Impfwoche: In Deutschland blieb sie ohne messbaren Erfolg

Impfwoche: In Deutschland blieb sie ohne messbaren Erfolg

Der Schweiz steht eine Impfwoche bevor. Deutschland hat diese bereits hinter sich. Wie ergiebig sie war, lässt sich aber nicht eruieren. Denn es fehlt jede Übersicht, welcher Teil der Erstimpfungen dieser Aktion zuzuschreiben ist – und wie viele auch ohne sie erfolgt wären.

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von Stefan Millius am 4.11.2021, 13:30 Uhr
Bild: Pixabay
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Mitte September leitete die deutsche Bundesregierung die Offensive ein. Eine Woche lang postierten sich temporäre Impfzentren im Umfeld von Bibliotheken, Einkaufszentren oder auch Moscheen, Busse wurden umfunktioniert, Events aus dem Boden gestampft. Die Idee: Leute sollten spontan zur Impfung bewegt werden, indem sie förmlich über die Gelegenheit stolpern – an unvermuteten Orten. Ein Termin war nicht nötig, kostenfrei war die Spritze wie immer sowieso.
Wer herausfinden will, wie erfolgreich die Aktion war, steht ziemlich an. Verbindliche Aussagen fehlen nämlich. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn zog gegenüber verschiedenen Medien eine «positive Bilanz», musste sich dabei aber auf sein Bauchgefühl verlassen. Denn bekannt ist nur, dass in der bewussten Woche im September rund 500’000 Bürgerinnen und Bürger ihre erste Impfung erhielten. Wie viele davon der Impfwoche zuzuschreiben sind, weiss aber niemand.
Schätzung statt Messung
Allerdings musste die Regierung ja irgendetwas sagen. «Etwa die Hälfte dürfte auf die Aktionswoche zurückgehen», liess sich der Minister zitieren. Er liess offen, woher er die Schätzung nimmt. Bekannt ist nur, dass quer durchs Land 1500 Standorte beteiligt waren. Offenbar waren die Organisatoren nicht in der Lage, in den Ad-hoc-Impfzentren Buch zu führen.
Spahns Vermutung der 250’000 Leute, die der Impfwoche zugeschlagen werden können, wurde dennoch von den Medien übernommen, beispielsweise von der deutschen «Ärztezeitung». Sie kam gleichzeitig zum Schluss, dieses Ergebnis sei «eher enttäuschend», das lasse sich nicht «schönreden». Denn es habe in der Vergangenheit schon einzelne Tage gegeben, beispielsweise im vergangenen Mai, an denen mehr als 1,3 Millionen Menschen geimpft wurden – innerhalb von 24 Stunden. Da wirkt die Viertelmillion in einer eigens dafür organisierten Woche, wenn die Zahl denn überhaupt stimmt, in der Tat bescheiden.
Auch der direkte Vergleich mit der Woche davor ist ziemlich ernüchternd. Die Kurven der verabreichten Erstimpfungen zwischen dem 6. und 12. September und der Impfwoche ab dem 13. September sind praktisch identisch, an einzelnen Tagen sogar mit leichten Vorteilen für die «normale» Woche. Dennoch sei das Resultat positiv zu werten, befand die «Ärztezeitung», weil diese Leute «ausserhalb des Gesundheitssystems immunisiert worden» seien. Man habe damit Menschen erreicht, die sonst «durchs Raster gefallen wären».
Die deutsche Impfwoche ist durchaus mit den Plänen in der Schweiz zu vergleichen. Denn das dezentrale Angebot war nicht alles. Es gab eigene Theaterfestivals oder «interkulturelle Veranstaltungen» als Umrahmung der Impfung, Suppenküchen wurden aufgebaut, sogar ein «Schlachtfest» fand statt, dem Herbst sei Dank. Die Impfung als Erlebnis gewissermassen.
Von Deutschland kommunizieren lernen
Die Erfahrungen in Deutschland lassen für die Schweizer Impfwoche nicht unbedingt viel Hoffnung aufkommen. Sollte der Erfolg bescheiden sein, kann der Bundesrat aber notfalls auf die Kommunikationstaktik unserer Nachbarn setzen. Weil sich das magere Resultat kaum positiv interpretieren liess, befand Jens Spahn danach einfach kurzerhand, die Woche sei nur «ein Start» gewesen, man habe der Impfung «zu mehr Sichtbarkeit verholfen», nun müsse es weitergehen, es gehe um den «langfristigen Erfolg».
Was bei dieser Argumentation hilfreich war: Die Bundesregierung hatte vorab keine harten Ziele definiert, die es zu erreichen galt und die man unterschreiten konnte. Exakt darauf hat auch der Bundesrat bei seiner Impfwoche verzichtet.

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