Gymnasial-Reform: Mehr Fächer, mehr Inhalt, mehr Selbstständigkeit – kann das gut gehen?

Gymnasial-Reform: Mehr Fächer, mehr Inhalt, mehr Selbstständigkeit – kann das gut gehen?

Die Änderungen, die bereits ab 2023 gelten werden, dürften einschneidend werden. Die Gefahr, dass im Wust der Vorschläge die eigentlichen Probleme vergessen gehen, scheint gross.

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von Sebastian Briellmann am 26.10.2021, 18:00 Uhr
Wie soll das Gymnasium in Zukunft aussehen? Cartoon: Clemens Ottawa
Wie soll das Gymnasium in Zukunft aussehen? Cartoon: Clemens Ottawa
Daniel Siegenthaler ist kein Mann, den man aktuell übermässig beneiden muss, ist er doch mit der vertrackten Situation konfrontiert, dass so viele etwas von ihm verlangen – und dem allem beizukommen ein Ding der Unmöglichkeit bedeutet. Siegenthaler ist Co-Projektleiter der Gymnasialreform, die nicht nur einschneidend werden dürfte, sondern auch bereits 2023 greifen muss. Die Zeit wird knapp.
Involviert in die Umkrempelung der Schweizerischen Oberschulen sind viele Anspruchsgruppen: Bildungsprofis, Lehrer, Rektoren, Politik, Verbände, Wirtschaftsvertreter – die NZZ schreibt von «Hunderten Experten», die wohl Tausende Wünsche vorbringen.
Siegenthaler scheint das wenig zu kümmern. Er lächelt oft, bevor er antwortet, spricht mit ruhiger Stimme abgeklärte Sätze. Er sagt: «Es ist ein straffer Zeitplan. Aber es ist machbar.» Im Frühling ist die offizielle Vernehmlassung beim Bund beziehungsweise bei der Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren angesetzt. Dann muss die Reform aufgegleist sein.

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Eine einfache Aufgabe ist das nicht. Anforderungen gibt es viele: neue Fächer, mehr Einbindung von sogenannten Megatrends, dafür weniger Lektionen in anderen Unterrichtseinheiten, mehr Gewicht für Abschlussprüfungen (im Vergleich zu den Erfahrungsnoten), vielleicht sogar ein komplett neuer Aufbau der vier Jahre im Gymnasium. Und dennoch sagt Siegenthaler: «Was wir fürs Gymnasium brauchen, ist eine Reform, aber keine Revolution.» Genau danach klingt es allerdings – das weiss auch Siegenthaler, der sich alle Mühe gibt, Zweifel zu zerstreuen.
Weil der aktuelle Rahmenlehrplan seit 1994 und das Reglement seit 1995 gelte, sind die aktuellen Bestimmungen laut Siegenthaler nicht mehr alle zeitgemäss – also «müssen die Entwicklungen der letzten knapp 30 Jahre und auch die kommenden Herausforderungen» besser abgebildet werden.
Das mögen nachvollziehbare Beweggründe sein. Wer sich jedoch mit den letzten grossen Reformen (Lehrplan 21 oder der KV-Umgestaltung) beschäftigt hat, der ahnt zumindest, dass auch beim Umbau der Gymnasien einige Probleme auftreten könnten, die es ohne die Reform gar nicht gäbe.

«Ich möchte aber betonen, weil es oft missverstanden wird: Es würde nicht viel mehr Lektionen geben für die künftigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.»

Daniel Siegenthaler, Co-Projektleiter der Gymnasialreform

Bekannt sind folgende Ideen: Informatik, Wirtschaft und Recht und Philosophie werden zu Grundlagenfächern. Musik und Bildnerisches Gestalten sollen beide obligatorisch sein (und nicht nur eines, die Wahlmöglichkeit fällt weg). Zudem könnten Sport und Religion bewertete Fächer werden. Im Gegenzug müssten wohl die Sprachen auf Lektionen verzichten.
Das sorgt bei Lehrern bereits für Verstimmung. Sie fürchten sich vor überladenen Stundenplänen, in der NZZ spricht ein Rektor von einer «Schnellbleiche», die es dann in vielen Grundlagenfächern gebe. Man habe, vermutet er, wohl zu viel Angst, ein Fach wegzulassen. Siegenthaler kennt diese Bedenken, teilt sie aber nicht. Er sagt: «Bei gewissen Fächern geht es nur um den Status – ob ein Fach also für das Maturitätszeugnis zählt oder nicht, zum Beispiel bei Wirtschaft und Recht und Informatik. Ich möchte aber betonen, weil es oft missverstanden wird: Es würde nicht viel mehr Lektionen geben für die künftigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.»
Franz Eberle, emeritierter Professor für Gymnasial- und Wirtschaftspädagogik an der Universität Zürich, der als Experte ebenfalls in die Reform involviert ist, spricht sich dezidiert dafür aus, dass Informatik und Wirtschaft und Recht im Zeugnis mit einer zählenden Maturanote erscheinen. «Ich habe schon 1995 zusammen mit dem Schweizerischen Verein für Informatik in der Ausbildung (SVIA) auf die Wichtigkeit eines Fachs Informatik hingewiesen. Leider erfolglos.» Die Begründung: Durch die Verwendung des Computers in allen Fächern liessen sich die Ziele des Informatikunterrichts auch ohne eigenes Fach erreichen. «Das war ein Irrtum!»

«Wichtig ist, dass Themen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und politische Bildung einbezogen werden sollen – nicht als neue Fächer, sondern in bestehenden Fächern.»

Daniel Siegenthaler, Co-Projektleiter der Gymnasialreform

Dass das Gymnasium sich solchen Entwicklungen nicht entziehen kann, ist verständlich. Aber: Sollte dem so sein, muss an Fächern mit vielen Lektionen (Sprachen, Mathematik) plötzlich geschmürzelt werden – inhaltlich kommen aber weitere Ziele dazu, die sich auf den erwähnten Megatrends ableiten. Auch wenn noch nichts spruchreif ist, sagt Siegenthaler: «Wichtig ist, dass Themen wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und politische Bildung einbezogen werden sollen – nicht als neue Fächer, sondern in bestehenden Fächern.»
Geht das alles zusammen, ist mehr wirklich mehr? Zweifel sind angebracht. Auch Eberle sagt, dass man nicht sagen könne, wie viel Fächer es objektiv wirklich brauche («Es gibt zu wenig Studien dazu»). Ist es jugendgerecht, dass man Fächer belegen muss, die man nicht mag? Sollte man sich nicht spezialisieren dürfen?
Eberle sagt: «Klar ist, dass das Prinzip der Fächerbreite als Voraussetzung für die Erreichung der Ziele der allgemeinen Studierfähigkeit und der vertieften Gesellschaftsreife unabdingbar ist. Aber man kann durchaus darüber streiten, ob mehr Wahlfächer zugelassen werden sollten, um sich dort vertieftes Wissen anzueignen.» Was das aber genau heisst: Diese Frage bleibt weiter unbeantwortet.

«Ich würde es begrüssen, wenn der Schwerpunkt später gewählt wird als bisher; man ist bereits näher beim Studium, es wird relevant und deshalb wird reflektierter ausgewählt.»

Stefan Wolter, Bildungsexperte

Dafür darf ein weiteres Unterrichtselement wenig überraschend nicht fehlen: Die Schüler sollen «selbstorganisiert lernen», SOL genannt. Dass dieser Begriff in den Schulen dieses Landes für viel Lacher sorgt und von den Teenagern in «Schüler ohne Lehrer» umbenannt worden ist: Das spielt offensichtlich keine Rolle, eisern hält man an diesem scheinbaren Erfolgsrezept fest. Siegenthaler sagt in Bezug auf die Gymnasialreform: «Selbstständiges Arbeiten ist eine wichtige Kompetenz, die von Gymnasium-Abgängerinnen und -abgängern erwartet wird. Das müssen wir auch in Zukunft weiter fördern.»
Aber das ist noch längst nicht alles: Einschneidende Veränderungen könnte auch ein neues System des – in den meisten Kantonen vier Jahre dauernden – Gymnasiums mit sich bringen: das Stufenmodell. Zwei Jahre Grundbildung, zwei Jahre Vertiefung mit der Wahl des Schwerpunkts.
Eberle ist ein Befürworter dieser Idee. Er sagt: «Wir sehen zum Beispiel im Kanton Aargau, dass das geht, und die Gymnasiasten gut ausgebildet sind, auch wenn der Schwerpunkt nur zwei Jahre dauert. Da möchte ich auch gleich ein Missverständnis klären: Die Anzahl Lektionen für das Schwerpunktfach sollen in diesem Modell nicht etwa halbiert werden, sondern die gleiche Zahl soll auf nur zwei Jahre verteilt werden. Das würde grössere Unterrichtgefässe für vertieftes Lernen ermöglichen.»
Das sieht auch Bildungsexperte Stefan Wolter so: «Ich würde es begrüssen, wenn der Schwerpunkt später gewählt wird als bisher; man ist bereits näher beim Studium, es wird relevant und deshalb wird reflektierter ausgewählt. Das schliesst viele Fehlentscheide aus – und von denen gibts es jede Menge, wenn man mit 13 oder 15 Jahren eigentlich entscheiden muss, was man später studiert.»

«Es ist wichtig, dass bei der Reform nun sorgfältig am Rahmenlehrplan gearbeitet wird. Der aktuelle ist wirklich mangelhaft. Viele Ziele sind schwammig formuliert.»

Franz Eberle, Bildungsexperte

Eberle sagt jedoch mit Blick auf die Gegner dieses Modells: «Wo die Kritiker jedoch Recht haben: Im Anfängerunterricht bei modernen und alten Sprachen als Schwerpunkt ist verteiltes Lernen über mehrere Jahre tatsächlich wirksamer. Da müsste eine Lösung gefunden werden.»
Klar ist also: Ideen gibt es viele. Die Reform dürfte dementsprechend stilprägend sein. Eberle sagt: «Es ist wichtig, dass bei der Reform nun sorgfältig am Rahmenlehrplan gearbeitet wird. Der aktuelle ist wirklich mangelhaft. Viele Ziele sind schwammig formuliert. Die Struktur der Fächer stimmt nur teilweise mit jener im Maturitätsanerkennungsreglement überein.»
So gilt laut dem Experten zum Beispiel in Wirtschaft und Recht der gleiche Lehrplan fürs Schwerpunktfach, Ergänzungsfach und das obligatorische Fach, obwohl diese ganz unterschiedliche Stundendotationen und fachdidaktische Ausrichtungen haben. Das sind sicherlich Fehler, die es auszumerzen gilt – und auf solche offensichtliche Mängel sollte man sich wohl konzentrieren.
Unklar ist hingegen, ob der Wust an Veränderungen – neue Fächer, mehr Inhalt, Systemwechsel – überhaupt etwas bringen werden. Dass die Maturitätsquoten von Kanton zu Kanton ungesund stark variieren; dass gemäss der Intelligenzforscherin Elsbeth Stern mindestens ein Drittel der Gymnasiasten gar nicht qualifiziert sind; dass in Kernfächern wie Deutsch und Mathematik die Leistungen immer schlechter werden, der ungesunde Einfluss der Eltern: Solche expliziten Schwächen kommen in der Ausarbeitung dieser Reform kaum vor.

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