Heiratsstrafe, Frauenbuckel und andere Missbildungen

Heiratsstrafe, Frauenbuckel und andere Missbildungen

Manche politischen Kampfbegriffe machen einfach keinen Sinn – oder sie sind veraltet.

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von Gottlieb F. Höpli am 19.3.2021, 10:58 Uhr
Ist es nicht seltsam, wie negativ in der Politik zurzeit über das traditionelle Zusammenleben von Mann und Frau (Pardon: Frau und Mann) gesprochen wird? Ausgerechnet jene Partei, welche die von der katholischen Kirche einzig anerkannte Form des menschlichen Zusammenlebens hochhält, hat den Begriff «Heiratsstrafe» so lange propagiert, bis er in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist. Wie, wenn Heiraten eine Strafe wäre. – Die Linke wiederum reitet schon so lange auf dem Buckel der Frauen herum, dass man sich ernstlich Sorgen machen muss über die Gesundheit der besseren Hälfte der Bevölkerung.
Dass inzwischen jeder Redaktionsvolontär mit diesen Begriffen jongliert, als hätte er ihn mit der Elternmilch (früher: Muttermilch) eingesogen, heisst aber noch lange nicht, dass jede(r) deren Bedeutung auch richtig verstanden hat. Der Frauenbuckel ist ein Phänomen, das zwar im Zusammenhang mit dem Alter steht. Er ist aber auf den Plätzen und Strassen unseres Landes umso weniger zu sehen, je lauter er im Palais Fédéral beschworen wird. Ganz im Gegensatz zu jenen Zeiten, als das Durchschnittsalter der Menschen hierzulande keine 70 Jahre betrug, die Menschen also noch keine fünf Jahre lang Altersrenten bezogen. Bei einem Rentenalter von 65 Jahren, für beide Geschlechter notabene. Da sah man sie noch, die von Arbeit und Mühsal gebeugten Gestalten.
Nein, der Buckel der Frauen ist ein arg strapazierter Kampfbegriff der gewerkschaftlichen und linken AHV-Sozialpolitiker. Und heisst nicht, dass Frauen bucklig werden, weil sie heute statistisch gesehen nach dem Eintritt ins Rentenalter noch über 20 Jahre lang leben. Übrigens: Nur böse Mäuler behaupten, einige unserer nationalen Polit-Dinosaurier hätten ihre ganze lange Karriere auf dem Buckel der Frauen verbracht.
Und nein, die Heiratsstrafe ist kein Stammtisch-Synonym für das Ehejoch, das Männer am Stammtisch beseufzen. Dass sie allein mit ungerechten Steuern zu tun hat, wie es aus der selbsternannten politischen Mitte tönt, ist aber ebenfalls nur ein Teil der Wahrheit. Das Bundesgericht hat nämlich soeben eine andere, sehr reale Heiratsstrafe gemildert. Die jene Männer ereilt, die bisher nach der Scheidung weiterhin den Lebensunterhalt ihrer geschiedenen Ehegattinnen bis an deren Lebensende bestreiten mussten. Weil ihr ja nicht zuzumuten sei, für einen Teil des eigenen Lebensunterhalts aufzukommen. Auch dann übrigens, wenn es die Frau war, die sich aus dem Bund fürs Leben verabschiedete.
Dass es Kämpferinnen und Kämpfer für die Gleichberechtigung gewesen seien, welche die Rolle der Ehefrau als unselbständiges Anhängsel des Mannes am lautesten kritisiert haben, ist aber leider nur ein Gerücht. Ebenso wie jenes, wonach die enragiertesten Befürworterinnen der Gleichberechtigung an vorderster Front für das gleiche Rentenalter agitierten. Gleichheit ja. Aber man soll es auch nicht übertreiben.
Wo kämen wir denn hin, wenn in den feurigen Plädoyers für gleiche Rechte jedesmal auch noch die gleichen Pflichten erwähnt werden müssten! Man soll sein Publikum schliesslich nicht überfordern.

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