Ich bin eine Quotenfrau

Ich bin eine Quotenfrau

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von Margit Osterloh am 31.5.2021, 13:07 Uhr
Quelle: Stern
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Heute ist nicht mehr wichtig, was einer sagt, sondern wer es sagt und welcher Minderheit man angehört.

Meine Kolumne über Sprachjakobinismus und Sprachverbote (https://www.nebelspalter.ch/sprachjakobinismus) bzw. ein Video dazu hat mir bei Sprachjakobinern – vor allem in Deutschland – auf Twitter einen Shitstorm eingebracht.
Nun denn, ich probiere es mal mit „Ich bin eine Quotenfrau“. In der Tat war ich in meinem Leben sicherlich mehrere Male Quotenfrau: z.B. im Verwaltungsrat der Schweizer Post, im Deutschen Wissenschaftsrat, in Universitätsrat der Universität Erlangen-Nürnberg. Im Nebelspalter würde ich dafür schlechte Noten bekommen: Gioia Porlezza findet Frauenquoten sexistisch (https://www.nebelspalter.ch/anti-maenner-quote ). Matthias Mueller findet Quoten unwürdig (https://www.nebelspalter.ch/gender-schlaegt-leistung). Ich versinke aber deshalb keineswegs vor Scham in den Boden. Das sind meine Gründe:
  1. Qualifikation: Es ist nicht etwa so, dass man einfach so über die Quote in einen Verwaltungsrat kommt, nur weil man eine Frau ist. Man muss schon eine gehörige Portion an Qualifikation und Erfahrung mitbringen, bevor man auf eine „shortlist“ kommt. Empirische Befunde haben zudem gezeigt, dass die formale Qualifikation der unter Quotenbedingungen berufenen Frauen höher ist als die der Männer. Mehr noch: Dies hat bewirkt, dass dadurch auch die Qualifikation der Männer gestiegen ist.
  2. Angebot auf dem Markt für weibliche Führungskräfte: Die Quote hat keineswegs bewirkt, dass Personalberater und die Firmen von Frauen überschwemmt werden, die Verwaltungsrätin oder CEO werden wollen. Ganz im Gegenteil: Headhunter klagen, dass sich längst nicht genug Kandidatinnen bewerben, obwohl heute Frauen den weitaus besseren schulischen Ausweis haben. Eine Quote kann Abhilfe schaffen: In Laborexperimenten hat sich gezeigt, dass bei Vorliegen einer sog. Soft-Quote (d.h. wenn in einem Wettbewerb jeweils ein Mann und eine Frau die Gewinner sind) die Bewerbungen der besonders leistungsfähigen Frauen im Vergleich zum herkömmlichen Verfahren sich fast verdoppeln. Der riesige Pool an teuer ausgebildeten und hochqualifizierten Frauen würde mit einem solchen Verfahren endlich besser ausgenutzt – zum Nutzen unserer Volkswirtschaft.
  3. Leistungsmessung: Wer behauptet, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, setzt eine verlässliche Leistungsmessung voraus. Anders als in der Schule oder im Labor ist das in der Praxis aber nicht der Fall. Vielmehr sind Glück und Zufall die grossen Unbekannten der Leistungsmessung. Das beginnt mit dem Lotto, in der richtigen oder falschen Familie geboren zu sein. „Ohne eine Gelegenheit bringt Können gar nichts“ heisst ein Napoleon zugeschriebener Spruch. Die meisten erfolgreichen Männer neigen jedoch dazu, ihren Erfolg als eigenes Verdienst zuzurechnen und den Zufall zu unterschlagen. Der Ökonom Robert H. Frank bezeichnet in seinem Buch „Success and Luck“ den Glauben an die Leistungsgesellschaft als Mythos. Eine neuere Studie der Universität Chicago zeigt, dass sich statistisch ausser im Sport für Führungsfiguren kaum ein messbarer Einfluss nachweisen lässt, der über blossen Zufall hinausgeht. Das gilt allerdings nicht für individuelle Karrieren: Wem es gelungen ist, sich Erfolg zuschreiben zu lassen, der profitiert eine ganze Weile von Matthäus-Effekten („Wer hat, dem wird gegeben“) – solange, bis sich Misserfolge und Skandale nicht mehr beschönigen lassen. Beispiele - CS, Raiffeisen, Diesel-Skandal – gibt es zuhauf. Wo bleibt hier das Leistungsprinzip?

Leider haben Frauen bei der individuellen Zuschreibung von Ergebnissen besonders schlechte Karten: Viele empirische Studien weisen aus, dass ihre Leistungen häufig ungünstiger als die von Männern bewertet werden, sei dies als Managerin, Ingenieurin oder Musikerin. So wurde gezeigt, dass bei der Besetzung von Symphonieorchestern Männer solange bevorzugt wurden, bis die Kandidatinnen und Kandidaten anonym hinter einem Vorhang vorspielten.
Fazit: Ich kann guten Gewissens behaupten „Ich bin eine Quotenfrau, und das ist gut so“. Sprachjakobiner können mir diesbezüglich nicht an den Karren fahren. Diejenigen, die Quoten als sexistisch oder unwürdig bezeichnen, mögen überlegen, ob sie damit nicht Privilegien zementieren: Männer werden so vor dem Wettbewerb mit den heute super ausgebildeten Frauen geschützt. Oder darf ich das nicht sagen, weil ich kein Mann bin?
Zu guter Letzt: Ich würde mir wünschen, dass meine Argumentation dazu führt, dass Quoten im Wege der Selbstverpflichtung realisiert werden.
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