Inflation: Schreckgespenst oder Phantom?

Inflation: Schreckgespenst oder Phantom?

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von Dominik Feusi am 20.5.2021, 04:00 Uhr
Die Inflation hat zugenommen, vor allem in den USA, aber auch in der Schweiz. (Bild: shutterstock)
Die Inflation hat zugenommen, vor allem in den USA, aber auch in der Schweiz. (Bild: shutterstock)
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Nach jahrelanger Abwesenheit ist die Inflation zurück. Grund dafür ist ein leichter Anstieg der Teuerung. Wir sollten uns daran erinnern, dass Geld an Wert verlieren kann.

Die Teuerung in den USA ist seit Anfang des Jahres von 1,4 % auf 2,6 % im März und auf 4,2 % im April gestiegen. Im Euroraum stieg die Inflation von 0,9 % auf 1,6 % im April (gemessen anhand des Anstiegs der Konsumentenpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat). In der Schweiz, wo die Inflation im internationalen Vergleich typischerweise tiefer liegt, kam es zu einem Anstieg von –0,5 % auf 0,3 % im April.

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Zwar liegt die Inflationsrate selbst nach diesem Anstieg auf einem historisch tiefen Niveau. Die Geschichte zeigt jedoch auch, dass sich markante Teuerungsschübe unerwartet und sehr rasch bilden können. Es ist gefährlich, davon auszugehen, dass ein solches Szenario in Zukunft nicht mehr möglich ist.
Neben der Arbeitslosigkeit ist die Inflation traditionell einer der schwerwiegendsten Probleme der Wirtschaftspolitik. Geldentwertung vernichtet Erspartes – manchmal über Nacht. Weil in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend Preisstabilität erreicht wurde, sind Inflationsängste zurzeit weitgehend aus dem öffentlichen und politischen Bewusstsein verschwunden. Dies sollte sich ändern.

Niemand macht sich Sorgen

Zwar beschäftigen sich Fachkreise mit spitzfindigen Fragen; zum Beispiel, ob Zentralbanken eine Teuerungsrate von zwei Prozent oder vielleicht doch etwas mehr anvisieren sollen.
Für den Rest der Bevölkerung gilt jedoch die Aussage des amerikanischen Ökonomen Alan Blinder, wonach Preisstabilität dort herrscht, wo «die breite Bevölkerung aufhört, über die Teuerung zu reden oder sich darüber Sorgen zu machen». In der Schweiz war dies in den vergangenen Jahrzehnten sicher der Fall.

Alles im Griff

Als Treiber für die neuste Entwicklung gelten vor allem Preisaufschläge bei Rohstoffen sowie Produktionsengpässe infolge der Covid-19-Pandemie. Überdies macht sich ein statistischer Basiseffekt bemerkbar, weil die Vergleichswerte des Vorjahres infolge der damaligen «Lockdowns» besonders tief sind. Aus all diesen Gründen erachten Zentralbanken und viele Kommentatoren die Teuerungsschübe als unproblematisch, weil sie sich innerhalb von Monaten phantomartig auflösen sollten. Alles in Ordnung also?
Die Warner vor dem Schreckgespenst der Inflation kritisieren hingegen die Geldpolitik, die seit der weltweiten Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren überaus expansiv ist. Dies gilt nach wie vor für alle wichtigen Währungen, einschliesslich des Schweizer Frankens. Das Problem dieser Warnungen ist, dass sie schon seit Jahren geäussert werden, ohne sich je zu erfüllen.

«Inflation is always and everywhere a monetary phenomenon in the sense that it is and can be produced only by a more rapid increase in the quantity of money than in output.»

Milton Friedman (1970)


Bis anhin führte der dramatische Anstieg der Zentralbankgeldmenge offensichtlich zu keiner wirtschaftlichen Überhitzung – zumindest wenn man von den Aktien- und Immobilienmärkten absieht. Dies hat zum Teil dazu geführt, dass der bekannte Lehrsatz von Nobelpreisträger Milton Friedman, wonach «Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen sei», nicht nur von Politikern, sondern auch von Ökonomen angezweifelt wurde. Je länger die Inflation ausblieb, desto mehr wurden die Warner als ewiggestrige Panikmacher abgestempelt.
Ob die wirtschaftlichen und politischen Folgen der Covid-19-Pandemie, und insbesondere die fiskalischen Interventionen und staatlichen Konjunkturprogramme, der Preisstabilität etwas anhaben können, ist zurzeit eine offene Frage, auf die es keine verlässliche Antwort gibt. Die höchst unterschiedlichen Einschätzungen dazu sind Ausdruck dieses Unwissens.

Der Blick zurück

Um einer schwierigen Spekulation über die Zukunft und dem Tunnelblick der jüngsten Vergangenheit zu entfliehen, hilft ein Rückblick auf die Inflationsentwicklung der vergangenen Jahrzehnte. Daraus lassen sich drei Beobachtungen ableiten:
  1. Die Inflation ist tief: Die gegenwärtige Inflation ist historisch gesehen nach wie vor weit unterdurchschnittlich. So betrug die jährliche Inflationsrate in der Schweiz seit 1960 im Durchschnitt etwa 3%. Dabei gab es Jahre mit deutliche höheren Werten von zum Beispiel rund 6% im Jahr 1991 oder fast 10% im Jahr 1974.
  2. Es kann sehr lange gut gehen: Es gab auch früher lange Phasen mit einer expansiven Geldpolitik und einer tiefen Inflation, so in Japan seit den 1990er Jahren oder in weiten Teilen von Westeuropa und in Nordamerika während der 1960er Jahre.
  3. Es kann aber auch schnell schlecht gehen: Markante Teuerungsschübe können sehr abrupt und unerwartet auftreten. So betrug die Inflationsrate in der Schweiz im Jahr 1969 bloss etwas mehr als 2%. Zwei Jahre später lag sie auf fast 7%. Von 1978 bis 1981 kam es zu einem Anstieg von rund 1% auf mehr als 6% und von 1987 bis 1990 von weniger als 1% auf über 5%.
Was sagt uns das? Es wäre riskant, gegen Milton Friedman zu wetten – und wirtschaftspolitische Entscheide zu fällen, die davon ausgehen, dass er falsch lag. Die Inflation ist langfristig wohl nach wie vor ein monetäres Phänomen – auch wenn dies vorübergehend anders wahrgenommen werden kann. Über mehrere Jahrzehnte hinweg ist die Korrelation zwischen dem durchschnittlichen Wachstum der breit definierten Geldmenge (wie M2) und der Inflation jedenfalls frappierend. Es ist kühn und möglicherweise fatal, zu behaupten, dass diese historischen Korrelationen in der Zukunft nicht mehr gelten, und dass markante Teuerungsschübe praktisch nicht mehr auftreten sollten.
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Über lange Zeit korrelieren Geldmenge und Inflation.
Grafik: Nils Herger: Understanding Central Banks, Springer 2019.
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