Gut bezahlte Helden

Gut bezahlte Helden

Mit der Pandemie verbreitete sich auch die Erzählung von der unterbezahlten Pflegekraft. Wer nicht so recht daran glauben wollte, sieht sich nun bestätigt. Das Pflegepersonal verdient gar nicht so schlecht, wie man uns weismachen will.

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von Claudia Wirz am 8.7.2021, 04:00 Uhr
Erschöpfte Heldin: Verdient das Pflegepersonal wirklich so schlecht, wie man meint?
Erschöpfte Heldin: Verdient das Pflegepersonal wirklich so schlecht, wie man meint?
Es ist nicht immer alles so, wie es scheint. Das gilt offenbar auch für die Löhne des Pflegepersonals. Anders als es die gängige Meinung suggeriert, sind diese Löhne recht gut, relativ gesehen sogar sehr gut. Über 6000 Franken verdient man fünf Jahre nach Abschluss der Lehre mit Fähigkeitszeugnis oder nach der Berufsmatura im «Bildungsfeld Pflegepersonal», wie eine neue Untersuchung des Bundesamtes für Statistik zeigt. Nur gerade die Absolventen einer Ausbildung im Bereich Informatik und Kommunikationstechnologie verdienen fünf Jahre nach Abschluss noch besser. Am Ende der Rangliste der Lehrberufe stehen der Gross- und Einzelhandel und die «persönlichen Dienstleistungen». (Finden Sie hier die entsprechende Medienmitteilung.)

Klatschen fürs Gewissen

Hatten wir es im Frühling vor einem Jahr nicht ganz anders gehört? Damals, in der Hochphase der Pandemie, gehörte es zum guten Ton, für das Pflegepersonal zu klatschen – in Anerkennung ihres Einsatzes in dieser aussergewöhnlich fordernden Situation. Das Pflegepersonal genoss während dieser Zeit eine kaum je dagewesene Sympathie. Allein sie schienen in dieser Krise «systemrelevant» - im Unterschied zu all den Bankmanagern, Elektrikern, Lastwagenchauffeuren, Metzgern, Forschern, Versicherungsfachleuten oder Gleisbauern, für die niemand klatschte.
Auf allen Kanälen lieferten die Medien berührende Bilder und aufwühlende Berichte über die Situation der Pflegenden. Und die Gewerkschaften wären nicht die Gewerkschaften, wenn sie eine solche Gelegenheit nicht für ihre Zwecke nutzen würden, zumal wenn eine einschlägige Volksinitative ansteht. Die vom Berufsverband der Pflegenden lancierte «Pflegeinitiative» kommt frühestens im November dieses Jahres zur Abstimmung (den Link zur Initiative finden Sie hier).

Ein politisches Instrument

Und so herrschte vor gut einem Jahr bald kaum mehr ein Zweifel an der Legende von der unterbezahlten, gestressten und am Rande der Erschöpfung wirkenden Pflegekraft. Die Medien befragten mit Vorliebe die Gewerkschaften zu diesem Thema. Anonym durchgeführte Umfragen schienen zu bestätigen, dass es schlecht steht um die Arbeitsbedingungen in der Pflege. Allein, solche subjektiven Wortmeldungen im Schutze der Anonymität sind nicht aussagekräftig und ein Vergleich mit der Situation in anderen Berufsfeldern fehlt vollends. Eine solche Umfrage ist also wenig mehr als ein Instrument zum Erreichen eines politischen Ziels.
Trotz diesem offenkundigen Manko gab es in den Medien nur vereinzelt offene Skepsis an der mittlerweile liebgewonnen These von der unterbezahlten Heldin auf der Krankenstation. Und nun, ein gutes Jahr später, schickt das Bundesamt für Statistik (BFS) in aller Stille eine Meldung, die all das auf den Kopf stellt, woran man so gerne geglaubt hat. Allein, die Medien interessiert es kaum.
Zugegeben, die neue Methode der «experimentellen Statistik», bei der «die Registerdaten mit den Daten der Strukturerhebung des BFS» verknüpft wurden, hat Dinge zutage gefördert, die nicht unbedingt den Stoff für Schlagzeilen liefern. Zum Beispiel hat man herausgefunden, dass Leute mit höherer Qualifikation mehr verdienen. Das ist ziemlich trivial, aber wahr. Und dieser Grundsatz gilt übrigens auch für das Pflegepersonal. Wer unzufrieden ist mit seinem Lohn, sollte sich vielleicht besser weiterbilden, und nicht einfach mit der Trillerpfeife auf die Strasse gehen.

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Claudia Wirz18.10.2021comments

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