs- und Innovationsstandort Schweiz sowie Sanktionen des Auslands, da die Umsetzung der Volksinitiative mit internationalen Verträgen nicht vereinbar wäre, so der Wirtschaftsverband in ihrer Medienkonferenz zum «Nein zur Tier- und Menschenversuchsinitiative». (Link zur Website)

Verbot der Covid-19 Impfung?

Besonders einschneidend ist, dass das Verbot auch für den Import von Produkten gilt, bei dessen Herstellung Tier- oder Menschenversuche gemacht wurden. Was würde das konkret für die Covid-19 Impfung bedeuten?
Die Vakzine Pfizer und Moderna wurden beide vorher an Nagetieren und gesunden Menschen getestet. Deshalb hält Annette Magnin, Managing Director von der Swiss Clinical Trial Organisation (SCTO), daran fest, dass die Schweizer Bevölkerung sich bei einer Annahme der Initiative nicht mehr gegen Covid-19 impfen dürfte. Zumindest nicht mit den bis jetzt zugelassenen Impfstoffen.
Dr. med. Renato Werndli, Co-Präsident der Tierversuchsinitiative, sieht darin kein Problem: «Wir sind überzeugt, dass eine nach sorgfältigster Vorprüfung an tierfreien Methoden, die direkte Anwendung am Menschen ein besseres Resultat erzielen würde, als der Umweg über den Tierversuch. In diesem Sinne könnte sogar die Schweiz selbst einen qualitativ hochwertigeren Covid-19-Impfstoff herstellen als andere Ländern.» Das impliziert auch, dass die zugelassenen Impfstoffe bei Annahme der Initiative nicht mehr erlaubt wären und die Schweiz selbst ein Vakzine gegen das Virus herstellen müsste.

Womöglich beide falsch

Gemäss dem Initiativtext sind bereits zugelassene Produkte vom Verbot ausgenommen, wenn dafür gegenwärtig keine Versuche mehr durchgeführt werden. Es müsste also geprüft werden, ob mit den bereits (befristet) zugelassenen Vakzinen noch Tierversuche durchgeführt werden. Klinische Tests an Menschen sind in der Erstanwendung zulässig, wenn sie im umfassenden und überwiegenden Interesse der Betroffenen (Tiere wie Menschen) liegen. Die Impfung könnte deswegen eine Ausnahme bilden, da ein Schutz gegen das Virus im Interesse der öffentlichen Gesundheit liegt.

Doch warum könnte ein solcher Impfstoff qualitativ besser sein als ein herkömmliches Vakzin? «Weil zu oft versucht wird, von dem Tier auf den Menschen zu schliessen», antwortet der Arzt. Die Corona-Impfung sei ein anschauliches Beispiel. Tierversuche und klinische Studien wurden aus zeitlichen Gründen parallel geführt. Die Tierversuche wären an und für sich aber nicht nötig gewesen und seien nur aus gesetzlichen Gründen gemacht worden, führt Werndli weiter aus.

Kritische Töne gegenüber Impfungen

Erstaunlich ist, dass sich das Komitee hinsichtlich der Argumente für die Initiative nicht ganz einig ist. Sieht Werndli das Problem in der Übertragbarkeit von Versuchen vom Tier auf den Mensch, so geht das Co-Komitee-Mitglied, Luzia Osterwalder, noch einen Schritt weiter: «Solange wir an Tier- und Menschenversuchen festhalten, bleiben wir in der Symptombekämpfung. Dies ist zwar sehr lukrativ, doch bringt es dem Patienten/der Patientin weder echte Heilung noch wird eine ursächliche Heilbehandlung angestrebt.» Osterwalder ist Naturheilpraktikerin und führt das «Institut für natürliche Behandlung». (Link zur Website)
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Aufkleber mit Statements zum Tierschutz bei der Einreichung der Volksinitiative (Bild: Keystone / Peter Klaunzer)
Auch bezüglich der Covid-Impfung schlägt sie kritischere Töne an als ihr Kollege: «Das Vakzin ist vorwiegend erfolgreiches Marketing und mehr nicht.» Sie glaubt zudem, dass wir schon jahrzehntelang angelogen werden, was Impfungen betrifft. Das habe nun seinen Höhepunkt mit dieser Pandemie erreicht. Nachträglich fügt Osterwalder schriftlich noch hinzu: «Wir wären alle froh, wenn wir wüssten, welche Massnahmen, wem etwas gebracht haben – was nach zwei Jahren Pandemie eigentlich selbstverständlich sein müsste.»
Während Werndli das stärkste Argument für die Initiative in der Ethik sieht, – in dem wir anderen Wesen nicht schaden – formuliert es Osterwalder etwas anders: «Ich wünsche mir eine Forschung und Medizin, die den Patienten wirklich nützt.»

Schweizer Tierschutz gegen Initiative

Nicht für die Initiative spricht, dass sich auch der Schweizer Tierschutz (STS) gegen die Initiative ausgesprochen hat. Der STS fordert zwar ebenfalls, dassauf Tierversuche verzichtet wird, jedoch nicht in dieser radikalen Form, wie es die Initiative vorschlägt. Einen schrittweisen Übergang auf andere Methoden sei sinnvoller und berge nicht die Gefahr, dass sich die Schweiz bezüglich der Forschung komplett aus dem internationalen Markt zurückziehen müsse. Das schreibt der STS in seiner Stellungnahme. (Link zur Stellungnahme)
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Eine Maus sitzt auf der Hand eines Angestellten in einem Labor für Tierversuche (Bild: Keystone / Robert F. Bukaty)
Für Hanno Würbel, Professor für Tierschutz an der Universität Bern, ist der Fall klar: «Die Initiative ist unverhältnismässig.» Man sehe die Radikalität primär daran, dass die Initiative auch Menschenversuche verbieten wolle. «Klinische Studien basieren auf Freiwilligkeit. Warum man zulasten unserer Forschung das verbieten möchte, was die Basis unseres Gesundheitssystems bildet, verstehe ich nicht», führt Würbel weiter aus. Seiner Meinung nach könne man also für den Tierschutz sein und gleichzeitig diese Initiative ablehnen.

Strenge Zulassungsbedingungen für Tierversuche in der Schweiz

Die Schweiz hat Tierversuche gesetzlich geregelt. Grundsätzlich sind Tierversuche in der Schweiz verboten, was dazu führt, dass jeder durchgeführte Tierversuch eine Ausnahmebewilligung benötigt. Diese wird nur ausgestellt, wenn es keine Alternativen gibt. Dabei steht die Güterabwägung im Mittelpunkt: Der erwartete Nutzen für die Gesellschaft muss grösser sein als das Leiden und die Verletzung der Würde der Tiere. Die Würde des Tieres wird missachtet, wenn eine Belastung des Tieres nicht durch überwiegende Interessen gerechtfertigt werden kann.

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