Impfungen: «Zu schnell, überdimensioniert, intransparent»

Impfungen: «Zu schnell, überdimensioniert, intransparent»

So viele Schweizer so schnell wie möglich impfen: Das war von Anfang an die erklärte Absicht des Bundesrats. Wolfgang Stölzle, Professor für Logistikmanagement an der Universität St.Gallen, kritisiert diesen Ansatz. Der politische Wille sei vor der sauberen Planung gestanden.

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von Stefan Millius am 20.4.2021, 09:00 Uhr
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Professor Stölzle*, zunächst ganz allgemein: Wodurch unterscheiden sich Impfstoffe bezüglich Logistik und Distribution von anderen Gütern?
Impfstoffe müssen wie zum Teil andere Arzneimittel unter besonderen Hygiene- und Sicherheitsbedingungen transportiert, gelagert und umgeschlagen werden. Die GDP-Vorgaben («Good Distribution Practice, ein nach behördlichen Anforderungen zertifizierter Vertrieb für Medikamende, d.Red.) sind für Logistikdienstleister massgeblich und verbindlich. Zusätzlich müssen bestimmte Temperaturbedingungen beachtet werden, die bei den einzelnen Impfstoffen variieren. Hierbei gilt es, die Standards über die gesamte logistische Prozesskette einzuhalten.
Abseits von diesen Vorgaben: Wie beurteilen Sie die Planung und Umsetzung der bisherigen Impfkampagne in der Schweiz?
Die Schweizer Impfstofflogistik unterscheidet sich wenig von den Konzepten anderer europäischer Länder. Es gab und gibt den klaren politischen Willen, dass sich möglichst viele Bewohner der Schweiz impfen lassen. Diese Sicht wurde dem Volk massiv und andauernd nahegelegt, mit breiter Unterstützung der Mainstream-Medien. Insofern stand die Impfstofflogistik von Anbeginn massiv unter Druck. Mit Blick auf eine zügige Umsetzung des politischen Willens musste überhastet die Impfstoffverteilung angegangen werden – von den Produktionsstätten der Pharmahersteller bis zu den Impfzentren, dies ohne jede Anhaltspunkte zum tatsächlich benötigten Mengengerüst.
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Wolfganz Stölzle, Professor für Logistikmanagement an der Universität St.Gallen.
Sie sprechen von «überhastet». Mit welchen konkreten Folgen?
Bis heute sind die logistischen Strukturen und die beauftragten Unternehmen weitgehend intransparent, offenbar ist auch das Militär eingebunden. Über die Performance der Impfstofflogistik gibt es keine belastbaren öffentlichen Aussagen. Auf den Punkt gebracht: zu schnell, überdimensioniert, unreflektiert, intransparent. Die Qualität der Konzeptentwicklung und -umsetzung bleibt wohl hinter der von rein privatwirtschaftlich organisierten Lösungen unter Marktbedingungen weit zurück.
Gibt es für Sie Länder, die mit dem Thema Impfung besonders vorbildlich umgegangen sind? Und wie würden Sie das Vorgehen in der Schweiz im Vergleich zu diesen bewerten?
Es gibt meines Erachtens keine positiven Show Cases. In den wenigen Ländern, in denen das Impfen gegen COVID-19 wirklich als neutrale Option in den Raum gestellt wurde, hat man um die Impfstofflogistik kein Aufheben gemacht. Wenn man Impfen nicht zum Gegenstand politischer Propaganda macht, kann die Impfstofflogistik analog zu der von Grippe-Impfstoffen professionell und ohne Zeitdruck aufgezogen werden.
Eine entscheidende Frage in einem frühen Stadium war sicher: Wie viel Impfstoff ist bis zu welchem Zeitpunkt überhaupt nötig. Wurde diese Zahl sorgfältig erhoben?
Man ist viel zu überhastet und unüberlegt vorgegangen. Die Mengengerüste der Impfstofflogistik folgen politischen Vorgaben und nicht der unter marktwirtschaftlichen Bedingungen generierten Nachfrage. Man braucht für die Etablierung neuer logistischer Systeme in der Regel ein bis zwei Jahre – gemessen an der Leistungsfähigkeit und den hier vorliegenden Rahmenbedingungen. Hätte zuerst die Medikamentierung und danach die Impfung Priorität genossen, wäre der Aufbau leistungsfähiger Systeme für die Impflogistik ohne Not möglich gewesen.
Eine Impfkampagne kann umgehend und flächendeckend erfolgen oder abgestuft in Etappen im Sinn einer fortlaufenden Kampagne. Wie beurteilen Sie das Vorgehen der Schweiz bei diesem Aspekt?
Wie bereits gesagt: Zu einseitig, polarisierend, nicht auf die tatsächlichen Zahlen der wirklich Infizierten beziehungsweise Erkrankten und Verstorbenen abgestimmt. Man hätte keine Impfkampagne, sondern gezielte Verhaltensratschläge und eine Kampagne zur adäquaten Behandlung – im Sinn der Medikamentierung der schwerer Erkrankten – benötigt.
Die Politik hatte es sehr eilig nach dem Vorliegen eines Impfstoffs. Sie stehen dieser Philosophie kritisch gegenüber. Welchen Weg hätten Sie denn als richtig empfunden?
Handeln nach der Devise «Medikamentieren vor Impfen» in Verbindung mit einer den Regeln des Fachs entsprechenden Impfstoffentwicklung, die rund acht Jahre benötigt. Es gab überhaupt keine Not, die breite Bevölkerung mit solch einer Wucht in eine Impfung zu treiben zu wollen, die als solche komplett neu und keinesfalls ausreichend erprobt war und ist. Dies zeigen auch die erschreckend hohen Zahlen der Impfgeschädigten beziehungsweise Impftoten, die im Gegensatz zu den an beziehungsweise mit Covid-19 Verstorbenen keinerlei öffentliche Beachtung oder Anteilnahme erfahren.
Prof. Dr. Wolfgang Stölzle ist Professor für Logistikmanagement an der Universität St.Gallen und dort Geschäftsführender Direktor am Institut für Supply Chain Management.
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