Hostingfirma stellt kritischen Webseiten den Hahn ab

Hostingfirma stellt kritischen Webseiten den Hahn ab

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von Stefan Millius am 23.3.2021
Bild: Shutterstock
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Die Hostpoint AG hat drei Webseiten, deren Hosting sie betreibt, am gleichen Tag gesperrt. Sie alle wandten sich direkt oder indirekt an Kritiker der Coronamassnahmen. Eine der Seiten war von Nutzern gemeldet worden. Die beiden anderen waren aber reiner Kollateralschaden.

wirbestimmen.ch, fbschweiz.ch und unwählbar.ch: Wer seit gestern versuchte, eine der drei Webadressen zu erreichen, landete im Nichts beziehungsweise auf einer Fehlermeldung.
wirbestimmen.ch ist inzwischen wieder aktiv. Dabei handelt es sich um eine Plattform, die mit verschiedenen Hilfsmassnahmen das Zustandekommen von Volksabstimmungen unterstützt. Die anderen beiden Webseiten sind bis zu diesem Zeitpunkt aber weiter gesperrt.
Gemeinsam ist allen drei, dass ihr Hosting über die Hostpoint AG in Rapperswil-Jona läuft. Diese bezeichnet sich als «führenden Schweizer Webhosting-Anbieter und Domainregistrar», beschäftigt 75 Leute und verwaltet 800’000 Domains. Das Hosting übernimmt das Unternehmen für fast 300'000 Webseiten und Onlineshops. Für Schweizer Verhältnisse ein Riese im Geschäft.

Ohne Kontakt und Warnung

Die Deaktivierung der drei Webseiten sei per sofort und ohne Vorwarnung erfolgt, heisst es in Meldungen, die derzeit in den sozialen Medien kursieren. Auch eine Begründung für die Sperrung habe es nicht gegeben.
Dass die Hostpoint AG vorab wohl wirklich keinen Kontakt gesucht hat, zeigt ein Screenshot, in dem Hostpoint den Betreiber von unwählbar.ch bittet, er solle sich bitte selbst melden – nachdem er verdutzt bemerkt hat, dass seine Seite offline ist.
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Dieses Vorgehen ist laut Mauro Landolt, Mediensprecher der Hostpoint AG, durchaus üblich: «Bei Verstössen gegen unsere AGB wird normalerweise zuerst der gesamte Hosting-Account gesperrt, zumindest bis die Sachlage genau geklärt werden kann.»
Hostpoint prüfe die Inhalte der Seiten nicht aktiv, der Betreiber sei für diese selbst verantwortlich. Man sei am Dienstag aber verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht worden, dass über die Website unwählbar.ch Inhalte publiziert wurden, die zu Gewalt an Schweizer Politikerinnen und Politikern aufrufen. «Wir haben uns diese Seite daraufhin genauer angeschaut und leider feststellen müssen, dass die fraglichen Inhalte tatsächlich gegen unsere AGB verstossen», so Landolt. Deshalb habe man die Seite vom Netz genommen.

Unzulässige Inhalte?

Wie diese Gewaltaufrufe genau ausgesehen haben, lässt sich nun nicht mehr nachvollziehen. Ein Blick auf Screenshots, die sich in einem Webarchiv generieren lassen, zeigt: Die Seite unwählbar.ch war eher eine Spielerei als eine ernsthafte politische Seite. Man kann – oder konnte – dort Politiker bewerten und so zeigen, ob man sie für wählbar oder unwählbar hält. Was darüber hinaus dort geschah, ist nun unsichtbar.
Zwei der der drei gesperrten Seiten haben sich aber offenbar nichts zuschulden kommen lassen. Jedenfalls geht der Hostpoint-Sprecher gar nicht erst auf sie ein. Ihre Deaktivierung hat einen ganz anderen Grund. Laut Mauro Landolt können «auch mehrere Webseiten von einer Sperrung betroffen sein, wenn ein Kunde diese auf demselben Hosting unterbringt.»
So erging es fbschweiz.ch, der Webseite der «Freiheitlichen Bewegung Schweiz», kurz FBS. Diese sammelt derzeit Unterschriften für die Volksinitiative «Für Freiheit und körperliche Unversehrtheit (Stopp Impfpflicht)». Was nun schwierig sei, wie die Betreiber klagen:

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Die Hostpoint AG betreibt also eine Politik der Prävention. Sie zieht rein vorsichtshalber auch weiteren Seiten im Netz den Stecker, wenn sie von derselben Person im Rahmen desselben Accounts betrieben werden. Denn nicht die einzelnen Seiten werden gesperrt, sondern gleich das ganze Benutzerkonto des Betreibers. Man bemühe sich jedoch in so einem Fall, jeweils so schnell wie möglich die Seiten zu prüfen «und sie, sofern keine Verstösse vorliegen, wieder freizugeben», so Landolt. Mit wirbestimmen.ch scheint nach rund 24 Stunden genau das geschehen zu sein.
Konkret bedeutet das: Selbst eine Webseite über die Aufzucht von Gänseblümchen wäre Opfer einer Sperrung geworden, wenn sie sich im Portfolio desselben Kunden befunden hätte. Zumindest, bis die Hostpoint AG die Seite überprüft hat.

Von Corona profitiert

Als direkte Reaktion auf die Deaktivierung der drei Seiten kündigten in den sozialen Medien diverse Kommentatoren an, ihr bestehendes Hosting von der Hostpoint AG aus Protest abzuziehen.
Selbst wenn es dazu kommen sollte: Wirtschaftlich schmerzen werden diese einzelnen Verluste das Unternehmen kaum. Zumal es diesem glänzend geht. Gerade die Coronakrise war für die Hostingfirma ein ungewollter Glücksfall. 2020 stieg ihr Umsatz um 10 Prozent auf 24 Millionen Franken, wie letzte Woche bekannt wurde. Der Grund: Die Lockdowns haben dem Geschäft mit Webshops und Webseiten nach Baukastensystem enormen Auftrieb gegeben.
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