Ich bin auch grün – ich habe Urwald

Ich bin auch grün – ich habe Urwald

Bin ich nur faul oder bin ich schon grün? Ich überlasse meinen Wald sich selbst und senke damit CO2 und Hochwasser.

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von Martin Breitenstein am 28.7.2021, 10:00 Uhr
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Obschon ich mit den grünen Parteien politisch wenig am Hut habe, bin ich trotzdem grün, wie mir erst jetzt bewusst geworden ist. Ich bin qua Familienerbe stolzer Eigentümer einer Hektare Land und Kraft dieses Rechtstitels sogar Mitglied einer Alpgenossenschaft. Auf diesem Land steht zu einem grossen Teil Wald. Zu meinen Gunsten gehe ich von der wohl berechtigten Annahme aus, dass der Wald als CO2-Senke jenen CO2-Ausstoss der Alpsommer-Rinder überkompensiert. Schon lange hatte ich mich entschlossen, den Wald nicht zu bewirtschaften und sich völlig selber zu überlassen. Bis jetzt ist dieses Urwald-Konzept nicht gestört worden, mit der Ausnahme, dass der Gemeindeförster einige angeblich kranke und gefährliche Eschen entlang eines Waldweges fällte (auch hier findet die Eigentumsfreiheit an der staatlichen Hoheit ihre Grenze).
Teurer Gemeindeforst
Auf die Urwald-Idee bin ich eher aus staatsbürgerlich-ökonomischen Gründen gekommen. Als Präsident der Rechnungsprüfungskommission (RPK) meiner Wohngemeinde (sie liegt ganz woanders als mein Urwald) musste ich feststellen, dass die Erträge des Gemeindeforstes zusehends den Aufwand nicht mehr deckten und zu einem Zuschussgeschäft der Steuerzahler an die ansässigen Bauern wurden, die sich gewissermassen selbst mit Waldarbeiten für den Gemeindewald beauftragten. Die aufsichtsrechtlichen Daumenschrauben mussten wir als RPK hervorholen, als die Privatwaldbesitzer (zufälligerweise die nämlichen Bauern) auch noch aus der Gemeindekasse für die Beseitigung der vom Borkenkäfer befallenen Fichten entschädigt werden sollten.
Gestört hat mich zudem, dass der ganze Wald mit einem Netz von sogenannten Rückegassen überzogen und beschädigt wurde, auf dem die Vollernter-Ungetüme vorrücken, um Bäume wie Zündhölzer zu fällen. Die Mainstream-These der Forstleute, man müsse die Bäume möglichst rasch aus dem Wald schaffen, um einen weiteren Befall zu verhindern, habe ich nie ganz verstanden. Augenfällig ist der Borkenkäfer-Befall weiterer Fichten auch bei diesem Vorgehen nicht aufzuhalten. Bei einem derart ausgelichteten Wald fällt der nächste Sturm die übriggebliebenen Bäume, die dem Wind jetzt viel mehr Angriffsfläche bieten. Ich war immer der Meinung, man könnte die abgestorbenen Borkenkäfer-Bäume doch einfach sich selbst und der Wald einer Naturverjüngung überlassen.
Monokulturen und Bodenverdichtung
Für meine Skepsis kann ich jetzt einen angesehenen Kronzeugen aufrufen. Peter Wohlleben ist der deutsche Förster. Nach der Flutkatastrophe hat er in einem Spiegel-Interviewerklärt, wie ein gesunder Wald mit einem intakten Waldboden in der Lage ist, auch grosse Regenmengen zu speichern. Diese Speicherfähigkeit entfällt, wenn Monokulturen gefällt und der Waldboden mit schweren Harvester-Maschinen befahren und dadurch verdichtet wird. Bis zu 95 Prozent der Speicherkapazität des Bodens gehen laut Wohlleben dadurch verloren.
Was ich primär zur Schonung der Gemeindekasse verlangte, fordert Wohlleben aus ökologischen Gründen: Die abgestorbenen Bäume stehen lassen, und einfach nachwachsen lassen, was nachwächst. Diese Bäume mögen sich dereinst wohl besser zu behaupten als zum Beispiel Douglasien, die jetzt anstatt der Fichten in unseren Wäldern heimisch gemacht werden sollen.

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