Im Glashaus der Doppelmoral. Wenn Feministinnen um sich werfen

Im Glashaus der Doppelmoral. Wenn Feministinnen um sich werfen

Chefredaktor Ronnie Grob (Schweizer Monat) publiziert einen kontroversen Artikel. Feministin Franziska Schutzbach tritt eine Welle der Empörung los. Grob wird wüst beschimpft und als Frauenhasser gebrandmarkt.

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von Nicole Ruggle am 9.4.2021, 04:07 Uhr
Foto: Julien Barrat
Foto: Julien Barrat
Auf eine Umfrage der Frauenzeitschrift Annabelle/Sotomo, wie die Aufteilung von Erwerbsarbeit auf beide Elternteile aussehen soll, zeigte sich ein deutliches Rollenverständnis: Väter sollen 80%, Mütter 50% arbeiten. Im Klartext: Sich ökonomischen Risiken aussetzen, Broterwerb garantieren und sich mit der erbarmungslosen, konkurrenzorientierten Welt unserer Leistungsgesellschaft auseinandersetzen – das überlassen die Frauen bei allem Gerede von Gleichberechtigung nach wie vor grossmehrheitlich den Männern.
Ergo: Frauen ziehen sich lieber in die Sicherheit der eigenen Höhle zurück - und schicken den Mann vor? «How dare you!»
Nun hat es ein Mann – nicht irgendeiner, sondern der Chefredaktor der liberal-konservativen Autorenzeitschrift «Schweizer Monat» gewagt, genau dieses Thema in einer Kolumne anzuschneiden. Das Resultat?
Auf Facebook wird er unter einem Empörungspost der Genderwissenschaftlerin Franziska Schutzbach wüst beschimpft. Er sei ein Idiot, ein Waschlappen, ein Soziopath, ein Lurch - #wasfüreinArschloch.

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Ehrrühriger Kommentar unter Franziska Schutzbachs Facebook-Post. Quelle: Screenshot Facebook
Anschliessend unterstellt ihm Schutzbach nonchalant Frauenhass und enerviert sich nicht, gleich noch einen deplatzierten Judenvergleich herbeizuschreiben, was inzwischen offenbar zum Standardrepertoire jeder gut angeheizten Empörungsdebatte gehört.
Apropos Juden. Schutzbach postet einen x Jahre alten Artikel, in dem die Nazi-Vergangenheit des Schweizer Monats durchleuchtet wird – kalter Kaffee. Es ist überflüssig zu erwähnen, dass Grob – aufgrund seines Alters – keinerlei Bezugspunkte zu dieser Zeit hat.
Sein Konter, dass Adolf Hitler und Benito Mussolini Leitartikel für den Tages-Anzeiger schrieben – eine Zeitung, von der Frau Schutzbach seit Jahren hofiert wird – überliest sie offenbar gekonnt.
Wer im Glashaus sitzt, sollte sich nicht auf Facebook empören.
Dumm nur, dass auch viele der Aussagen, die Grob unterstellt werden, so gar nie von ihm geäussert wurden. Ihm wird vorgeworfen, er habe geschrieben, «er würde selbst Frauen kennen, die total männliche Eigenschaften haben […] er kenne auch einige Männer, die sich weiblich verhalten.» Diese Textstellen in Grobs Kolumne sucht man vergeblich: sie existieren nicht.
Die Schubladisierungen «männlich» und «weiblich» stammen aus Schutzbachs Feder. Vielmehr ist anzunehmen, dass die Autorin hier offenbar ihre eigenen geschlechterverknüpften Stereotypen aus den Schilderungen Grobs auf seine Aussagen projiziert, um ihm plump genau diesen Sexismus in die Schuhe zu schieben.
Die Unterstellung, Grob würde risikofreudiges Verhalten angeblich mit Männlichkeit und Freiheit gleichsetzen und diese «hierarchisch als die besseren bestimmen» ist ebenso herbeifantasiert.
So weist er explizit drauf hin, dass es kein Zufall sei, dass die Mehrheit der «Darwin Award»-Gewinner Männer seien. Diese äusserst unschmeichelhafte Aussage der Männerwelt gegenüber blendet Frau Schutzbach offenbar genauso bewusst aus, wie der politische Seitenhieb auf Emannuel Marcon.
Weiter soll Grob sinngemäss folgendes behauptet haben: «Mütter und Frauen stehen für ökonomisches Scheitern, für Gefängnis und Stillstand.» Auch das ist falsch. Grob wies – faktentreu – auf das um minus 2.9 % gesunkene BIP Neuseelands, unter der Hand von Premierministerin Jacinda Ardern, hin.
Ebenso ist die Kritik an Merkels politischem Zick-Zack Kurs nicht weniger berechtigt als die liberale Ohrfeige an Karin Keller-Sutter, die offensichtlich vergessen hat, wem der Freisinn verpflichtet ist.
Die anderen zwei Stichworte, «Gefängnis und Stillstand» sind frei erfunden und tauchen im Text nicht auf.
Auch brisant: Die justiziablen Beschimpfungen und Hasskommentare unter Frau Schutzbachs Facebookpost wurden nicht gelöscht, dies, obwohl sie eine eifrige Unterstützerin von Netzcourage ist und sich gegen Hate Speech im Netz einsetzt.
So liess sie in einem Text des Online-Magazins Republik noch 2020 wortwörtlich verlautbaren: "Hate-Speech oder Beschimpfungen sind widerwärtig und falsch. Egal, von wem sie kommen, und egal, gegen wen sie gerichtet sind."
Ironischerweise ruft sie selbst nur ein paar Zeilen weiter nach einer Strafnorm, um Aussagen wie die von Grob unter Strafe stellen zu können. Diese sind bis dato verfassungsgemäss von der Rede- und Meinungsäusserungsfreiheit geschützt und verletzen keinerlei Strafgesetzartikel.
In eklektischer Manier wurden Textschnipsel analysiert und subjektiv interpretiert, die als pars pro toto das Narrativ eines hinterwäldlerischen Frauenverachters basteln sollen, den man unter Schutzbachs Facebook-Post als Abstrafung moralischer Empörung offenbar ungestraft mit Schimpfworten eindecken darf.
Wäre Grob links, er müsste wohl klagen.
Quellennachweise
https://www.facebook.com/franziska.schutzbach/posts/10208551987393564
https://sotomo.ch/site/wp-content/uploads/2021/03/annajetzt.pdf
https://www.nau.ch/news/stimmen-der-schweiz/ronnie-grob-leaderinnen-lieben-die-sicherheit-65899009
https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2021-3/diese-woche/hitlers-schatten-uber-dem-tages-anzeiger-die-weltwoche-ausgabe-3-2021.html
https://www.republik.ch/2020/08/14/was-steckt-hinter-der-pranger-kultur


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