Somms Memo

In der Ukraine findet eine militärische Revolution statt. Krieg im Zeichen von Tablet, Handy und Himars

image 13. Oktober 2022, 10:04
Himars, eine tödliche Waffe, im Einsatz. Entscheidet sie den Krieg? Bild: Keystone
Himars, eine tödliche Waffe, im Einsatz. Entscheidet sie den Krieg? Bild: Keystone
Somms Memo gibt's auch als Newsletter. Von Montag bis Freitag täglich kostenlos in Ihrer Mailbox.
Abonnieren

Die Fakten: Amerikanische Waffen haben dafür gesorgt, dass die Ukraine gegen Russland die Oberhand gewonnen hat. Keine Waffe ist dabei effektiver als Himars, ein Raketensystem.

Warum das wichtig ist: Das Himars ist präzis, leicht und schnell wie keine Artillerie zuvor. Es hat eine militärische Revolution ausgelöst – die den Krieg auf immer verändern wird.


Wenn Krieg herrscht, setzen sich Innovationen durch, das klingt zynisch und ist doch wahr:
  • Im Ersten Weltkrieg wurden der Panzer und das Giftgas erfunden
  • Im Zweiten Weltkrieg der Radar, das Düsenflugzeug und die Atombombe

Und im aktuellen Ukraine-Krieg ist eine Waffe aufgetaucht, die es zwar schon länger gibt, deren tödliche, deren verheerende Wirkung aber den meisten unbekannt war. Vor allen Dingen den Russen:
  • Das Himars (oder HIMARS), was für «High Mobility Artillery Rocket System» steht, im amerikanischen Militär wird es auch als M142 bezeichnet
  • Das ist ein hoch mobiles Raketensystem, das im Grunde aus einem speziellen, gepanzerten LKW besteht, auf den man einen Raketenwerfer montiert hat
  • Dieser sieht aus wie eine Kiste, doch in dieser Kiste befinden sich sechs Raketen

Nachdem die Amerikaner zu Anfang gezögert hatten, dieses moderne System den Ukrainern anzuvertrauen – man befürchtete, damit die Russen zu provozieren –, lieferten sie im Juni die ersten 16 Himars ins Kriegsgebiet. Seither hinterlassen die 16 Himars eine Spur der Vernichtung
  • 70 Prozent der gesamten Geländegewinne, die die ukrainische Armee in den vergangenen Wochen bei der Rückeroberung des Donbas erzielt hat, so schätzt das ukrainische Militär, verdankt sie den Himars
  • Die Himars eliminierten Hunderte von russischen Zielen: Hauptquartiere, Munitionsdepots, Tankstellen, Brücken, feindliche Waffensysteme und feindliche Soldaten
image
Warum ist Himars so tödlich, warum dürfte es den Krieg mitentscheiden?
Auf drei Stärken kommt es an:
  • Das System ist unheimlich präzis. Himars ist in der Lage, ein Ziel von der Grösse einer Schuhschachtel zu treffen. Die Schuhschachtel liegt aber 50 km entfernt. Weil Himars so genau ist, vernichtet es sein Ziel mit dem ersten Schuss. Kein Einschiessen ist nötig, kein Flächenbombardement, in der Absicht, das Ziel gleichsam nebenbei zu treffen, indem man Granaten regnen lässt
  • Himars sind relativ leicht. Vorgänger des Systems waren sehr schwer und konnten nur in riesigen Frachtflugzeugen verschoben werden. Um den Transport zu erleichtern, entwickelte man die M142 Himars – was logistisch einen bedeutenden Fortschritt brachte
  • Vor allem erweisen sich Himars auf dem Schlachtfeld als extrem mobil, will heissen: sehr schnell. Dabei ist nicht in erster Linie die Fahrgeschwindigkeit gemeint (85 km/h), sondern insbesondere der Einsatz

Journalisten des Wall Street Journal, ein amerikanisches Blatt, erhielten die Erlaubnis, eine ukrainische Einheit bei einem Angriff zu begleiten. Ihre Schilderung liest sich wie ein Bericht vom Campingplatz – mit etwas Aufregung ab und zu
  • Die Soldaten sind gerade dabei, ihr Znacht zuzubereiten, als ein Einsatzbefehl eintrifft. Es ist der fünfte an diesem Tag, es geht darum, eine russische Kaserne und eine Fähre zu bombardieren, die Nachschub über einen Fluss transportiert. Die Ziele liegen 70 km entfernt
  • Die acht Männer springen auf, setzen sich in die zwei Himars, die unter Bäumen getarnt bereitstehen, sowie ein gepanzertes Kommandofahrzeug, das sie begleitet. Kurz zuvor hat der Kommandant bestimmt, von welchem Standort aus er die Raketen abfeuern will. Er tippte die Koordinaten in ein Tablet, alle Fahrzeuge brausen davon
  • Kurz darauf halten sie in einem nahen Sonnenblumenfeld an. Dreissig Sekunden später schiessen sie sieben Raketen ab. Die Raketen fliegen noch in der Luft, als die Einheit bereits wieder zurückgekehrt ist, wo es Znacht gibt. Die Soldaten beginnen mit dem Essen – und zeigen sich gegenseitig ihre Handys, wo sie in Echtzeit zusehen können, wie ihre Raketen einschlagen und die Ziele in Flammen aufgehen. Sechs Volltreffer
  • Schon nach zehn Minuten erhalten sie den nächsten Befehl. Das gleiche Prozedere. Schliesslich beenden sie ihr Znacht

Wenn diese Schilderung etwas deutlich macht, dann die militärische und logistische Revolution, die sich hier abspielt: Tempo, Präzision und Beweglichkeit.
Eine Einheit besteht aus sehr wenigen Leuten, die eine ungeheuerliche Zerstörungskraft entfalten – und dabei bloss wenig Material und Munition verbrauchen. Während früher zum gleichen Zweck viel mehr Soldaten, Fahrzeuge, Munition und andere Ressourcen eingesetzt werden mussten, hat sich hier eine wahre Reduktion zum Maximum ereignet.
Besonders der Nachschub fällt nun so leicht, als ob ein Supermarkt mit frischen Früchten versorgt wird. Die Munition wird dezentral nachgeliefert, die Himars bewegen sich als kleinste Einheiten autonom im Feld.
  • Acht Mann, sieben Raketen, sieben Treffer, keine Patrone zu viel.

Bis die Russen mit ihren Raketenwerfern oder Artilleriegeschützen einen Schuss abgeben, dauert es gut und gern 20 Minuten, um wieder abzuziehen wenden sie noch einmal 40 Minuten auf: Zeit genug für den Feind, zurückzuschlagen.
Und die Ukrainer tun das – bewaffnet von den USA, die Soldaten, deren Einsatz ich geschildert habe, wurden von amerikanischen Instruktoren in einem Crashkurs (ausserhalb der Ukraine) ausgebildet.
  • Die Amerikaner haben die ukrainische Armee innert kürzester Zeit zu einer der modernsten Streitkräfte der Welt umgebaut.

Im Grunde hat das Silicon Valley die Kriegsführung übernommen. Natürlich erfolgt die Zielerfassung digital über GPS und ein Himars besteht aus so viel Mikroelektronik und Computer, als würde ein Tesla in der Ukraine russische Panzer abschiessen. Per Tablet in den Abgrund.
image
Himars: Ungeheure Zerstörungskraft. Bild: Keystone
Militärhistoriker sprechen von einer Revolution und vergleichen sie mit der Einführung des Schiesspulvers in Europa im späten Mittelalter. So epochal ist, was die Himars in der Ukraine bewirken.
Die Ukraine besitzt übrigens bloss 16 Himars. Längst haben die Russen sich zum Ziel gesetzt, sie zu zerstören. Wenn sie darauf gar eine Prämie ausgeschrieben haben, würde man sich nicht wundern. Bisher haben sie kein Himars vernichtet. Die USA haben angekündigt, 18 weitere zu liefern.
Heraklit, der grosse griechische Philosoph, hatte recht, als er sagte:
«Der Krieg ist der Vater aller Dinge».

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag Markus Somm

#WEITERE THEMEN

image
Somms Memo

Mutter aller Abstimmungen: Der EWR und warum er vor 30 Jahren untergehen musste.

6.12.2022

#MEHR VON DIESEM AUTOR

image
The Somm Show

Christoph Blocher: «Beziehungen zur EU? Die sind doch sehr gut. Deshalb geschieht auch nichts»

6.12.2022