Inflation: Was ist diesmal anders?

Albrecht Dürer rückte vor 500 Jahren die Inflation ins Zentrum der Apokalypse. Heute sehen sich die Geldpolitiker nicht mit dem Weltuntergang, aber mit einem massiven Preisschub konfrontiert. Die Risikofaktoren heissen überschüssige Liquidität, steigende Energiepreise und anhaltende Lieferengpässe.

image 27. Januar 2022, 19:00
Ausschnitt aus Dürers Holzschnitt: Der Reiter mit der Waage steht für die Hungersnot – und damit für Knappheit und Teuerung. Bild: Keystone
Ausschnitt aus Dürers Holzschnitt: Der Reiter mit der Waage steht für die Hungersnot – und damit für Knappheit und Teuerung. Bild: Keystone
Nachdem das Buch der sieben Siegel geöffnet wurde, scheint der Weltuntergang unausweichlich: Im berühmten Holzschnitt von Albrecht Dürer stürmen die vier apokalyptischen Reiter von wilder Raserei gepackt über das verschreckte Volk hinweg. Betrachtet der erschrockene Ökonom das 1511 entstandene Meisterwerk näher, so reibt er sich jedoch verwundert die Augen. In der Bildmitte erhebt sich nicht etwa der Engel oder Luzifer, stattdessen dominiert der dritte Reiter das Geschehen. In der Offenbarung des Johannes verkündet diese grimmige Gestalt ein auch heute allzu bekanntes Phänomen: die Teuerung von Gütern. Albrecht Dürer rückte also die Inflation ins Zentrum der Apokalypse.
Auch in der Gegenwart nimmt die geldpolitische Diskussion in der Schweiz angesichts steigender Preise Fahrt auf. Zwar erscheint die Inflation mit zuletzt 1,5 Prozent im Vergleich zu Deutschland (5,3 Prozent) oder den Vereinigten Staaten (7 Prozent) geradezu moderat und bleibt bislang im Bereich, den die Schweizerische Nationalbank (SNB) mit Preisstabilität gleichsetzt – die Jahresteuerung darf nicht negativ sein und muss unter 2 Prozent liegen. Dennoch ist es eine im Portemonnaie spürbare Abkehr von der langjährigen Nullinflation, an die man sich hierzulande schon gewöhnt hatte.

Vorübergehender oder anhaltender Preisschub?

Mancher Mahner sieht die Inflationstendenzen als langfristigen Trend. Die Warnung vor Inflationsgefahren an sich ist noch kein Grund zur Sorge, sondern gehört zum traditionellen Repertoire der Geldpolitiker. Wie die Grafik zeigt, haben die ökonomischen Modelle der SNB in der jüngeren Vergangenheit schon oft steigende Preise prognostiziert – eingetreten sind sie aber eher selten.
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Aktuell mehren sich jedoch Indizien für Inflationstendenzen, die aufhorchen lassen. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass es sich um mehr als einen vorübergehenden Preisschub handelt? Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn, früher Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in München und heute Mitglied des Beirats des Instituts für Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern, hat sich in seinem jüngst veröffentlichten Buch «Die wundersame Geldvermehrung» vertieft mit der Thematik auseinandergesetzt. Darin zeichnet er den geldpolitischen Kurs Europas im vergangenen Jahrzehnt nach. Wirtschaftskrisen, vom einbrechenden Häusermarkt in den USA über nicht wettbewerbsfähige Mittelmeerstaaten bis hin zur globalen Pandemie, haben zu einer Explosion der Staatsverschuldung geführt.

Was passiert, wenn sich die Geldpools entleeren?

Die Europäische Zentralbank (EZB) wurde mittels diverser Staatspapier-Kaufprogramme zum Billionen-Euro-Financier in höchster Not und pumpte gleichzeitig die Geschäftsbanken mit Geld voll. Diese Liquidität sammelte sich angesichts von Nullzinsen und wirtschaftlichen Unsicherheiten bisher jedoch ungenutzt in sogenannten Geldhorten: unter Matratzen und in Tresoren, vor allem jedoch auf den Konten der Geschäftsbanken bei der Zentralbank. Nach Sinns Berechnungen handelt es sich inzwischen um rund 5 Billionen Euro. Seine Mahnung ist eindeutig: Wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nun steigen sollte, könnten sich diese stillen Geldpools über Kredite in die Realwirtschaft entleeren – und so zu reissenden Inflationsflüssen werden, wenn das gesamtwirtschaftliche Angebot nicht mithalten kann.
Was bedeutet dieses Umfeld für den Inflationsausblick in der Schweiz? Interessanterweise führt die Geldpolitik der EZB hierzulande eher zu Deflationstendenzen. Grund dafür ist der Franken, der als beliebte Fluchtwährung und sicherer Hafen seit Jahren unter einem starken Aufwertungsdruck steht. Bisher hat die SNB zum Schutz der heimischen Exportindustrie Fremdwährungen wie Euro oder Dollar im Gegenwert von knapp 800 Milliarden Franken mit frisch gedrucktem Geld gekauft. Eine etwaige Inflation könnte daher – weiterhin – fast schon gewünscht sein.

Dem Franken sei Dank: Sonderfall Schweiz

Immerhin könnte die SNB dann die Devisenkäufe einfach einstellen, wodurch sich importierte Waren verbilligen und sich gleichzeitig die Anlagerisiken in der riesigen Bilanz von über 1 Billion Franken nicht weiter aufblähen. Sinns Geldhorte scheinen dabei trotz grosser Liquiditätsüberschüsse ein noch geringes Risiko für die Schweiz darzustellen. Zwar können die Horte nicht direkt gemessen werden, aber gemäss Sinn über die Entwicklung zweier Geldmengen zumindest erahnt werden: Während in der Eurozone die Notenbankgeldmenge im Vergleich zur breiteren Geldmenge aus Bargeld und Sichteinlagen bei Banken seit 2015 geradezu explodierte, fiel der Unterschied in der Schweiz im gleichen Zeitraum moderat aus. Unterstützend wirkt der Negativzins, den die SNB für Einlagen von den Geschäftsbanken fordert. Viel Liquidität strömt somit direkt in das Ausland, was den Druck aus den heimischen Geldhorten vermindert.
Obschon die Lage an der geldpolitischen Front in der Schweiz unter Kontrolle zu sein scheint, gibt es realpolitische Konflikte, bei denen selbst die gewieftesten Notenbanker nicht eingreifen können. Der Truppenaufmarsch Russlands an der ukrainischen Grenze und die folgende Verunsicherung an den globalen Rohstoffmärkten ist der jüngste Grund für Preissteigerungen im Energiesektor. Auf Jahressicht legte der Weltmarktpreis von Erdgas um zwei Drittel zu, während der Rohölpreis ein Sieben-Jahres-Hoch erreichte.

Greenflation: Klimapolitik als Inflationstreiber

Doch auch strukturelle Reformen können mindestens in der kurzen Frist die Preise nach oben drücken, und haben zuletzt sogar ein neues Wort geschaffen: «Greenflation». Gemeint ist ein Inflationsschub durch den politisch gewollten Prozess der Dekarbonisierung. So müssen beispielsweise Schweizer Betreiber von fossil-thermischen Kraftwerken ihre freigesetzten Treibhausgase durch den Kauf von Zertifikaten über den europäischen Emissionshandel kompensieren, Rohstoffpreise zum Bau von Batteriespeichern oder Windrädern gehen durch die Decke, und die staatliche Lenkungsabgabe auf Heizöl steigt für Schweizer Mieter und Hauseigentümer dieses Jahr gar um einen Viertel.
Dass solche Preissteigerungen zwar privat schmerzlich sein können, aber in der durchschnittlichen Jahresteuerung nur wenig Spuren hinterlassen, liegt am Warenkorb, mit dem die Statistiker die durchschnittliche Teuerungsrate messen: Während in der Schweiz die Energiekosten nur mit einem Gewicht von 3,6 Prozent in den Warenkorb eingehen, ist es beispielsweise in Deutschland mit 6,9 Prozent fast das Doppelte.

Pandemie: Null-Covid-Strategie als Inflationstreiber

Zu geradezu absurden Blüten bei Preissteigerungen haben zuletzt die Auswirkungen der Coronakrise auf Lieferketten geführt. Nachdem die weltweite Güternachfrage zu Beginn der Pandemie eingebrochen war, kam es im Laufe des letzten Jahres zu einem solch immensen Nachholeffekt an Bestellungen, dass die globalen Transportmöglichkeiten an ihre Grenzen stiessen. Allein vor den Häfen Long Beach und Savannah (USA) auf der einen Seite sowie Ningbo und im Perlflussdelta (China) auf der anderen Seite baute sich im Herbst ein Stau an nicht abgefertigten Containerschiffen auf, der fast ein Zehntel der gesamten globalen Schifffrachtkapazitäten umfasste. Der Baltic Dry Index, ein wichtiges Preisbarometer für das weltweite Verschiffen von Massengütern, stieg seit Jahresbeginn 2021 vorübergehend um mehr als das Vierfache, was bei Importgütern an die Schweizer Verbraucher weitergereicht wurde.
Und nun droht wegen der Omikron-Variante Schweizer Importeuren neues Ungemach. Chinas Null-Covid-Strategie geht mit radikalen Eindämmungsmassnahmen einher, sobald ein Virusherd festgestellt wird – was angesichts der hochansteckenden Mutation künftig wohl häufiger vorkommen wird. Die weltweit grössten Häfen von Schanghai bis Shenzhen melden schon jetzt Abfertigungsengpässe, weil Personal in Quarantäne geschickt wird oder gleich ganze Terminals geschlossen werden.

Gefährlicher Cocktail – schwammiges Bild

Leider lässt sich aus dieser Gemengelage kein klares Bild gewinnen. Die Schweizer Geldpolitik hat einen gefährlichen Cocktail aus weltweiten Liquiditätsüberschüssen, steigenden Energiepreisen und pandemiebedingten Lieferengpässen auf die Theke gestellt bekommen. Ob der Kelch anhaltender starker Preissteigerungen an unserem Land vorbeigeht, vermag noch kein Ökonom mit hinreichender Wahrscheinlichkeit zu sagen.
Mancher Privatanleger rüstet sich hingegen schon mit besonderen Vermögenswerten gegen den möglicherweise drohenden Inflationssturm: Kürzlich ging ein Paar gebrauchter Basketballschuhe für sagenhafte 1,5 Millionen US-Dollar über den Auktionstisch. Ob dies eine sinnvolle Anlagestrategie gegen eine mögliche Inflation ist, sei dahingestellt. Eines steht als Realwert aber sicherlich nicht zum Verkauf: Albrecht Dürers Meisterwerk «Die vier apokalyptischen Reiter».

Zur Person

Dr. Martin Mosler ist Bereichsleiter für Fiskalische Nachhaltigkeit am Schweizer Institut für Wirtschaftspolitik (IWP) an der Universität Luzern.

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