Impfstoff: Die Frau, die zeigt, wie’s geht

Impfstoff: Die Frau, die zeigt, wie’s geht

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von Martin A. Senn am 31.3.2021, 04:00 Uhr
Kate Bingham sicherte Grossbritannien im Rekordtempo 357 Millionen Impfdosen. (Bild: ITV/Shutterstock)
Kate Bingham sicherte Grossbritannien im Rekordtempo 357 Millionen Impfdosen. (Bild: ITV/Shutterstock)
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Wieso es andere besser machen. Ein Werkstattbericht aus einem der drei erfolgreichsten Impfländer: Grossbritannien.

Während hier der Corona-Impfstoff immer noch an allen Ecken und Enden fehlt, spöttelt man in der britischen Regierung bereits über den Dresscode beim Impftermin. Er solle sich unbedingt noch ein Kurzarmhemd anziehen, bevor er sich impfen lasse, bat Gesundheitsminister Mat Hancock neulich im Unterhaus einen Parlamentarier. «Wir Männer sollten nicht unsere behaarte Brust zeigen», stichelte er gleichzeitig gegen die zahlreichen Politikerkollegen, die sich in den letzten Wochen beim Impfen vor den Kameras entblösst hatten.
Ein Spässchen dort, Untergangsstimmung hier. Die Verhältnisse haben sich innert weniger Monate vollends verschoben. Die Briten, eben noch die tragischen Chaoten, unfähig, einen wirksamen und durchführbaren Lockdown auf die Beine zu stellen, torkelten bei Sterbeziffern und Ansteckungszahlen von einem traurigen Rekord zum nächsten. Ganz anders Deutschland, der Organisationsweltmeister. Verbote, Gebote und Vorschriften sauber aufgereiht und durchexerziert führten zu vorbildlich tiefen Fallzahlen. Anfänglich wenigstens.
Doch das ist kalter Kaffee. Inzwischen haben über 30 Millionen Briten ihre erste Impfdosis gegen das Covid-19-Virus erhalten. Ab Ostern sind alle über 40-jährigen dran. Die Impfquote nähert sich der 50%-Grenze, die Zahl der täglich neu Infizierten sinkt gegen 3’000. In Deutschland, der EU und der Schweiz läuft die Lage derweil weiter aus dem Ruder. Für einen anhaltend strengen Lockdown fehlt den Leuten die Geduld, vielen Unternehmen das Kapital, und für den Aufbau einer breiten Immunität fehlt der Impfstoff.

Erfolg dank Risikobereitschaft

Wieso können Grossbritannien, die USA und Israel die Impfstoffbeschaffung so viel besser? Die Erklärung liegt, wie so oft, tief in der Geschichte. Diese Länder verdanken ihre Existenz massgeblich ihrer Risikobereitschaft. In den USA, dem alten Einwanderungsland, gehört der Aufbruch ins Unbekannte immer noch zur nationalen DNA. Für die Israeli, die über Jahrhunderte hinweg nirgends über längere Zeit sicher sein konnten und immer damit rechnen mussten, an einem anderen Ort neu anzufangen, war Risikobereitschaft ein Überlebensprinzip.
Und die Briten haben ihr Reich auf den wackligen Planken ihrer Schiffe erkämpft, wo Wind, Wetter und Seegang weit stärker sind als jede Planung. Schlachtschiffe lassen sich nicht aufstellen wie Heere und Soldaten. Sicher ist in einer Seeschlacht nur die Unsicherheit. Und so galt, was Admiral Nelson, der Sieger der grossen Seeschlacht bei Trafalgar als Führungsprinzip gehabt haben soll: «Verzweifelte Situationen verlangen verzweifelte Lösungen».
Und Premierminister Boris Johnson muss verzweifelt gewesen sein, als er Anfang Mai letzten Jahres zum Telefon griff und Kate Bingham anrief. «Wir müssen sofort anfangen, Leben zu retten, und dafür brauche ich Ihre Hilfe», erklärte er der 55-jährigen Life-Science-Unternehmerin. Als Vorsitzende der «UK Vaccine Taskforce» sollte sie für die Regierung die Entwicklung der vielversprechendsten Impfstoffe anstossen und vorantreiben, sodass raschestmöglich mit der Durchimpfung der Bevölkerung begonnen werden konnte.
Das Telefonat war ein Glückstreffer. Bingham war wie gemacht für die Aufgabe. 30 Jahre lang hatte die Biochemikerin mit Oxford-Abschluss und einem Harvard-MBA die Entwicklung neuer Medikamente mit Risikokapital vorangetrieben. In der Life-Science-Branche genoss sie einen exzellenten Ruf; 2017 wurde sie mit dem Lifetime Achievement Award der britischen Bioindustrie ausgezeichnet. Ausserhalb der Branche war sie dagegen höchstens als Gattin eines Tory-Abgeordneten bekannt, was in einigen Medien zum obligaten Vorwurf der konservativen Kumpelwirtschaft führte. Auch aus diesem Grund verzichtete Bingham von Anfang an auf jegliches Honorar und arbeitete ehrenamtlich.

357 Millionen Impfdosen

Fachlich konnten ihr die Medien nichts anlasten, ausser vielleicht, dass sie mit der Entwicklung von Impfstoffen noch nie zu tun gehabt hatte, was sie aber auch selbst stets betonte. Doch, ob Impfstoff oder Krebsmedikament: an den Anstossmechanismen änderte das nichts. Als Bingham Mitte Mai 2020 den Vorsitz der britischen Impfstoff-Taskforce antrat, konnte sie denn auch einfach ihr riesiges Netzwerk in der Welt der Biotechnologie abtelefonieren.
Das Resultat war eindrücklich: Bis Ende Juli konnte die Regierung bereits Verträge für 357 Millionen Dosen von sechs verschiedenen Impfstoffen abschliessen – bei einer Bevölkerungszahl von 66 Millionen. Eine Milliarde Pfund an Steuergeldern waren weg, bevor man sicher sein konnte, ob eines der Vakzine überhaupt funktionieren würde. Es war die grösste Risikoinvestition, die eine britische Regierung in Friedenszeiten je vorgenommen hatte.
Dazu kam ein Strauss weiterer unkonventioneller Massnahmen. Nicht weniger als 450'000 Versuchspersonen wurden für die Anfangsphase der Impfkampagnen gegen Bezahlung rekrutiert. Zuständig waren dafür acht PR-Berater, die Bingham bei einer Londoner Agentur für 670'000 Pfund angeheuert hatte, was in den Medien zu neuerlicher Kritik führte. Zudem wurden die Hersteller weitgehend aus der Produktehaftung entlassen, wie die «Welt» schreibt: Wenn die erste 900 Millionen-Pfund-Investition nicht zum Erfolg führte, übernahm der britische Staat den Verlust.

Kombination mit Grippeimpfung

Das Risiko war allerdings breit gestreut. Ein Totalausfall war nicht ernsthaft zu befürchten, aber auch nie ganz auszuschliessen. Das Portefeuille umfasste die Vakzin-Entwicklungen von Oxford-AstraZeneca und Johnson & Johnson, GSK/Sanofi, Novovax, Pfizer/BioNTech und Moderna. Dieses Jahr sicherte sich die Taskforce zusätzlich einen Impfstoff von Valneva. Alles über alles verpflichtete sich die Regierung zur Bezahlung von 3.7 Milliarden Pfund für den Fall, dass alle bestellten Impfstoffe zum Fliegen kommen sollten.
Bingham hat geliefert. Den Vorsitz in der Impf-Taskforce hat sie wieder abgegeben und ist zurückgetreten. Das neuste Kapitel der Impfgeschichte erachtet sie aber noch lange nicht als abgeschlossen. «Man sollte diese Vakzine jetzt mit der Grippeimpfung zusammenbauen», sagt sie in einem ihrer seltenen Interviews im Magazin des Daily Telegraph. «Wir können nicht immer mit drei Injektionen weiterfahren.»
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