Indizien häufen sich: Deutsche Behörden haben versagt. Und wo blieben die Medien?

Indizien häufen sich: Deutsche Behörden haben versagt. Und wo blieben die Medien?

Hat der Katastrophen- und Unwetterschutz bei der Flutkatastrophe in Deutschlands Westen versagt? Die Indizien häufen sich. Doch die deutschen Medien fragten nicht nach. Sie beschränkten sich auf Katastrophenbilder, Politiker in Gummistiefeln – und einen lachenden Kanzlerkandidaten.

image
von Gottlieb F. Höpli am 23.7.2021, 09:00 Uhr
image
Gegen 200 Opfer der Unwetterkatastrophe Im Westen Deutschlands sind inzwischen bekannt, und viele Menschen werden noch vermisst. Und worüber hat die deutsche Öffentlichkeit danach fast eine geschlagene Woche lang diskutiert? Über die Schäden, gewiss, sodann über die mögliche Rolle der Erderwärmung für diese verhängnisvolle Flut, aber fast gleich intensiv über das Lachen des Kanzlerkandidaten Laschet am Rande einer Katastrophen-Pressekonferenz. Das musste einen Schweizer, der zufällig genau diese Zeit in Deutschland verbrachte, dann doch sehr verwundern.
Denn: Ob fehlende Schutzmassnahmen, mangelhafte Warnsysteme, fehlende Gefahrenzonen und -stufen, Versagen von Politikern und Behörden aller Stufen dafür verantwortlich waren, dass so viele Menschen in dieser Flut sterben mussten, war erst mal gar kein Thema und rückte erst eine Woche später allmählich zum Diskussionsgegenstand auf.
Aber nein: Nicht das – vermutlich fehlerhafte – Handeln von Behörden und Politik stand im Mittelpunkt der deutschen Leitmedien, sondern das moralisch korrekte Verhalten von Spitzenpolitikern bei der Besichtigung der Schäden, an denen sie womöglich eine Mitverantwortung trugen. Dass Armin Laschet am Rande einer Pressekonferenz des Bundespräsidenten dabei erwischt wurde, wie er herzhaft lachte, geriet zum Eklat der Woche. Starpianisten wie Igor Levit oder Ethikräte attestierten «Pietät- und Würdelosigkeit», und der forsche Ex-Juso Kevin Kühnert beurteilte Laschets «Charakterlosigkeit» als Beleg für die mangelnde Eignung des CDU-Kandidaten fürs Bundeskanzleramt.
Dieser einseitig moralische Fokus der deutschen Medien erinnert fatal an die einseitige Behandlung anderer deutscher Grossereignisse, vor allem an die Flüchtlingskrise von 2015, als die Aufnahme von über einer Million Asylsuchender unter dem Merkelschen Motto «Wir schaffen das!» unisono bejubelt und jeder kritische Unterton als fremdenfeindlich abgekanzelt wurde. Dieser moralisierende Tunnelblick scheint inzwischen das Hauptmerkmal der deutschen Publizistik geworden zu sein. Dass Medienschaffende politisch eher auf die links-grüne Seite neigen, auch in der Schweiz, ist ja bekannt. Krass war dann aber doch das Ergebnis einer Umfrage unter rund 180 Volontären von ARD und Deutschlandfunk über deren parteipolitische Präferenzen. 57 Prozent nannten die Grünen, 23,4 Prozent die Linke und 11,7 die SPD als ihre politische Heimat. Rechne!
Unwetter- und Katastrophenschutz sind in der Schweiz ein ständiges Thema, vor allem auch in den Bergen. Prävention, Gefahrenprognosen und präzise Kartierung der gefährlichen Zonen gehören zu den wichtigsten Daueraufgaben der Behörden – nicht erst seit der Klimaerwärmung. Wollte man diese Aufgaben immer erst an die Hand nehmen, wenn der Schaden passiert ist – ein beträchtlicher Teil unserer Bergbevölkerung hätte die fast allgegenwärtigen Lawinen- und Unwettergefahren nicht überlebt!
Aus schweizerischer Sicht muten die Erklärungsversuche deutscher Verantwortlicher wie jene von Armin Schuster, Präsident des deutschen Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe denn auch hilflos, ja geradezu hanebüchen an: Man habe zwar 150 Warnungen erlassen, aber ob die bei den betreffenden (und dann betroffenen!) Gemeinden angekommen seien, wisse er nicht. Erst recht nicht, ob bei der Bevölkerung… Grundsätzlich sei man ja ohnehin für den Verteidigungsfall zuständig. Bei den Warnungen liege das Schwergewicht jetzt eben auf einer App – die Sirenen wurden weitgehend abgebaut. Dass eine App (die nicht einmal hundertprozentig funktioniert) nicht das ideale Kommunikationsmedium für ältere oder behinderte Menschen und in Gebieten mit Funklöchern ist, kümmerte die deutsche Bürokratie nicht. Dafür habe seine Behörde immerhin ein 400 Seiten starkes Handbuch «Starkregen und Sturzfluten». Nur für internen Gebrauch, nehmen wir mal an.
Mit anderen Worten: Die Vermutung, ja der Verdacht liegt nahe, dass die hohe Zahl der Todesopfer der Flutkatastrophe auf erhebliche Fehler und Versäumnisse von Behörden und Politikern auf verschiedenen Ebenen und Verantwortungsstufen zurückzuführen ist. Das wäre allein schon empörend. Mindestens so empörend ist aber, dass die sogenannte Vierte Gewalt in Deutschland nicht bereit oder nicht mehr in der Lage ist, diese Fehler und Versäumnisse zu recherchieren und der Öffentlichkeit bekanntzumachen. Katastrophenbilder mit Politikern in Gummistiefeln und Schnappschüsse von lachenden Kandidaten reichen da eindeutig nicht aus.
Und in der Schweiz? Dass Medien sich zu willfährigen Lautsprechern der Behörden umfunktionieren lassen, ist seit der Corona-Pandemie nicht mehr eine blosse Vermutung. Sind wir bereit, aus dem Zustand der vielerorts bewunderten deutschen «Vorbilder» die richtigen Schlüsse zu ziehen?

Mehr von diesem Autor

image

Der Mensch ist gut, nur die Arbeit ist schlecht

Ähnliche Themen

image

Der «Blick» enthüllt: Alain Berset wurde vom Ausland bedroht