Somms Memo

Herzog oder Baume-Schneider? Die Jurassierin holt auf. Man ist verliebt in die Bauerntochter

image 30. November 2022, 11:00
Eva Herzog (SP, BS) und Elisabeth Baume-Schneider (SP, JU), Bundesratskandidaten: Aus dem Spaziergang wird ein Marathon.
Eva Herzog (SP, BS) und Elisabeth Baume-Schneider (SP, JU), Bundesratskandidaten: Aus dem Spaziergang wird ein Marathon.
Die Fakten: Elisabeth Baume-Schneider und Eva Herzog wollen für die SP in den Bundesrat. Die Ausgangslage ist offener als erwartet. Warum das wichtig ist: Links sind beide. Vielleicht sogar sehr links. Deshalb überlegen sich immer mehr Bürgerliche, wer netter ist. Herzog ist es nicht.
Elisabeth Baume-Schneider war Mitglied der Revolutionären Marxistischen Liga, der RML, bevor sie zur SP stiess. Das waren die Trotzkisten, und ich kann das beurteilen, weil mir hin und wieder nachgesagt wird (auch auf Wikipedia), ich sei früher einmal ein Trotzkist gewesen.
  • Das war ich nicht, sondern einfach links, – aber ich hatte viele Freunde bei den Trotzkisten, und bis heute verstehe ich das gut, weil Trotzkisten interessante, da dissidente Linke waren, meistens klug, meistens blitzgescheit
  • aus dieser Zeit schätze und kenne ich Leute wie Jo Lang, einst grüner Nationalrat aus Zug, oder Serge Gaillard, ehemaliger Direktor der Eidgenössischen Finanzverwaltung, – kluge, blitzgescheite Leute

Ob Baume-Schneider auch dazu zählt, weiss ich nicht. Wenn man allerdings ihr Interview liest, das sie heute der NZZ gegeben hat, dann wird jedenfalls klar, dass sie immer noch
  • sehr links steht
  • Gewiss, anders als Leo Trotzki (1879-1940), der ferne, russische Gründungsvater der Trotzkisten, glaubt sie wohl nicht mehr an die «Theorie der permanenten Revolution» noch an die Weltrevolution, was Trotzki seinerzeit ja von Stalin trennte, der ihn dafür umbringen liess (mit einem Eispickel, in Mexiko)
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Links? Baume-Schneider will das AHV-Rentenalter nicht erhöhen, dafür Klimaflüchtlinge aufnehmen, sie findet einen EU-Beitritt erstrebenswert («warum nicht?»), sie hält die Lage der Bundesfinanzen für unbedenklich, sie sieht eigentlich nirgendwo Probleme, und wenn sie es doch gibt, dann will sie sie im Geld ertränken. Ein Best of der Verantwortungslosigkeiten: «Die Corona-Massnahmen waren eine Investition in die Schweizer Wirtschaft.» «Es ist kein Drama, wenn die Schuldenbremse vorübergehend nicht eingehalten wird und die Schweiz für eine kurze Zeit defizitär ist.» In einem Wort: Ich habe selten so viele weltfremde, aber auch gedankenlose Aussagen gehört wie in diesem Interview. Man gewinnt den Eindruck, Baume-Schneider sei nicht viel älter geworden, seit sie sich in ihrem jugendlichen Enthusiasmus einer Bewegung angeschlossen hatte, deren Gründer (Trotzki) auch die Konzentrationslager in der Sowjetunion erfunden hat. Corona-Massnahmen als Investition in die Wirtschaft?
  • Man hat Milliarden ausgegeben, um Leute dafür zu bezahlen, dass sie nicht mehr arbeiten durften
  • Wenn es nach der Linken ginge, wäre es schon eine Investition, wenn ich Leute dafür bezahle, dass sie Banknoten in ihrem Garten verbrennen

Wer sich im Parlament umhört, stellt jedoch fest, dass viele Bürgerliche zusehends wohlwollender von Baume-Schneider sprechen – der noch vor kurzem unbekannten Ständerätin aus dem Jura
  • Man mag sie
  • fröhlich, mit gutem Schweizerdeutsch
  • Eine Bauerntochter, die weiss, wie es auf dem Bauernhof aus dem Güllenloch dampft, und wohl auch weiss, wie man einen Traktor wendet
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Links oder sehr links? Pipifax. Manchem Bürgerlichen ist das einerlei – zumal Eva Herzog, Ständerätin von Basel-Stadt und Konkurrentin von Baume-Schneider, in den letzten drei Wochen alles getan hat, um auch den letzten Trotzkisten, Marxisten, Leninisten, Maoisten und Juso davon zu überzeugen, wie links sie steht.
  • Sie hätte wohl die Fassaden auf dem Novartis-Campus mit einschlägigen Parolen besprayt, wenn das ihre linken Credentials verbessern würde
  • «Anarchie ist machbar, Frau Nachbar!» Mit den besten Empfehlungen, Dr. Eva Herzog
  • Statt sich krypto-bürgerlich und «vernünftig» zu geben, (wie seinerzeit Simonetta Sommaruga) wirkt Herzog nun linksdogmatisch – also genau gleich wie Baume-Schneider, aber ohne deren agrarischen Charme

Kurz, es könnte knapp werden für die ehemalige Favoritin Eva Herzog. Was für eine Tragödie für sie, die seit Jahren Bundesrätin werden will, was für eine Tragödie für Basel, das im Parlament inzwischen beliebter ist als Eva Herzog. Das Drama der ungeliebten Ständerätin.
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Leo Trotzki (1875-1940): Vordenker und Massenmörder.
Wen wählen die Bürgerlichen? Diese Frage ist viel offener – als sie es vor noch wenigen Tagen schien. Die Wahl findet in genau einer Woche statt. Schon Leo Trotzki, das kluge Ungeheuer, riet: «Vielleicht kann ich die Wahrheit finden, indem ich die Lügen vergleiche.» Ich wünsche Ihnen einen anregenden Tag Markus Somm

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