In meinem Städtchen läuft etwas schief

In meinem Städtchen läuft etwas schief

Bei jedem neuen Aufenthalt in meinem mittelitalienischen Städtchen ereilt mich eine Hiobsbotschaft: Jetzt hört auch der Elektriker auf, der mir die Glühbirne ersetzt. Er findet keinen Nachfolger. Der studiert wohl gerade in Rom – und ist danach vermutlich arbeitslos.

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von Gottlieb F. Höpli am 15.10.2021, 10:00 Uhr
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Erst stand die Beiz leer, weil unsere Wirtin Santina – auch pandemiebedingt – aufgegeben hatte. Die Bäckerin und die Kioskfrau hatten Glück und fanden vorerst eine Nachfolge. Hoffentlich überdauern diese wichtigen Dienstleister, die eine Kleinstadt am Leben erhalten, nachdem das kleine Lebensmittel-Lädeli schon vor Jahren geschlossen hatte. Der Besitzer des Veloladens, der mir vor Jahren ein Rennvelo verkaufte, erklärte schon damals, dass sein Geschäft schliessen werde, wenn er mal aufhöre. Auf meinen Einwand, dass es doch auch in Italien einen Veloboom gebe, sagte er: «Das schon. Aber ich finde trotzdem keinen Nachfolger, der das machen will.» Dasselbe gilt für die beiden älteren Herren am Dorfeingang, denen ich mein Auto anvertraue, wenn es mal verdächtige Geräusche von sich gibt. Wenn sie demnächst aufhören, wird auch dort Schluss sein. Wie kommt das?
Wer einen solchen Kleinbetrieb weiterführen will, muss von seinen Vorgängern eingeführt werden: Ins Metier, in die Geheimnisse der Geschäftsführung, in die Beziehung zu Kunden und Lieferanten. Von Null auf, denn der Nachfolger bringt in aller Regel keinerlei Vorkenntnisse mit. Wo hätte er sie auch erwerben sollen? Es gibt in Italien – Ausnahme: Südtirol – keine Berufslehre, keinen Ort, wo die nötigen Vorkenntnisse erworben werden könnten. Die Zeiten sind ja längst vorbei, in denen ein Betrieb fast automatisch vom Vater auf den Sohn überging. Nicht nur, weil Italien ein geburtenarmes Land ist, sondern vor allem, weil der Drang vom Land in die Stadt gross ist, und das bedeutet: in die weiterführenden Schulen, an die Universität. Auch beim Sohn des Handwerkers mit eigenem Geschäft.
Landflucht und Akademisierung gehen so Hand in Hand – auf dem Land und in der Kleinstadt sieht man fast nur noch alte Leute. Italiens Jugend soll ja schliesslich, wie auch jene Frankreichs, laut Bildungsexperten eine Hochschulreife von 75-80 Prozent eines Jahrgangs erreichen. Die grossen Universitäten wie La Sapienza in Rom oder Bologna weisen denn auch Studierendenzahlen von rund 130'000 und 100'000 auf. Von denen es allerdings viele nie zu einem Studienabschluss bringen. Die Zahl der Studienabbrecher ist riesengross. Denn der Vergleich mit den PISA-Zahlen zeigt, dass viele dieser Jugendlichen an einer Universität am falschen Platz sind, die nötigen intellektuellen Voraussetzungen dafür gar nicht mitbringen.
Sogar wer heute in Italien ein Hochschuldiplom erwirbt, bleibt danach zumeist ohne berufliche Perspektive und hangelt sich von (Teilzeit-)Job zu Job. Die Jugendarbeitslosigkeit ist entsprechend hoch und liegt derzeit – in Pandemiezeiten wohl sogar optimistisch gerechnet – bei 40 Prozent. Es ist das Resultat eines Bildungssystems, das noch immer von der OECD, von Bildungsexperten und sogar von Professoren wie dem Zürcher Philip Sarasin propagiert wird: Bildung = Hochschulzugang für alle! Nur so, argumentieren Gleichheitsfanatiker, kämen bisher unterprivilegierte Schichten zu gleichen Chancen, weil Kinder von Akademikereltern an der Uni bisher eindeutig übervertreten seien.
Mit dieser verheerenden Bildungspolitik, die ja auch unter den immer gleichen Schweizer Bildungsexperten und -politikern ihre Anhänger hat, treibt man ganze Jahrgänge junger Leute ins Unglück. Zum einen, weil akademische Bildung, wie die Forschung zeigt (und PISA bestätigt) nur für etwa einen Drittel eines Jahrgangs die geeignete Form ist, sich das Rüstzeug für spätere anspruchsvolle Tätigkeiten zu erwerben. Studienabbruch und das Gefühl, versagt zu haben, sind keine guten Voraussetzungen, im Erwerbsleben wieder in die Spur zu finden. Und sogar ein Hochschulabschluss ist heute keine Garantie mehr für eine entsprechende Beschäftigung – nicht einmal die Hauptabnehmer, die riesigen staatlichen Bürokratien Italiens und Frankreichs, vermögen die Abgängerzahlen der Hochschulen mehr zu schlucken. Zurück bleibt ein arbeitsloses akademisches Proletariat.
Und schliesslich treibt eine solche Bildungspolitik, wie das Leben in meinem mittelitalienischen Städtchen zeigt, die Jungen noch mehr in die grossen Zentren. Landflucht, Ausdünnung der Infrastruktur, Verlust an Attraktivität sind die Folgen. Ein Teufelskreis! Muss es in der Schweiz wirklich auch so weit kommen?

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