Hochseefischerei: Ozeane in Not

Hochseefischerei: Ozeane in Not

image
von Alex Reichmuth am 21.4.2021, 17:00 Uhr
Bild: Shutterstock
Bild: Shutterstock
  • Netflix
  • Wirtschaft
  • Umwelt
  • Fischerei

Ein Netflix-Film, der die Zerstörung der Meere anprangert, erfreut sich grosser Beliebtheit. Tatsächlich ist die Überfischung ein drängendes Umweltproblem. Der gänzliche Verzicht auf Fischkonsum, wie vom Film empfohlen, ist hingegen kaum ein gangbarer Weg.

«Seaspiracy» gibt zu Reden. Seit Wochen zählt der Dokumentarstreifen des Umweltaktivisten Ali Tabrizi zu den beliebtesten Angeboten bei Netflix. Der Film ist eine einzige Anklage gegen die Hochseefischerei. In drastischen Bildern und emotionalen Worten prangert er die Überfischung und die Zerstörung der Meere an. Nachhaltigkeits-Labels wie MSC oder Dolphin Save seien ein Schwindel. Es gebe keine umweltverträgliche Jagd auf Fische. Wenn es so weitergehe, prophezeit der Film, seien die Meere bis 2048 leergefischt. Auch Aquakulturen, wo Fische gezüchtet werden, seien enorm schädlich für die Ozeane. Der einzige Ausweg, um die Zerstörung und die dunklen Machenschaften der Fischerei-Industrie zu stoppen, sei der vollständige Verzicht auf den Konsum von Fischen und Meeresfrüchten.
Wie steht es wirklich um die Weltmeere? Wie gravierend ist das Problem der Überfischung? Die Uno-Welternährungsorganisation FAO trägt regelmässig die aktuellsten Daten zusammen. In ihrem Bericht «The State of World Fisheries and Aquaculture» von 2020 kam die FAO zum Schluss, dass 34,2 Prozent der weltweiten Fischbestände überfischt sind. Zwei Jahre zuvor waren es erst 33,1 Prozent gewesen. Weitere fast 60 Prozent der Bestände seien bis an ihre biologischen Grenzen befischt. Nur 6,2 Prozent der Fischbestände seien nicht bis an den Rand ihrer Möglichkeiten genutzt. Der globale jährliche Konsum an Fisch und Meeresfrüchten hat sich gemäss FAO seit 2018 von 20,1 Kilogramm auf 20,5 Kilogramm pro Kopf erhöht.

Überfischung noch weit schlimmer?

Dabei sind die Zahlen der Uno-Organisation möglicherweise sogar untertrieben. Zu diesem Schluss kamen 2016 zumindest amerikanische Forscher. Aufgrund von Daten von 200 Ländern aus den Jahren 1950 bis 2010 schätzten sie die tatsächlichen Fangmengen im Schnitt um 53 Prozent höher ein als die von der FAO ermittelten. Statt wie die FAO nur die Anlandungen - das, was die Fischer an Land bringen - zu beachten, hatten die Wissenschaftler auch die grossen Mengen an Beifang berücksichtigt, der noch auf hoher See über Bord geworfen wird, sowie die Fänge der Sportfischerei.
Eine andere Studie amerikanischer Wissenschaftler, die rund 78 Prozent der weltweiten Mengen an Fischfang erfasste, stufte vor fünf Jahren sogar zwei Drittel der Fischbestände als übernutzt ein. Nur bei einem Drittel der über 4700 untersuchten Fischereien konnten die Forscher Anzeichen für nachhaltige Bewirtschaftung feststellen. Bis in etwa 30 Jahren könnten 90 Prozent aller kommerziell genutzten Fischbestände erschöpft sein, so das Fazit.
Für Corina Gyssler vom WWF ist die kommerzielle Fischerei ebenfalls ein Problem - auch in Europa. «In Nordeuropa sind circa 40 Prozent der Bestände überfischt, im Mittelmeer etwa 75 Prozent», sagt die Sprecherin der Umweltschutzorganisation. Ein Beispiel für teilweise kollabierte Bestände seien die Kabeljau-Populationen in der Nord- und Ostsee. In den USA und in Nordeuropa nehme die Überfischung dagegen tendenziell ab, während sie vor allem im globalen Süden eher zunehme. Insbesondere der Einsatz von Grundschleppnetzen stelle eine Bedrohung des Ökosystems Meer dar. «Dabei wird der Meeresboden umgepflügt», so Gyssler. Das beschädige Lebensgemeinschaften, die am Boden lebten.

Keine Kontrollen des Beifangs

Gravierend sei auch das Problem des Beifangs - also von Meerestieren, die unbeabsichtigt mitgefangen werden. «Zwar gibt es eine Vielzahl an technischen Massnahmen, um Beifang zu vermindern. Häufig fehlt aber die gesetzliche Vorgabe, diese einzusetzen, oder es wird nicht ausreichend kontrolliert», hält Corina Gyssler fest. Insgesamt sei dringend erforderlich, dass global ein besseres Fischereimanagement eingeführt werde, damit nicht noch mehr Fischbestände kollabierten.
Auch für Michael Krützen, Meeresforscher und Professor an der Universität Zürich, stellt die Überfischung eine der grössten Bedrohungen für die Weltmeere dar. «Das industrielle Fischen mit riesigen Fabrikschiffen gefährdet besonders die Fischbestände, die in der Nahrungskette oben stehen - wie Haie, Schwertfische und Thunfische.» Ein Rückgang solcher Arten wirke sich auf das Ökosystem stark negativ aus, da diese ihre Beutearten regulierten. Weniger problematisch sei die Bejagung von Arten, die in der natürlichen Nahrungskette weiter unten stehen, wie Sardinen oder Tintenfische. «Diese zeichnen sich durch höhere Reproduktionsraten aus als Arten, die über ihnen stehen», sagt Krützen.
Er erachtet Grundschleppnetze ebenfalls als «riesiges Problem», da mit deren Einsatz der Ozeanboden als Habitat zerstört werde. Was den unerwünschten Beifang angehe, gebe es zwar einige Verbesserungen, zum Beispiel in den USA. «Das Problem ist jedoch, dass dies alles auf dem offenen Meer geschieht, wo niemand hinschauen kann.» Um nachhaltige Fischerei zu gewährleisten, sei die Durchsetzung von Fangquoten zentral, so Michael Krützen. Das scheitere aber vielerorts. «In manchen Ländern fahren die Fischereiministerien meines Erachtens einen zu nahen Schmusekurs mit der Industrie.»

«Pauschale Schwarzmalerei»

Einen etwas anderen Blick auf die Fischerei hat Christopher Zimmermann, Leiter des Instituts für Ostseefischerei im deutschen Rostock. Die Situation der Meere sei keinesfalls hoffnungslos und weit weniger dramatisch, als sie oft beschrieben werde, sagte er in einem Interview gegenüber «Welt kompakt». «Durch die pauschale Schwarzmalerei und die vielen schon totgesagten Fischbestände hört dann keiner mehr hin, wenn es wirklich kritisch wird.» Die meisten Nahrungsmittel auf dem Meer seien deutlich nachhaltiger produziert als fast alles, was aus der Produktion an Land komme, meinte Zimmermann. «Wilde Meeresfische wurden, bevor sie auf unserem Teller landen, nicht gemästet und sind in Freiheit aufgewachsen - mehr Bio geht nicht.» Überfischung sei vor allem ein Bewirtschaftungsproblem, das durch ein besseres Management gelöst werden könne.
Dennoch: In den Augen der meisten Fachpersonen ist die Überfischung ein real existierendes Problem - wenn diese auch da und dort als nicht so dramatisch dargestellt wird wie im Film «Seaspiracy». Im Gegensatz zu den Produzenten des Films ist der komplette Verzicht auf den Verzehr von Meerestieren aber für kaum jemanden ein gangbarer Weg. «Ich halte das für unrealistisch», sagt Michael Krützen von der Universität Zürich. Ähnlich wie bei Fleisch müsse der Trend aber weggehen von Billigprodukten.
In vielen Ländern ist Fisch immens wichtig für die Ernährungssicherheit. Jährlich werden rund 90 Millionen Tonnen an Meerestieren aus den Ozeanen gezogen. «Fisch deckt den täglichen Proteinbedarf von drei Milliarden Menschen weltweit», betont Corina Gyssler vom WWF. Es sei daher kaum machbar, die Probleme der Ozeane dadurch zu lösen, dass keiner mehr Meerestiere konsumiere.
Ähnliche Themen