Guy Parmelin: Weisswein für den Wandel

Guy Parmelin: Weisswein für den Wandel

In dieser Woche wurde Ignazio Cassis Nachfolger von Guy Parmelin als Bundespräsident. Ein schwieriges Erbe, wenn man auf das Amtsjahr des Waadtländer Weinbauern zurückblickt.

image
von Ralph Weibel am 10.12.2021, 08:00 Uhr
Michael Streun
Michael Streun
Das Amt des Bundespräsidenten birgt in der Schweiz einige Annehmlichkeiten. Der jeweilige Amtsträger darf mit dem Super Puma der Schweizer Armee, nach der Einweihung eines neuen Fahrradständers in Münsingen, zur Prämierung des tollsten Rammlers ins Calfeisental fliegen. Überall wird ihm ein grosser Bahnhof auf dem Flugfeld bereitet und zur Stärkung und Inspiration ein Glas Weisswein gereicht. Vorab auf Letzteres freute sich Guy Parmelin als Winzer ganz besonders in seinem Präsidialjahr. Doch Corona versaute dem Bundespräsidenten 2021 manchen Apéro. Was seinem ohnehin eher hüftsteifen Auftreten nicht unbedingt entgegenwirkte. Wie wir wissen, liegt die Lockerheit der Westschweizer auf dem Grunde eines Weissweinglases. Grundvoraussetzung für das Savoir-vivre ist boire. Möglichst regelmässig.
Lange half auch das Parmelin nicht ­weiter. In seinen vorangegangenen fünf Jahren als Bundesrat haftete ihm der Humor eines Naturjoghurts an. Den Bürgerinnen und Bürgern schwante im zweiten Coronajahr Böses. Während Parmelins Vorgängerin Simonetta Sommaruga im ersten Jahr der Panik-Pandemie mit ihren Appellen an die Untertanen Steine zum Weinen brachte und ihre immer wilder werdende Frisur manifestierte, wie auch sie unter dem Lockdown litt, verbreitete Parmelin so viel Empathie wie eine Waadtländer Saucisson. Dementsprechend wurden die Hoffnungen auf eine bessere Welt, oder zumindest eine bessere Schweiz, tiefer angesetzt als sein Weinkeller in Bursins. Dazu gesellte sich die berechtigte Angst, der Waadtländer, der «can English understand», aber lieber französisch antwortet, könnte seinem Parteikollegen Ueli Maurer Konkurrenz machen. Dieser hatte nach einem Staatsbesuch in den USA mit einem CNN-Interview das Schweizer Bildungssystem lächerlich gemacht.
Doch, um es in dieser dunklen Zeit etwas besinnlich mit Rilke zu sagen, «immer wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.» Oder wie es die «NZZ» kürzlich in einem Porträt über Parmelin schrieb: «Sind die Erwartungen tief, ist das Überraschungspotenzial umso grösser.» Im Frühling marschierte der ansonsten zögerlich wirkende Bundespräsident strammen Schrittes nach Brüssel. Dort fabulierte er nicht wie gewohnt lange um den heissen Brei herum, sondern schlug die Faust auf den Tisch und schredderte das EU-Rahmenabkommen mit den Worten «c’est fini!» So viel Entschlossenheit hatte er letztmals beim Entkorken einer Flasche Weisswein an den Tag gelegt. Alleine dafür zollten ihm die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes Respekt. International mauserte sich Parmelin damit ebenfalls von einer Raupe zu einem Schmetterling. Chapeau!
Etwas beruhigter schaute man deshalb dem Empfang von Joe Biden und Wladimir Putin in Genf entgegen. Beobachter berichteten, Parmelin habe die beiden Narzissten mit Weisswein handzahm gesoffen und so das Treffen ohne Peinlichkeit über die Runden gebracht. Innenpolitisch kam der Bauernsohn öfter unter die Traktorräder und so verwundert die Aussage aus seinem Umfeld wenig, Parmelin sollte besser Bundespräsident auf Lebzeiten bleiben und sein Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung in Ruhe arbeiten lassen. Also Weisswein trinken. Prost!

Mehr von diesem Autor

image

Fake News: Zensiert ohne Widerspruch

Ralph Weibel24.12.2021comments
image

Entschuldigung, aber es ist Zeit für etwas Optimismus

Ralph Weibel3.12.2021comments

Ähnliche Themen