Ihr Entsetzen macht sie zum «Bauernschreck». Wer ist die Frau, die hinter der Trinkwasserinitiative steht?

Ihr Entsetzen macht sie zum «Bauernschreck». Wer ist die Frau, die hinter der Trinkwasserinitiative steht?

Ohne Franziska Herren gäbe es keine Trinkwasserinitiative. Die meisten Bauern wären darüber wohl ganz froh. Die NZZ nennt sie das «Schleudertrauma der Landwirtschaft». Was treibt sie an? Ein Porträt.

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von Sebastian Briellmann am 6.5.2021, 16:46 Uhr
Franziska Herren: Der Kopf und das Gesicht der Trinkwasserinitiative. Foto: Christian Jaeggi
Franziska Herren: Der Kopf und das Gesicht der Trinkwasserinitiative. Foto: Christian Jaeggi
Das Coworking-Gebäude am Uferquai in Solothurn strahlt eine zurückhaltende Ruhe aus; schlichte Einrichtung und stille Schaffer drinnen, eine sanft dahingleitende Aare draussen. Die Ambiance passt nicht wirklich zu Franziska Herren.
Herren, 54, ist die Initiantin der Trinkwasserinitiative (TWI), über die am 13. Juni abgestimmt wird. Die Initiative sieht vor, dass Bauern keine Subventionen mehr erhalten, wenn sie Pestizide einsetzen. Ein Volksbegehren mit Zündstoff. Der «Blick» bezeichnete Herren als «Bauernschreck, die NZZ als «Schleudertrauma der Landwirtschaft».
Kein Zweifel, Herren ist zum Feindbild mächtiger Gegenspieler geworden. Milliardenschwere Agrarkonzerne, der grosse Bauernverband, das Bundesamt für Landwirtschaft: Alle lehnen Herrens Initiative ab. Gravierender, wirkungsvoller könnte allerdings der Widerstand eines Grossteils der rund 50’000 Schweizer Bauern sein. Sind nicht sie das Bollwerk der Schweiz, sind wir nicht alle ein bisschen Bauer im Herzen oder würden es gerne sein?

«Gefühlsmensch»

Es ist aber nicht die Gegenwehr, die Herren in die Solothurnische Abgeschiedenheit getrieben hat. Es ist die Suche nach ein bisschen Ruhe. Sie sagt: «Daheim, in meinem Büro in Wiedlisbach, ist momentan ein unglaublicher Trubel, die Wahlkampfvorbereitungen sind voll im Gang. Hier habe ich mehr Ruhe.» Wenn Herren spricht, spürt man: An den Rand lässt sie sich nicht drängen, mögen die Gegner noch so einflussreich sein. Geholfen hat dabei sicher, dass ihre Initiative zum richtigen Zeitpunkt kommt, «ganz zufällig», wie Herren sagt, dank der Klimabewegung und der Lancierung weiterer Agrar-Initiativen. «Hätten wir den perfekten Termin gesucht, wir wären heute nicht hier, das gebe ich gerne zu. Ich bin ein Gefühlsmensch, kein Kopfmensch. In diesem Fall hats perfekt gepasst.»
Aber was treibt sie an, diesen «Gefühlsmenschen», der alles andere als gefühlsduselig, sondern knallhart eine neue, umgekrempelte Landwirtschaft fordert? Herren sagt: «Der Status quo in der Landwirtschaft ist erschreckend. Er ist gesetzeswidrig. Wir haben uns total verrannt. Und keiner will es zugeben.»

«Ich war entsetzt, was ich alles fand. Antibiotikaresistenz, saure Böden, schlechte Wasserqualität.»

Franzsika Herren

Dass Franziska Herren diesen Kampf kämpft – obschon sie es nicht so nennen mag –, ist vielleicht dem Schicksal geschuldet, aber sicher kein Zufall. Bei einem schweren (und unverschuldeten) Verkehrsunfall erlitt sie 2004 ein Schleudertrauma, konnte danach fünf Jahre nicht mehr ihrem Beruf als Fitnessinstruktorin nachgehen. Sie litt auch danach immer wieder an starken Rückenschmerzen. Zurück ins alte Leben: Das sollte nie mehr gelingen. In dieser Zeit erfuhr die zweifache Mutter eine «Erleuchtung», wie die NZZ schrieb. Sie erfuhr von einem Bauern, dass die Kälber für die Milchproduktion von den Müttern getrennt werden, konnte es kaum glauben. Und begann zu recherchieren.
Heute sagt sie: «Ich war entsetzt, was ich alles fand. Antibiotikaresistenz, saure Böden, schlechte Wasserqualität. Und der Ursprung ist immer derselbe: die industrielle Landwirtschaft, Überproduktion, nicht nachhaltiges Tierfutter aus dem Ausland. Das habe ich nicht für möglich gehalten. Selbst wo Bio draufsteht, ist nicht Bio drin.»

Heftiger Widerstand

Das Entsetzen, ein Wort, das Herren gerne und oft benutzt, machte sie zur Aktivistin, «zur Bürgerin, die von ihrem Initiativrecht Gebrauch macht», wie sie selber sagt. Es begann mit einem Kampf um hundert Bäume, retten konnte sie zwölf. Sie wollte das AKW Mühleberg abschalten lassen. Unterstützt wurde sie früh von einem Gönner, umgab sich mit Spezialisten. So arbeitet sie auch bei der Trinkwasserinitiative. Heute ist die Politik ihr Beruf. Möglich gemacht durch «Gross- und Kleinspender». Wer dahinter steckt, sagt sie nicht.
Herren spricht lieber über ihre Aufgabe, ihr Drängen, etwas verändern zu wollen, über ihr «Entsetzen» eben. Da blüht sie auf, kommt sie ins Schwärmen, oder auch in Rage. Denn für sie ist klar: Dass die Wasserqualität von vielen Experten als gut empfunden wird, viele Bauern immer weniger Pestizide verwenden – das reicht nicht aus. Dass ihre Position auch Widerstand provoziert, ist ihr bewusst. Wie viel, und wie heftig dieser daherkommt: «Das ist aber schon noch einmal ein neues Erlebnis. Ich habe zwei Kinder alleine grossgezogen, kann daher gut abschalten.» Herren erzählt jedoch, dass der Druck in den letzten Wochen nochmals massiv zugenommen habe. Sie, die Fitnesstrainerin, eine Artfremde, mische sich in Sachen ein, von denen sie nichts verstehe, sagen viele Bauern.

«Wären Sie eine Kuh in meinem Stall, würde ich sie zu Tode prügeln.»

Hass-Nachricht an Franziska Herren.

Die Leserbriefe in der «Bauernzeitung» werden im Ton gehässiger. Viele stammen von Bäuerinnen und Bauern. In der NZZ sprach sie über die heftigste Nachricht, die sie bekommen hat: «Wären Sie eine Kuh in meinem Stall, würde ich sie zu Tode prügeln.»
Dieser massive Gegendruck hat bei Herren auch schon zu Zweifeln geführt. Irgendwann lag sie nachts im Bett gelegen und fragte sich: «Was mache ich hier? Lohnt sich das überhaupt?» Sie machte weiter. Und hat es nie bereut.
Manchmal, sagt Herren, fühle sie sich in einer Parallelwelt; etwa dann, wenn sie die «Indoktrinierung der Bauern» aus der «Bauernzeitung» erfährt. Sie liest es gar nicht mehr selbst, «das macht jemand für mich, da ich die Desinformation nicht mehr ausgehalten habe». Das ist schon heftig, was Herren da sagt, und aus ihrer Warte stimmt es wahrscheinlich auch. Klar scheint: Es sind vielleicht nicht gerade Parallelwelten, aber sicher zwei verschiedene Welten: Herren in der einen, das Gros der Bauern in der anderen. Man hat sich nicht mehr viel zu sagen. Vor Corona traf man sich noch zum Streitgespräch, live, hat sich die Hand gegeben und danach zusammen gegessen und ein Bier getrunken.

Extrem, aber nicht extremistisch

Herren sagt: «Ich will nicht gegen Bauern schiessen. Viele kennen das Ausmass der Zerstörung gar nicht. Und sie merken nicht, wie abhängig sie von Pestiziden und Importfutter sind.» Das mag den Bauern nicht gefallen – und es ist pauschal sicher auch nicht ganz richtig. Aber einen Punkt hat Herren auch: Innovation ist nicht etwas, mit dem die Landwirtschaftsbranche zuletzt geglänzt hat. Es sträuben sich auch nicht alle Bauern gegen verbesserte Bedingungen; aber sie wollen es selbst entscheiden, und vor allem wollen sie nicht von jemandem belehrt werden, der von aussen kommt. Das Wort «Fitnesstrainerin» klingt nun auf einmal wie ein Schimpfwort.
Man glaubt auch zu verstehen, warum das so ist. Herren vertritt durchaus extreme Positionen, sie fordert einen einschneidenden Wandel einer grossen, selbstsicheren Branche. Aber Herren ist keine Extremistin. Sie will niemandem den Fleischkonsum, den Genuss von Milchprodukten verbieten, ja nicht einmal die Subventionen, immerhin fast vier Milliarden Franken pro Jahr, will sie kürzen, nur eben anders verteilen. Herren selber konsumiert seit Jahrzehnten kein Fleisch mehr, aber aus anderen Gründen: «Ich habs einfach nicht gern.»

«Glyphosat-Babies»

Und wenn die Verantwortlichen der Pestizid-Initiative auf Plakaten mit «Glyphosat-Babies» vor der Apokalypse warnen, ist schwer davon auszugehen, dass das bei den TWI-Unterstützern nicht übermässig gut ankommt. Was Herren dagegen will: Eine nachhaltige Landwirtschaft, die ihre Tiere aus eigenem Boden ernährt – ohne Pestizide, ohne «Futtermittel-Bschiss» aus dem Ausland. Das ist massvoll, nicht dogmatisch.
Damit trifft sie sicherlich einen Nerv in der Bevölkerung, aber für die grosse Revolution dürfte es nach der ersten Tamedia-Umfrage nicht reichen, die Zustimmung ist zu wenig wuchtig.
Herren sagt: «So denke ich nicht. Ich habe noch nie gerechnet, mich noch nie gefragt: Was, wenn es klappt? Und was, wenn es nicht klappt?» Ihr gehört immer noch das Fitnessstudio, für Stammkunden gibt sie noch wenige Lektionen. Ob sie dorthin zurückkehren, sich zurückziehen wird nach der geschlagenen Schlacht: Herren sagt, dass sie das nicht wisse. Wer ihr zuhört, kann sich aber kaum vorstellen, dass sie mit ihrem Anliegen still und leise verschwindet.

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