Hochwasser in Deutschland: Der Klimawandel als Ausrede für das Versagen beim Katastrophenschutz

Hochwasser in Deutschland: Der Klimawandel als Ausrede für das Versagen beim Katastrophenschutz

Der Klimawandel sei schuld an den vielen Unwetter-Toten, beteuern deutsche Politiker. Doch jetzt mehren sich Stimmen, die das Versagen der Behörden bei der Katastrophenvorsorge anprangern. Statt auf die Erderwärmung zu verweisen, hätte man gescheiter Hochwasserschutz betrieben.

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von Alex Reichmuth am 20.7.2021, 12:00 Uhr
Riesige Zerstörungen im Landkreis Rhein-Erft.
Riesige Zerstörungen im Landkreis Rhein-Erft.
Als die Menschen noch als Naturvölker lebten, glaubten sie, die Götter würden sie bestrafen, wenn Naturgewalten über sie hereinbrachen. Heute scheint es ähnlich zu sein: Wenn immer sich Unwetter und Katastrophen ereignen, sind viele Menschen überzeugt, sie hätten sich an der Natur versündigt, und diese würde sich in Form des Klimawandels rächen.
Als Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Ende letzte Woche in ihr vom Unwetter schwer getroffenes Bundesland geeilt war, sagte sie, eine solche Katastrophe habe die Region noch nie gesehen. Es gebe nun «keine Zeit mehr zu verlieren beim Klimaschutz», lautete ihre Losung. Auch Armin Laschet, Ministerpräsident des ebenfalls schwer gezeichneten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen und Kanzlerkandidat der CDU/CSU, machte den Klimawandel verantwortlich für die Zerstörungen. «Das bedeutet, dass wir bei den Massnahmen zum Klimaschutz mehr Tempo brauchen – europäisch, bundesweit, weltweit.» (siehe Artikel hier). Von Katastrophenschutz sprach er nicht.

«Klimaschutz schneller vorantreiben»

Kanzlerin Angela Merkel (CDU), am Sonntag eilig ins Katastrophengebiet in der Eifel gereist, kam ebenfalls sogleich auf den Klimawandel zu sprechen. Man müsse künftig den Klimaschutz schneller vorantreiben, «als wir das in den letzten Jahren gemacht haben», mahnte sie. Immerhin fügte sie an, dass es auch einen besseren Katastrophen- und Hochwasserschutz brauche.

«Unfassbare Ignoranz ermöglichte erst die Katastrophe.»

«Die Welt»

Die Unwetter in Deutschland haben bis jetzt rund 160 Todesopfer gefordert. Es mehren sich nun die Stimmen, laut denen diese Opfer weniger dem Klimawandel anzurechnen seien, sondern ganz konkret der mangelhaften Katastrophenvorsorge. Die Behörden werden kritisiert. Scharf kritisiert.

«Auf dem Stand eines Entwicklungslandes»

«Unfassbare Ignoranz ermöglichte erst die Katastrophe», titelte die «Welt» – und schrieb, der Katastrophenschutz in Deutschland sei auf dem Stand eines Entwicklungslandes. «Ein unglaublicher Skandal.»
Entwicklungsländern wie Bangladesch und Mosambik sei es gelungen, die Zahl der Opfer binnen weniger Jahrzehnte drastisch zu reduzieren, teils mit deutscher Entwicklungshilfe, schrieb die Zeitung. «Deutschland selbst aber scheitert daran, seine Bürger vor den im globalen Vergleich eher harmlosen Naturereignissen im eigenen Land zu schützen.» Zu suggerieren, das Unwetter wäre ohne Klimawandel wesentlich anders verlaufen, oder Klimaschutz würde solche Katastrophen verhindern, sei falsch. «Die Ausrede dient Politikern zur Entlastung von eigener Verantwortung und nützt den Trittbrettfahrern der Klimakrise.»

Bevölkerung nicht rechtzeitig gewarnt

Die Kritik an der Katastrophenvorsorge besteht vor allem darin, dass es solche Hochwasser-Ereignisse in Deutschland in der Vergangenheit immer wieder gegeben habe, die Vorkehrungen dagegen aber ungenügend gewesen seien. Insbesondere sei die Bevölkerung nicht rechtzeitig und ausreichend vor den anstehenden Wassermassen gewarnt worden.

«Der öffentlich-rechtliche Rundfunk spielte Pop-Musik, als Hunderte Menschen von Fluten hinweggerissen wurden, als Häuser einstürzten, Dörfer niedergewalzt wurden.»

«Bild»

Schon am Freitag hatte die «Bild»-Zeitung das Versagen des Katastrophenschutzes angeprangert. «Sirenen blieben vielerorts stumm. Warndurchsagen gab es kaum. Lautsprecherwagen blieben zu oft in den Depots. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk spielte Pop-Musik, als Hunderte Menschen von Fluten hinweggerissen wurden, als Häuser einstürzten, Dörfer niedergewalzt wurden.» Deutschland könne die einfachsten Dinge nicht mehr, so «Bild». «Alarmketten sind zerrissen.»

«Erhebliches Systemversagen»

Auch Michael Theurer, Fraktions-Vizevorsitzender der FDP, machte schwere Versäumnisse beim Bevölkerungsschutz geltend. «Die rechtzeitigen Warnungen der Meteorologen sind weder von den Behörden noch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk hinreichend an die Bürgerinnen und Bürger kommuniziert worden», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Es bietet sich das Bild eines erheblichen Systemversagens.»
Kritik kommt auch aus dem Ausland. Schon mehrere Tage vor der Katastrophe sei den deutschen Behörden eine Serie von präzisen Prognosen aufgrund von Satellitendaten übermittelt worden, schrieb die britische «Sunday Times». «Aber obwohl 24-Stunden-Warnungen ziemlich genau voraussagten, welche Landkreise am schlimmsten betroffen werden, wenn der Regen kommt», so die Zeitung, «erwischte die Flut viele ihrer Opfer völlig unvorbereitet».

«Monumentales Versagen»

Von einem «monumentalen Versagen» der Behörden sprach Hannah Cloke, Professorin für Hydrologie an der britischen Reading University. Sie hätte erwartet, dass Anwohner in Sicherheit gebracht worden wären. Aber die Bürger hätten die Warnung anscheinend gar nicht erhalten. «Das ist sehr, sehr ernst», sagte Cloke.

«Unsere Warninfrastruktur hat geklappt im Bund. Der Deutsche Wetterdienst hat relativ gut gewarnt.»

Armin Schuster, Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe

Armin Schuster, Leiter des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, verteidigte das Handeln der Behörden, so gut es ging. «Unsere Warninfrastruktur hat geklappt im Bund. Der Deutsche Wetterdienst hat relativ gut gewarnt», sagte er gegenüber ZDF. «Wir haben 150 Warnmeldungen über unsere Apps, über die Medien ausgesendet.» Klar sei aber, so Schuster weiter, dass nur ein Teil der Bevölkerung mit Sirenengeheul alarmiert wurde.

«Wer differenziert, wird als Klimaleugner diskreditiert»

Die «Welt» ging im erwähnten Artikel auf einen «Nationalen Warntag» im letzten September ein, an dem die Reaktion von Behörden auf eine simulierte Naturgefahr getestet werden sollte. Diese Übung habe im Desaster geendet. «Das Schutzsystem versagte, nicht mal Handy-Meldungen wurden pünktlich verschickt.» Jetzt räche sich, dass Sirenen abmontiert wurden, deren Heulen früher unmissverständlich auf Gefahren hingewiesen habe.
Doch die Klimadebatte in Deutschland ersticke jeden konstruktiven Diskurs über Umweltgefahren, so die «Welt» weiter. «Die globale Erwärmung ist hierzulande kein wissenschaftlich-technisches Thema mehr, sondern Teil eines gesellschaftlichen Kulturkampfes.» Die Warnung vor dem Klimawandel diene der politischen Einordnung, «wer differenziert, wird als Klimaleugner diskreditiert».

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