Hohe Erdgaspreise: Nun wird der Dünger knapp

Hohe Erdgaspreise: Nun wird der Dünger knapp

Schlechte Aussichten für 2022: Wegen der hohen Energiepreise haben viele Chemiefirmen ihre Düngemittelproduktion gedrosselt oder eingestellt. Jetzt droht eine weltweite Nahrungsmittelkrise. Der Bund hat derweil die Pflichtlager für Dünger freigegeben.

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von Alex Reichmuth am 28.12.2021, 19:00 Uhr
Ohne Düngemittel würden die landwirtschaftlichen Erträge stark zurückgehen. Bild: Keystone
Ohne Düngemittel würden die landwirtschaftlichen Erträge stark zurückgehen. Bild: Keystone
Die Welternährungsorganisation der Uno (FAO) schlägt Alarm: Wegen der explodierenden Kosten für Kunstdünger könnten die Preise für Nahrungsmittel dramatisch steigen. Der Grund für die Kostensteigerungen ist die Energiekrise, konkret der hohe Erdgaspreis. Wenn sich der Erdgasmarkt nicht bald entspanne, sagte Josef Schmidhuber, stellvertretender Direktor der FAO-Abteilung Märkte und Handel, zum «Spiegel», «haben wir ein wirklich grosses Problem». In armen Ländern könnten Ernten schrumpfen, weil Dünger für viele Bauern zu teuer geworden ist (siehe hier).

«Es ist eine Frage von Leben und Tod»

In die gleiche Kerbe schlug auch Svein Tore Holsether. Er ist Chef des norwegischen Konzerns Yara, des Weltmarktführers für Stickstoffdünger. «Es ist beängstigend. Wir stehen vor einer Nahrungsmittelkrise, und verwundbare Menschen werden sehr hart getroffen», mahnte er gegenüber dem «Spiegel». «Für einige Menschen, vor allem in Entwicklungsländern, ist es eine Frage von Leben und Tod.» Es gehe nun darum, «eine grossflächige Hungersnot zu vermeiden».
Schon seit einigen Monaten zeichnet sich ab, dass Düngemittel immer knapper werden. Der Grundstoff für die Herstellung von Dünger ist Ammoniak. Dieser wird mittels des sogenannten Haber-Bosch-Verfahrens produziert. Dabei werden Stickstoff und Wasserstoff bei hoher Temperatur und grossem Druck zu Ammoniak umgesetzt.

Dreissig mal so viel Dünger wie vor 70 Jahren

Für diesen Umwandlungsprozess sind grosse Mengen an Erdgas notwendig. Heute werden laut der FAO 121 Millionen Tonnen Stockstoffdünger auf den weltweiten Äckern und Feldern verstreut, was etwa dreissig mal so viel ist wie vor 70 Jahren. Das Haber-Bosch-Verfahren beansprucht darum bis zu drei Prozent der weltweiten verbrauchten Energie.

Erdgas ist in diesem Jahr wegen weltweiten Engpässen um bis zu 500 Prozent teurer geworden.


Entsprechend macht Erdgas etwa 80 Prozent der Herstellungskosten von Ammoniak aus. Erdgas ist in diesem Jahr wegen weltweiten Engpässen um bis zu 500 Prozent teurer geworden. Für viele Produzenten lohnt sich die Herstellung von Dünger darum nicht mehr. Sie haben die Produktion gedrosselt oder ganz eingestellt.

Ausfuhrquoten für Dünger in China und Russland

Schon im September mussten das norwegische Unternehmen Yara, die CF Industries in den USA und mehrere britische Unternehmen die Herstellung zurückfahren. Im Dezember kündigte der grösste rumänische Düngemittelhersteller Azomures eine Produktionskürzung an. Auch die litauische Achema, die niederländische OCi Nitrogen, die spanische Fertiberi, die österreichische Borealis, die deutsche BASF und die ebenfalls deutschen SKW Stickstoffwerke Piesteritz haben die Produktion gedrosselt.
In China und Russland, den grössten Stickstoffexporteuren der Welt, gelten seit dem 1. Dezember Ausfuhrquoten für Dünger. China hat gar so strenge Exportauflagen verfügt, dass es kaum mehr möglich ist, Düngemittel ins Ausland zu bringen.

Ammoniak ist dreimal teurer geworden

Die Produktions- und Lieferkürzungen haben die Ammonikpreise auf Rekordhöhen gehievt. Diese sind innert Kürze auf das Dreifache gestiegen. Entsprechend ist Kunstdünger teuer geworden. In Deutschland etwa sind die Preise seit Jahresbeginn um 200 Prozent in die Höhe gegangen.

Gemäss dem Onlineportal «Blackout News» befürchten Experten im nächsten Jahr einen Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge um 30 bis 40 Prozent.


In der Europäischen Union hat Brüssel nur noch wenige Monate Zeit, um den Düngermangel zu beheben. Denn im Frühjahr sollten die Bauern mit der Ausbringung von Dünger starten. Auch weltweit besteht das Risiko, dass sich Landwirte keine Düngemittel mehr leisten können und darum die Ernten ausfallen. Gemäss dem Onlineportal «Blackout News» befürchten Experten im nächsten Jahr einen Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge um 30 bis 40 Prozent (siehe hier).

Die Schweiz ist völlig von Düngerimporten abhängig

Höhere Düngerkosten und kleinere Ernten bedeuten höhere Preise für Lebensmitteln. Bereits in diesem Jahr sind Nahrungsmittel um 27 Prozent teurer geworden – insbesondere wegen Lieferunterbrüchen, verursacht durch die Corona-Lockdowns. Weitere Preissteigerungen könnten das weltweite Hungerproblem verschärfen.
Auch in der Schweiz hat der Dünger-Engpass Konsequenzen: Am 20. Dezember hat der Bund beschlossen, ab Mitte Januar 2022 die Pflichtlager an Düngemitteln freizugeben (siehe hier). Die Schweiz hat keine eigene Produktion an Dünger und ist darum vollständig auf Importe angewiesen.
In der Schweiz gibt es 15 Halter von Pflichtlagern, in denen rund 17’000 Tonnen Reinstickstoff aufbewahrt sind. Gemäss dem Bund entspricht diese Menge rund einem Drittel des Bedarfs einer Vegetationsperiode.

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