Ideologisches Lehrmittel. Wie Schüler im Geschichtsunterricht indoktriniert werden

Ideologisches Lehrmittel. Wie Schüler im Geschichtsunterricht indoktriniert werden

Die Politik sieht keinen Handlungsbedarf, der Lehrmittelverlag ist zufrieden mit dem Inhalt. Dabei zeigt eine Analyse: Das Geschichtsbuch «Gesellschaften im Wandel» ist nicht fair austariert. Ein Überblick.

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von Sebastian Briellmann am 15.11.2021, 05:00 Uhr
Karikatur: Clemens Ottawa
Karikatur: Clemens Ottawa
Muss das schon wieder sein, fragt die freundliche Stimme am Telefon, muss diese Geschichte wirklich noch einmal aufgerollt werden? Die Stimme gehört Franziska Meier – und die klagende Frage hat einen bestimmten Grund: Meier arbeitet für den Lehrmittelverlag Zürich (LMVZ), dessen Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel» in der Kritik steht.
Aber nun, da der Zürcher Kantonsrat (ausser SVP und FDP) letzte Woche geschlossen der Meinung war: Nein, da ist nichts auszusetzen an den Lehrmitteln der Volksschule und der Unterricht nicht ideologisiert – jetzt also findet Meier: Muss das Thema wirklich nochmals sein?
Was Meier aus ihrer Warte natürlich ungern betrachten dürfte: Das Lehrbuch «Gesellschaften im Wandel» steht nicht ganz zu Unrecht im Kreuzfeuer der Kritik. Und diese Bemängelung am Lehrmittel ist auch nicht neu. Bereits kurz nach Erscheinen lancierte die «Neue Zürcher Zeitung» vor drei Jahren eine hitzig geführte Debatte: Ist es in Ordnung, dass linke Institutionen wie die Gewerkschaft Unia oder die NGOs Amnesty International oder Attac als heldenhafte Vorkämpferinnen gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt präsentiert werden?

Kritik wird pro forma abgewiegelt

Das damalige Kurzfazit: Nein, natürlich nicht. Das war auch der Auslöser für die Interventionen bürgerlicher Parteien (in Form von zwei parlamentarischen Initiativen) im Kanton Zürich.
Und auch wenn die restlichen Parteien das anders sehen mögen: Gerade beim Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel» lohnt es sich, nochmals genauer hinzusehen. Alleine die Geschichtserzählung des 19. und 20. Jahrhunderts und der Gegenwart wirkt nicht immer ausgeglichen.
Das ist auch nicht sonderlich überraschend, wenn man bedenkt, was den Autoren bei den gelebten Menschenrechten zur Schweiz so einfällt: «Vor Wahlen und Abstimmungen wird mit rassistischen Plakaten Stimmung gegen Ausländerinnen und Ausländer gemacht. Und es kommt vor, dass Polizistinnen und Polizisten bei der Rückführung von abgewiesenen Asylsuchenden in ihre Heimatländer übertriebene Gewalt anwenden.»
Die Schweiz: Ein brutales, fremdenfeindliches Regime?:
Als hätten die Autoren bereits geahnt, dass Kritik kommen wird, wiegeln sie im erklärenden Teil ab. In einem Buch habe nicht alles Platz, also muss man «auswählen». Nun wirkt es zumindest so, dass diese Wahl nicht ganz gerecht austariert wurde. Ein paar Beispiele.

Im Kapitel «Imperialismus» geht es um Frankreich und Algerien, die Lage damals, und auch die Lage heute: In einem fingierten Interview sprechen zwei Teenager, die zusammen in Algerien aufgewachsen sind – und von denen einer nun in der Schweiz lebt und einer in Frankreich –, über das Leben in Paris. Plakativ sagt der Schweizer: «Wenn man in der Schweiz von französischen Muslimen hört, denkt man vor allem an Jugendliche, die in Banlieues ohne Zukunftsaussichten aufwachsen...» Und der in Frankreich lebende Teenager sagt an einer anderen Stelle: «Einige Sache sind schon schwierig. Was mich zum Beispiel nervt, ist, dass ich mich bei allem doppelt so stark anstrengen muss wie ein waschechter Franzose.»

Denken die Schweizer wirklich alle so? Und grenzen die Franzosen ihre Migranten systematisch aus? Dass in Frankreich auch berechtigte Debatten über Einwanderung geführt werden: Davon kein Wort im Lehrmittel.

Im Kapitel «Zwischenkriegszeit» geht es um die Russische Revolution. Hier steht geschrieben, dass die Russland «unter Lenin und den Bolschewiki» zwar eine Diktatur gewesen sei, aber es steht eben auch, dass «die Menschen im Bürgerkrieg gegen die politischen Gegner litten und hungerten.»

Und was ist mit den vielen Toten? War das Leiden, war das Hungern? Nein, es war Sterben, und oftmals ein brutales, grauenvolles. Lenin war einer der blutrünstigsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts. Dass 100 Jahre Kommunismus auch 100 Millionen Tote verursacht haben: Auch darüber keine einordnenden Worte. Man hätte ja auch ein paar Beispiele aus dem Schwarzbuch des Kommunismus nennen können.

Das Lehrmittel beschäftigt sich auch mit der «Migration und Angst vor der Überfremdung», im Kapitel «Gesellschaftlicher Wandel in der Nachkriegszeit». Über Ausländer, die in der Schweiz unter dem Saisonnierstatut arbeiteten, meist Italiener, steht geschrieben: «Deshalb nannte man sie Gastarbeiter – als seien sie als Arbeitskräfte in der Schweiz bloss zu Gast.»

Das mag man nicht sonderlich sympathisch finden, aber das Saisonnierstatut sah genau das ab dem Jahr 1934 vor. Das steht im Lehrmittel sogar als Erklärung drin. Aber auch hier: Eingeordnet wird diese Tatsache nicht.

Im selben Kapitel geht es auch um das sogenannte Waldsterben, mit dem sich die Schweiz in den 1980er-Jahren beschäftigt hat. Im Lehrmittel wird getitelt: «Der Wald stirbt.» Und als Erklärung wird nachgeschoben: «Die Bevölkerung zeigte sich betroffen und empört, weil die Behörden lange nichts dagegen unternehmen. Erst allmählich wurden von von staatlicher Seite Massnahmen zur Senkung des Schadstoffausstosses von Fahrzeugen, Heizungen und Fabriken ergriffen. Der Zustand der Wälder stabilisierte sich langsam.»

Ein Waldsterben, wie beschrieben, hat es so nie gegeben – und auch die Erklärung, dass nur wegen staatlicher Massnahmen alles gar nicht so schlimm gewesen sei: äusserst zweifelhaft. Oft ist bei dieser Einordnung deshalb von der «zweiten Waldsterbe-Lüge» die Rede.

Wechsel in die «Gegenwart und Zukunft». Thema: Demokratie. Und wie man in dieser politisch arbeiten muss. Besonders wichtig im Lehrmittel: das Frauenstimmrecht. Vom Volk 1971 beschlossen, steht über die aktuelle Situation, 50 Jahre später, geschrieben: «Auch heute sind die Frauen zum Beispiel in der Arbeitswelt den Männern nicht vollständig gleichgestellt (...).» Und nur ein paar Seiten weiter wird festgehalten: «(...) ist der Weg zu einer vollkommenen Gleichstellung von Frau und Mann in allen Lebensbereichen noch lang.» Auch wird die unbelegte Tatsache weiterverbreitet, dass Frauen «nach wie vor vielerorts für dieselbe Arbeit weniger Lohn erhielten.

Dass es keinen einzigen Beweis dafür gibt: geschenkt. Hauptsache, es passt in das Narrativ der im Lehrmittel hochgelobten NGOs wie Amnesty International?

Wichtig ist den Autoren auch die Europäische Union (EU). In einer erfundenen Geschichte ächzt eine alte Frau, wie mühsam es auf ihrer Hochzeitsreise quer durch Europa gewesen sei, mit Grenzkontrollen und verschiedenen Währungen konfrontiert zu werden. Wie das Lehrmittel zur EU steht, zeigt sich auch in folgendem Ausschnitt: Zwar wird die kritische Position geteilt («weltfremde Entscheidungen, gegen die man sich nicht wehren kann»), aber sofort relativiert: «Aber auch die EU versucht, politische Entscheidungen im Sinne ihrer Bevölkerung zu treffen.»

Dass die EU niederschwellig verteidigt wird und ihr gutes Handeln fast schon übergriffig attestiert wird: Ist das wirklich die Aufgabe eines schweizerischen Lehrmittels?

Und in einem Kapitel über die multikulturelle Gesellschaft in der Schweiz geht es auch um die Muslime in der Schweiz. Da heisst es unter anderem: «Jedes Jahr organisiert die Vereinigung Islamische Jugend Schweiz ein Fussballturnier für männliche Jugendliche. Die auffälligsten Unterschiede zu einem normalen Turnier sind die Vorschrift, lange Hosen zu tragen, das gemeinsame rituelle Gebet und dass Mädchen und Frauen nicht teilnehmen.» Über Jugendgruppen heisst es, dass man sich dort darüber austauscht, wie sich der «Alltag und ihre Religion miteinander vereinbaren lassen». Man stelle sich deswegen etwa die Frage: «Gebe ich als Mann einer Frau oder als Frau einem Mann die Hand?»

Die sonst so auf Gleichberechtigung fixierten Autoren bekommen offensichtlich nicht mit, dass es nicht im Interesse der Frauen sein kann, wenn sie von sportlichen Aktivitäten ausgeschlossen werden. Und dass eine Debatte als legitim erachtet wird, ob es aus religiösen Gründen in Ordnung ist, dem anderen Geschlecht die Hand zu geben? Das ist ziemlich unerklärlich...
Der Lehrmittelverlag sieht das anders – und hält auf Anfrage fest: «Gesellschaften im Wandel setzt den Lehrplan 21 konsequent um. Das Lehrmittel führt historisches Lernen und Politische Bildung zusammen (...).» Es vermittle explizit verschiedene Standpunkte und Perspektiven aus Sicht unterschiedlicher Akteure. Die Schülerinnen und Schüler lernten nicht zuletzt auch den «fragenden, forschenden und kritischen Umgang mit Informationen». Das wäre bei diesem Lehrmittel durchaus angebracht.
Klar ist: Das Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel», mittlerweile ist die 3. Auflage auf dem Markt, wird weiterhin so belassen wie es ist: Anpassungen sind keine geplant.

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